«Die Kulturwelt verliert einen ihrer Allergrössten»

Die Zürcher Stadtpräsidentin, der Bundesrat, ein alter Schulfreund, Berlins Bürgermeister: Die Welt trauert um Bruno Ganz.

Die zwölf letzten Tage im Führerbunker von Berlin: Bruno Ganz spielte mehrere überraschende Rollen. Video: Youtube/sda

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Die Reaktionen auf den Tod des Schauspielers Bruno Ganz sind zahlreich. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch sagt auf Anfrage: «Mit Bruno Ganz verliert die Kulturwelt einen ihrer Allergrössten. Seine Genialität auf der Bühne und im Film, sein Mut zu schwierigsten Rollen, seine Feinsinnigkeit und Intelligenz als Schauspieler und engagierter Mensch: Die Stadt Zürich war stolz auf diesen herausragenden Botschafter. Bruno Ganz wird uns fehlen.»

Stadtrat Filippo Leutenegger hat Bruno Ganz einige Male gesehen und mit ihm gesprochen: «Er war ein unglaublich bescheidener Mensch ohne Allüren und das trotz seinen grossartigen Leistungen. Er konnte vor allem die Menschen lesen, er hatte ein gutes Auge für das Wesentliche und für das, was sie ausmachten.»

«Dann wirkte er scheu und zurückgezogen, als wollte er nicht angesprochen werden.»Christoph Schaub, Regisseur

Der ehemalige Lausanner Geschichtsprofessor Hans-Ulrich Jost ist mit Bruno Ganz in das oberreal-Gymnasium gegangen, beide waren nicht aus begüterten Schichten, sondern kamen aus einfachen Verhältnissen in Oerlikon und Seebach: «Wir haben uns aber nie vergessen und uns zwei-, dreimal getroffen», sagt Jost.

«Ich kann mich noch gut erinnern wie er am Schauspielhaus Zürich absolut überzeugend den Torquato Tasso spielte», so der Geschichtsprofessor. «Den Hitler-Film fand ich zwar beeindruckend, ich war aber nicht begeistert. Bruno Ganz hat mir aber das deutsche Theater näher gebracht, wofür ich ihm immer dankbar bin.»

«Die Arbeit mit Bruno Ganz war sehr konzentriert, seriös und fordernd», sagt Regisseur Christoph Schaub. Diese Haltung habe alle Beteiligten angesteckt: «Die Techniker, die Statisten, die Organisation und natürlich Corinna Harfouch, die ‹Giulia› seiner Spielpartnerin. Nicht, dass Corinna nicht auch sehr seriös und ernsthaft wäre, doch sie braucht bei der Arbeit auch mal die Momente der Entspannung und Erleichterung.»

Sobald aber die Arbeit beendet gewesen sei, habe Bruno Ganz scheu und zurückgezogen gewirkt, als wollte er nicht angesprochen werden. «Sprach ich ihn dann trotzdem an, war er sehr offen, freundlich und charmant. Ganz offensichtlich froh, dass jemand auf ihn zu ging.» Ganz habe in diesen Momenten ein wenig so gewirkt, wie ein Junge am Rand des Schulhofs. «Alle Kinder spielen, nur er darf nicht dabei sein. Dann kommt endlich ein Kind bittet ihn, auch mitzutun. Ein erleichtertes Strahlen im Gesicht. So ist mir Bruno in diesem Moment vorgekommen.»

«Selbst in den boshaften Rollen schimmert bei Bruno Ganz und seinen Charakteren immer Menschlichkeit durch.»Alain Berset, Bundesrat

Bundesrat Alain Berset erklärt, mit Ganz verliere Bühne und Film einen der ganz grossen Schweizer Darsteller. Er lässt sich wie folgt zitieren: «Selbst in den boshaften Rollen schimmert bei Bruno Ganz und seinen Charakteren immer Menschlichkeit durch. Das macht sein Wirken und Werk so bedeutsam, weil es differenziert und dadurch verstörend wirkt. Er spielte die Rolle nicht, er lebte sie.»

Bei seinen Begegnungen mit Bruno Ganz habe er einen grossartigen Menschen kennengelernt, der ein intensives Leben führte mit allen Chancen und Risiken. Der Zusammenhalt der Gesellschaft habe ihn beschäftigt.

