«Die Freiheit hat ihren Preis»

Ein als blasphemisch empfundener Billigfilm war für Islamisten Anlass zu einem Terroranschlag in Libyen. Der schweizerisch-irakische Regisseur Samir über islamkritische Filme.

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Samir, was halten Sie vom Film «Innocence of Muslims» ?
Die Umsetzung ist so mies, dass es sich eigentlich nicht lohnt, etwas darüber zu sagen.

Versuchen wir es dennoch: Wo ist die Grenze zwischen Satire und Beleidigung?
Ob ein Film eine Satire ist und ob sich jemand dadurch beleidigt fühlt, kann nur der Zuschauer beantworten. Aber alle Filme sollten gemacht werden, die gemacht werden wollen. Ausser diejenigen, die sexuelle Gewalt verherrlichen und Kinder darin einbezogen sind.

Ist es im vorliegenden Fall nicht auch dumm – beziehungsweise eine Gefährdung jener Minderheit, die der Film ja zu beschützen versucht?
Ich kenne die Filmemacher nicht. Politisch ist es sicher eine Dummheit, zu behaupten, mit diesem Film könnten die berechtigten Anliegen der Christen im Nahen Osten geschützt werden.

Sind Islamisten anfälliger für solche satirischen Provokationen als andere Fundamentalisten, zum Beispiel christliche?
Religiöse Dummköpfe sind Dummköpfe, egal wo. Im Mittleren Westen, im Zürcher Oberland oder in Saudiarabien.

Aber im Gegensatz zu Christentum-kritischen Filmen gibt es fast keine islamkritischen Komödien – wieso nicht? Wirkt hier immer noch die Fatwa gegen Salaman Rushdie?
Fatwas gibt es an jeder Ecke. Jeder Imam in irgendeiner Moschee kann eine Fatwa machen. Ob sie wirken, hat mit politischen Bewegungen zu tun, die ihre Machtinteressen durchsetzen wollen. In der arabischen Welt gibt es unzählige volkstümliche Witze über die Heuchelei der islamischen Geistlichen. Es gibt auch einige ägyptische Filme, die sich über die Islamisten lustig machen. Also es liegt nicht an den Fatwas im Nahen Osten, sondern an den Möglichkeiten, solche Filme zu finanzieren.

Sie könnten ja in Europa gedreht werden. In Europa ist die Situation nicht anders. Die englische Komödie «Four Lions» von Chris Morris wurde mit minimalstem Budget und unter grösstmöglicher Selbstausbeutung gedreht. Ausser Channel 4 wollte niemand den Film finanzieren. Auch ich musste die Erfahrung machen, dass Filmförderungen und Fernsehsender keine Lust haben, religionskritische Komödien über die Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem politischen Islam zu fördern.

Morris’ Film, in dem sich ein paar Jihadisten aus lauter Dummheit selber in die Luft sprengen, geriet nicht ins Visier von Islamisten. Filmemacher Theo van Gogh wiederum bezahlte mit seinem Leben. Wieso?
Das ist blosser Zufall. Der eine war zur falschen Zeit am falschen Ort und der andere machte seinen Film in einem Moment, in welchem die Parteien des politischen Islam ihn nicht benutzen konnten.

In Deutschland forderte die CDU für «Four Lions» ein Aufführverbot, aus Angst vor Terroranschlägen.
Das ist falsch. Ideologischen Vorgaben darf man sich in einer Demokratie nie beugen. Aber die Freiheit hat ihren Preis.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.09.2012, 11:12 Uhr

Samir ist Regisseur und Inhaber der Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr. Er wurde als Sohn einer Schweizerin und eines Irakers 1955 in Bagdad geboren. Seine Eltern flüchteten 1961 in die Schweiz.

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