Die Gesellschaft ist eine Gummizelle ohne Ausgang

In der Schiffbau-Box wurde das neue Stück von Lukas Bärfuss uraufgeführt: «Zwanzigtausend Seiten».

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12'000 Seiten lang ist der Bergier-Bericht. Die Regalmeter biegen sich unter 25 ausgewachsenen Studien, mehr als 30 Zwischenberichten und Beiheften und einem monumentalen Schlussbericht. Jetzt hat Lukas Bärfuss noch mal 8000 Seiten draufgelegt: «Zwanzigtausend Seiten» heisst das neue Stück des Schweizer Stardramatikers, das am Donnerstag in der Schiffbau-Box uraufgeführt wurde. Und diese 20'000 Seiten, herausgegeben von Professor Jean-François Blonay, Historiker, Wahrheitssucher, Aufklärer, brettern ungebremst auf den Kopf von Tagträumer Tony.

Die geballte Schweizer Schande schlägt den jungen Taugenichts k. o., und als er wieder klar ist, hat sich für ihn auch jener Nebel gelichtet, der über der Vergangenheit lag: Wort für Wort ist Blonays Bericht über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg in Tonys Gehirn eingebrannt.

Dramatischer Irrwitz

Das ist die Ausgangslage in «Zwanzigtausend Seiten»: ein dramatischer Irrwitz wie herausgeschaufelt aus den wilden Zeiten der Theaterexperimentiertruppe 400asa, die Lukas Bärfuss mitbegründet hat. War sein letztes Auftragswerk fürs Schauspielhaus Zürich, «Malaga», geradezu ein klassisches Kammerspiel, betreibt er hier Thesentheater und Verdrängungs-Phänomenologie; zeichnet er die Gesellschaft als Gummizelle ohne Ausgang. Und ohne Gedächtnis.

Darum sind die zahllosen Aktenordner, aus denen Robert Schweer die vier Wände der Bühne gebaut hat, auch alle leer. 24 Reihen Aktenordner ohne Akten sperren die Figuren in einer grauschwarzen Welt ein, die vier Leitern führen ins Nirgendwo; und wir sind ums Karree herum platziert, haben Zwischenraum, hindurchzuschaun, als wärn wir versteckte Polizeipsychologen. Die aber haben noch ein Fitzelchen warm schlagendes Herz im Leib, während wir im Verlauf der 130-minütigen Soiree leider allmählich zur kalten Mauer erstarren.

Dabei hat der 1965 in Rostock geborene Regisseur Lars-Ole Walburg, Ex-Schauspieldirektor am Theater Basel und Intendant am Schauspiel Hannover, einiges probiert, um uns einzuheizen. Vom Walzer bis zum «Voodoo Bamboo», dem «Hammersong», den eine Bühnenfigur wünscht, und vom Purpurrot bis zum Violettblau, das die Lichtregie auf den grauen Kunststoffboden wirft, ist alles schummerig, schwummerig und schwül. Allen voran Ursula Dolls Neurologin, die bei Tony einen eskapistischen Wahn diagnostiziert, weil sie selbst vom Ausbruch träumt. Lüstern lässt sie Arztkittel um Arztkittel zu Boden gleiten, denn Kleider machen Leute nicht nur, sondern sie halten sie gefangen, genau wie Beruf und Biederkeit.

Wie Kanarienvögel bleiben wir im Käfig sitzen, weil draussen «Kohldampf, Kälte und Katzen» lauern, erklärt die Ärztin in einem ihrer Logorrhö-Anfälle, die der poetisch-politische Autor gekonnt als Crescendo komponiert. Nur Tony sei losgeflogen. Sean McDonaghs durchaus sympathischer Tony ist allerdings weniger ein Vögelchen als ein (armes) Würmchen, das sich auf dem Boden windet und daran klebt, als könnte es sonst von der Erde herunterfallen.

Walburg scheint dem durchstilisierten, wortlastigen Werk nicht recht zu trauen und stellt ihm ein verschwitztes, symbollastiges Körpertheater gegenüber; er vergisst dabei, dass Karikaturen allein noch keine Komödie machen und Hüftkreisen allein noch keinen Kitzel. Da erschlägt der trommelnde Regen Tony schier, so, wie es der Blonay-Bericht tut, der seinen Geist beherrscht: die Geschichte von Oskar etwa, der es in die Schweiz geschafft hatte, aber der Gestapo übergeben wurde. Oder die umgekehrte, historisch verbürgte Geschichte vom Naziindustriellen Bernhard Berghaus – einem gesuchten Kriegsverbrecher, der hier einen sicheren Hafen fand.

Später versucht Tony, übers Independent Radio von den Gräueln zu erzählen: Anlass für ein Gefummel über und unter der Gürtellinie, denn auch dieses Medium ist bekanntlich vor allem Massage, nicht Message. Schliesslich überredet ihn seine lebenstüchtig-liebevolle Freundin – eine goldgelockte Franziska Machens in kirschrotem Kleidchen –, angestiftet durch einen schleimigen Künstleragenten (spitze Schuhe, verlogene Phrasen: Klaus Brömmelmeier), an einer Talentshow teilzunehmen. So tritt der «Mann mit dem Elefantengedächtnis» mit Plüschelefant auf dem Kopf auf, weiss alles und redet sich dennoch um die Million Franken: Immerzu will er «die ganze Geschichte» erzählen, die doch keiner hören möchte. Diese helvetische Taubheit hat schon den Professor (Brömmelmeier, stammelnd) und einen Journalisten (Lukas Holzhausen, Pilze kauend) in den Wahnsinn getrieben.

Wie wird aus Wort Fleisch?

In solch zugespitzten Szenen mutet Lukas Bärfuss uns Moral und eine Menge, eine arg grosse Menge an offenen Fragen zu. Wo etwa ein Peter Weiss einst fokussierte («Die Ermittlung»), öffnet Bärfuss den Horizont vom Historischen ins Gegenwärtige und Grundsätzliche: Warum glätten wir die Kanten im Eigenen und im Fremden und bleiben im Käfig? Wie wird aus totem Wort pulsierendes Fleisch? Und was bedeutet eigentlich Liebe? Kann das Theater ungeliebte Geschichte ins Heute schmuggeln, derweil es darüber spricht, dass das nicht geht?

Die Ärztin zieht ihre Kittel aus, die Radio-Aktivisten wechseln ihre Perücken und die Schauspieler ihre Rollen – 23 Rollen sind auf sechs Leute verteilt. Alle sind auf einem Kostümball, drehn sich buchstäblich im Kreis; und wer gewinnt, hat verloren – die Wahrheit, sich selbst. Auch Tony gibt am Ende sich und seine Geschichten aus brauner Zeit für eine gut situierte Gemütlichkeit auf. Lukas Bärfuss dagegen hätte immer noch viel zu sagen. Aber das geht unter in den Nebengeräuschen: im Gekasper der Akteure, im Gequake der Musik – und auch im Geraschel seiner «20'000 Seiten».

Erstellt: 04.02.2012, 08:56 Uhr

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