Zürich war stolz auf ihn: Bruno Ganz (rechts) im Gespräch mit dem Schauspieler Klaus Kinski, mit dem er in Werner Herzogs Film «Nosferatu» spielte. (14. Februar 1979) Bild: Keystone

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller zeigte sich betroffen über den Tod von Bruno Ganz, der in der deutschen Hauptstadt in zahlreichen Rollen zu sehen war. «Der Tod von Bruno Ganz ist ein grosser Verlust für die deutschsprachige Theater-und Filmwelt.»

Bruno Ganz habe zu den Grossen seines Metiers gehört. Als Mitglied des Ensembles der Schaubühne habe Ganz in Berlin unter den grossen Regisseuren der Zeit gespielt, heisst es in einer Erklärung am Samstag in Berlin.

Müller erinnerte an den Film «Der Himmel über Berlin» und Ganz' Rolle als Adolf Hitler in «Der Untergang», die ihn auch international berühmt gemacht habe. Besonders hervorzuheben sei auch sein politisches Engagement. «Wir werden Bruno Ganz vermissen und sind mit den Gedanken bei seinen Angehörigen und trauern um einen grossen Schauspieler.»

Ein Mentor der Luftgeister, die die Bühnen und Leinwände dieser Welt bevölkern.Barbara Frey, Intendantin Zürcher Schauspielhaus

Die deutsche Schauspielerin Iris Berben, die mit Ganz einige Jahre das Präsidium der Deutschen Filmakademie geteilt hatte, erklärte: «Sein Wissen um den Beruf, seine Klugheit und vor allem seine Haltung haben mich gestärkt und mir meinen Weg dann geebnet. Sein nationales wie internationales Renommee ist unumstritten, aber mir wird er vor allem als Freund fehlen.»

Barbara Frey, die langjährige Intendantin des Zürcher Schauspielhauses, erzählt, Bruno Ganz habe ungehalten auf die Frage reagieren können, wie er denn all seine vielgestaltigen Rollen bewerkstellige. «Über seine Kunst wollte er nicht sprechen, sie sei ja da, sie sei sichtbar. Das war sie in der Tat. Sein Charisma war stets überwältigend, manchmal unheimlich, und er behielt bis zuletzt etwas seltsam Knabenhaftes, etwas Kleistisches. Eine unerklärliche Unschuld, manchmal eine verstörende Sprödigkeit – aber er hat einen immer berührt», findet Frey.

Und: «Man konnte sich ihm nicht entziehen. In seiner Sprache lag etwas Unbedingtes, Eindringliches, er nahm das Wort ernst. Das literarische, das Bühnenwort, das Wort, das für die Darstellende Kunst niemals unverbindlich klingen darf. Damit wird er für viele ein Vorbild bleiben, ein Mentor der Luftgeister, die die Bühnen und Leinwände dieser Welt bevölkern.»

«Ich habe das Gefühl, dass nichts im Weg sein soll, wenn er auf seinem Weg ist in den Himmel über Berlin.»Dieter Kosslick, Leiter der Berliner Filmfestspiele

«Bestürzt und sehr traurig über den Tod meines grossen, wenn nicht grössten Kollegen» zeigte sich der neu gewählte Präsident der Filmakadamie, Schauspieler Ulrich Matthes. Um anzufügen: «Eine Bitte: Hören Sie Bruno Ganz liest Hölderlins «Diotima» auf Youtube.»

«Sein Tod hinterlässt eine grosse Leere. Seine einzigartige Kunst, seine Stimme und sein unvergleichliches Lächeln werden mir, werden uns unendlich fehlen», sagte Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele, zum Hinschied von Bruno Ganz.

Der Leiter der Berliner Filmfestspiele, Dieter Kosslick, erinnert sich an eine «wunderbare Zusammenarbeit» mit Bruno Ganz. Mit Blick auf blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein über Berlin sagte Kosslick am Samstag während der Berlinale: «Ich habe das Gefühl, dass nichts im Weg sein soll, wenn er auf seinem Weg ist in den Himmel über Berlin.»

(oli/sda)

Erstellt: 16.02.2019, 14:11 Uhr

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