Die Mär vom sicheren Endlager

In seinem Dokfilm begibt sich der Basler Edgar Hagen auf die Suche nach dem Ort, an dem hochradioaktive Abfälle die erforderlichen eine Million Jahre gelagert werden können. Das Ergebnis ist erschreckend.

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Erst 30'000 Jahre ist es her, dass der Neandertaler ausstarb, sogar erst 14'000, als der Rheinfall entstand. Wer will also wissen, was in einer Million Jahren alles passiert? Bis dann wird unter anderem mit 10 bis 15 Eiszeiten gerechnet.

Der unvorstellbar grosse Zeitraum mag mitgeholfen haben, das Problem der Endlagerung lange zu verdrängen. Zu gern hörte man die Zusicherung «machbar!» - in der Schweiz von der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra).

Für jeden, der «Die Reise zum sichersten Ort der Erde» sieht, dürfte die Lage künftig nicht mehr so gemütlich sein. Weltweit wird nach stabilen geologischen Umgebungen für Endlager gesucht. Doch selbst wo man sie gemeint gefunden zu haben, bleiben Unwägbarkeiten. Ist ein praktisch unbevölkerter Standort in der Wüste Gobi in ein paar tausend Jahren noch leer? Wie lange halten die Kupferummantelungen, mit denen die Skandinavier ihre Abfälle vor dem Wasser im Granit schützen wollen?

Hochqualifizierter Reiseleiter

Für seinen Trip nach China, in die USA, Australien, Skandinavien, Grossbritannien, Deutschland und Österreich hat der Regisseur Charles McCombie als Reiseleiter gewinnen können. Dieser hat 1978-1999 für die Nagra am Endlagerprogramm «Projekt Gewähr» gearbeitet und gilt heute weltweit als einer der besten Experten auf diesem Gebiet.

McCombie ist ein Befürworter der zivilen Nutzung von Atomenergie, während der Regisseur Atomkraftwerkgegner ist. Für das Anliegen des Films spielt das aber kaum eine Rolle: Selbst beim sofortigen globalen Ausstieg aus der Atomenergie bleiben die bis heute angefallenen 350'000 Tonnen provisorisch gelagerten hochradioaktiven Abfälle, von denen keiner weiss, wohin damit.

Das heisst, einige Leute, die das zu wissen glauben, hat Hagen schon aufgespürt: Etwa den Bürgermeister von Carlsbad, New Mexiko, der die Bevölkerung mit der Aussicht auf Wohlstand dafür gewinnen konnte, die Gemeinde als Standort anzubieten. Oder den Bürgermeister der schwedischen Stadt Östhammar, dem dasselbe gelungen ist.

Undemokratische Schweiz?

Freilich dürften ein sicherer Standort und eine willige Gemeinde selten zusammen auftreten. In nicht-demokratischen Staaten sei die Standortfindung deshalb vermutlich leichter, sagt Ju Wang, Direktor des chinesischen Endlagerprogramms, im Film.

Seltsamerweise ist die Schweiz in diesem Zusammenhang ein beinahe nicht-demokratischer Staat: Im Moment haben Standortkantone und -regionen kein Vetorecht. «Absurd» findet McCombie. Dies insbesondere, weil oberirdische Verpackungsanlagen vorgesehen sind, in denen radioaktive Abfälle auf ihre Tiefenlagerung vorbereitet werden - keine behagliche Vorstellung für die betroffene Bevölkerung.

Versündigung an künftigen Generationen

Regisseur Hagen enthält sich aber des Kommentars, sein Ehrgeiz gilt dem Zeigen. Nicht nur von aktuellen Projekten in aller Welt, sondern auch von vergangenen Sünden. Zu sehen sind beispielsweise Archivaufnahmen von einem Schiff, das hochaktiven Atommüll in Fässern ins Meer wirft und dabei ein Greenpeace-Boot versenkt. Und Unterwasseraufnahmen dieser Fässer, geborsten und leer.

Einen Rückblick gibt es auch auf das Projekt Yucca Mountain, ab 1987 von 2000 Wissenschaftlern evaluiert, 2002 von George W. Bush gestartet und 2009 von Barack Obama gestoppt - unter anderem, weil der Berg in einem Erdbebengebiet liegt.

«Unfassbar, dass man einen so offensichtlichen Fehler machen kann», sagt ein Fachmann im Film grinsend. Doch wenn schon so offensichtliche Mängel übersehen werden, wie viele verborgene lauern noch auf dem Gebiet? (sda)

Erstellt: 28.10.2013, 10:35 Uhr

Trailer

Wohin mit dem Atommüll? Trailer zu «Die Reise zum sichersten Ort der Erde».

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