Die Erfindung des Kino-Salons unter freiem Himmel

Empörte Kritiker, immer wieder neue Handschriften: eine Chronik von 70 Jahren Locarno anhand seiner Direktoren (und seiner Direktorin).

Frische Luft und Lustbarkeit: Zuschauer während des Festivals 1991. Foto: Rudolf Müller (Keystone)

Frische Luft und Lustbarkeit: Zuschauer während des Festivals 1991. Foto: Rudolf Müller (Keystone)

Es begann 1946, und in Locarno dachte man noch nicht so sehr an Kunst. Sondern eher an die Verlängerung der Hochsaison durch die Verbindung von frischer Luft und Lustbarkeit. So wurde ein Filmfestival aus dem Geist des Tourismus geboren. Der erste Direktor war Riccardo Bolla, ein rühriger Vertreter des Verkehrsvereins Pro Locarno, kein Mann des Kinos. Ein wenig dem Touristischen zuträglicher Kunstwille war jedoch vorhanden. Noch gabs keinen offiziellen Wettbewerb, aber die «Ehrenliste» des ersten Festivals von Locarno vermerkt René Clairs «And then There Were None» als besten Film.

Auf Bolla (1946–1958) folgte 1960, nach zwei durchwurstelten Jahren, Vinicio Beretta, ein Kritiker, der die Sprache des Films tatsächlich sprach. Vor allem war er ein Verfechter eines «jungen» Films und eines glanzvollen Wettbewerbs unter Berücksichtigung des Ostblocks. Er brachte Locarno durch ein paar intensive Jahre des Kalten Kriegs. Manchmal im Zwist mit den Zürcher Verleihern, die mit einem Gegenfestival drohten, wenns mit diesem Locarneser Kommunismus jetzt dann nicht aufhöre.

1966 trat Beretta zurück, es kam Sandro Bianconi, Professor am heimischen Lehrerseminar. Bald kam als Co-Direktor Freddy Buache dazu, Gründer der Cinémathèque suisse. Was sie als Cinephilie empfanden, wurde anderen zur Kinohölle. Dem späteren Festivalpräsidenten Raimondo Rezzonico liefs noch lang kalt den Rücken hinunter, wenn er an dieses Direktorium dachte, das aus dem Kino einen Workshop machte. Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein mit der Verwandlung von Filmerlebnissen in Vorträge. Rezzonico aber kams vor, als habe die Pädagogik dem Festival die ­Magie ausgetrieben.

Das endete 1970. Der Rücktritt der Direktion Bianconi/Buache sei unter dem Absingen einiger wüster Lieder erfolgt. Aber ein Komitee aus Tessiner Honoratioren brachte das Festivaljahr 1971 doch zukunftsweisend über die Runden, beispielsweise mit Woody Allens «Take the Money and Run» und mit der Erfindung der Piazza Grande als riesigem «Kino- Salon». So wars einigermassen sicherer Grund, auf dem der neue Direktor, Moritz de Hadeln antrat. Über seiner Amtszeit, in der das Festival wuchs, lag oft ein Hauch von Kühnheit. Etwas von jenem Mut halt, den es brauchte, um auf der Piazza Andrei Tarkowskis «Andrej Rubljow» zu zeigen und – im Saal natürlich und mit Altersbeschränkung – Pasolinis «Salò o le 120 giornate di Sodoma».

Wie es so ist, wenn Erfolg das Selbstbewusstsein stärkt: De Hadeln verlangte Kompetenzen, die das Festivalkomitee ihm nicht gab. Er kündigte 1977 – und wir überspringen jetzt die Direktion von Jean-Pierre Brossard (1978–1981), dessen erstes Festival fast vom Regen davongespült wurde, und springen in die Jahre von David Streiff, dem beliebten, klugen, uneitlen Deutschschweizer.

Unheimlicher Enthusiasmus

Denn da beginnen nun auch die persönlichen Erinnerungen. Die an Atom Ego­yans «Family Viewing», an Aki Kaurismäkis «Ariel». An die, ich schwörs, empörungsbleichen Gesichter von Kritikern, die eben «Henry: Portrait of a Serial Killer» gesehen hatten (1990). Erinnerungen an eine Kontinuität des Ent­deckens mit Spike Lees «Joe’s Bed-Stuy Barbershop: We Cut Heads» (1983), Jim Jarmuschs «Stranger than Paradise» (1984) oder «Höhenfeuer» von Fredi M. Murer, den Gewinnerfilm von 1985 – diese schweizerische Geschichte von Einsamkeit und Inzest, die beträchtliche Verstörungswirkung zeitigte. Das Siegerinterview im Schweizer Fernsehen begann, glaube ich, mit der Frage: «Fredi Murer, warum haben Sie das getan?»

Als David Streiff 1991 ging, war es wie: Verlust. An den Nachfolger, den weltläufigen und etwas hochfahrenden Marco Müller, musste man sich erst gewöhnen. Der wollte kaum einen Stein auf dem anderen lassen, erfand, obwohl ihm die Schweiz eigentlich zu klein war, die Sektion Perspectives suisses und brachte einen Teil des Wettbewerbs auf die Piazza – nicht zu jedermanns Vergnügen. Aber er hat einem doch viel Freude gemacht durch seine Liebe zum Anspruchsvoll-Kuriosen.

Infografik: Die neuen Spielstätten am Filmfestival Locarno Grafik vergrössern

Als 2000 die Zeit des Abschieds kam, war auch eine Ära vorbei und wäre eine Leere gewesen, wenn die intellektuell- temperamentvolle Römerin Irene Bi­gnardi sie nicht gleich gefüllt hätte mit einer eklektizistischen Gier nach erzählter Wirklichkeit. 2006 folgte Frédéric Maire, das war dann eine stille Zeit, wie einem vorkam, aber Maire vertrat «seine» Filme mit sympathischer Energie und in seinem ersten Jahr tatsächlich bis zum Zusammenbruch (Unterzucker). Vielleicht führte also auch Erschöpfung dazu, dass schon nach drei Jahren Olivier Père kam, der elegante Franzose (auch er blieb dann nicht länger).

Öfter als während dieses Direktoriums hat man den Begriff «neue Handschrift» selten gehört. Ich bezeugs, dass schon nach dem zweiten Film seines ersten Wettbewerbs jemand auf mich zustürzte und behauptete, da sehe man sie doch, diese Handschrift. Es herrschte eine geradezu unheimliche Enthusiasmiertheit. Père war zwar ein hochkompetenter Filmmann, aber er musste auch mit dem Wasser der Festivalwirklichkeit kochen. Bei seinem Debüt dachte man dann: Ein schwuler Zombie, der mit dem Gehirn eines seiner Opfer kopuliert («L.A. Zombie»), macht noch keinen Handschriftenfrühling.

Und jetzt: Carlo Chatrian. 2012 hat ihn Festivalpräsident Marco Solari quasi aus dem Hut gezaubert, und von Anfang an machte er den Eindruck von kenntnisreicher Solidität. Ihm hat man den Palazzo del cinema gebaut, von dem man in Locarno seit der Gründerzeit redete. Und er stehe, sagte er einmal, für die stärkste Idee des Festivals: die Entdeckung und die ständig erneuerte Erinnerung an das Kino als «menschliche Kunst, die die Welt erzählt, in der wir leben».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2017, 18:06 Uhr

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