Die Mauer muss weg

Der chinesische Kinomarkt boomt, und Hollywood wird nervös. Die Lösung: Der Verbrüderungsblockbuster «The Great Wall» mit Matt Damon. Aber kann das funktionieren?

Hauptsache, es knallt: Die amerikanische und die chinesische Filmindustrie suchen den kleinsten gemeinsamen Nenner. Foto: Universal Pictures International

Hauptsache, es knallt: Die amerikanische und die chinesische Filmindustrie suchen den kleinsten gemeinsamen Nenner. Foto: Universal Pictures International

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Nein, die Chinesische Mauer wurde nicht erbaut, um das Kaiserreich vor Nomadenkriegern zu beschützen, wie naive Historiker behaupten. Sondern um eine Invasion von schmatzenden Schleimmonstern zu verhindern, die gerne Menschen fressen. Das stellt der Fantasy-Film «The Great Wall» endlich klar, der auch in der Schweiz läuft. Darin kämpft ein Söldner aus dem Westen (Matt Damon) mit chinesischen Mauerwächtern gegen die Horrorwesen.

Bereits als der Werbetrailer zum Film veröffentlicht wurde, schallte ein wütendes Social-Media-Echo aus dem Netz, das auf die Frage hinauslief, welcher rassistische Hollywoodtrottel sich das denn nun wieder ausgedacht habe: Chinesen, die nur mit der Hilfe eines weissen Mannes gegen Monster kämpfen können?

Der Film ist allerdings nicht als imperialistische Überlegenheitsgeste eines amerikanischen Filmstudios inszeniert worden, sondern als eine Art Verbrüderungsblockbuster zwischen Ost und West, in dem der weisse Mann aus dem Westen bei den Helden aus dem Osten in die Lehre geht. Regie führt der chinesische Action-Spezialist Zhang Yimou.

«The Great Wall» ist eine chinesisch-amerikanische Koproduktion, die teuerste und aufwendigste, die es bislang gab. 150 Millionen Dollar hat der Film gekostet. Gedreht wurde komplett in China, aber Budget, Filmcrew und Besetzung kommen aus beiden Produktionsländern.

Achterbahnförmiges Wachstum

Das Projekt ist der heikle Versuch, den wichtigsten Kinomarkt der Welt (USA) mit dem zweitwichtigsten (China) zu versöhnen. Bislang sahen sich die beiden Länder im Kinobereich als Konkurrenten – vor allem, weil die Chinesen die Amerikaner wohl noch in diesem Jahrzehnt als ökonomisch bedeutendste Filmnation überholen werden. Wann genau, kann niemand sagen, weil die chinesische Filmbranche zwar wächst und wächst und ein Multiplex nach dem anderen aus dem Boden gestampft wird, diese Entwicklung aber ziemlich achterbahnförmig verläuft. 2015 etwa stiegen die Einnahmen der chinesischen Kinos innerhalb eines Jahres um 49 Prozent an. Das ist für europäische und amerikanische Produzenten, die es mit relativ gesättigten Märkten zu tun haben, ein feuchter Traum. Der Erregungszustand nahm rapide ab, als das Riesenplus 2016 plötzlich auf ein Zwergenplus von nur noch 3 Prozent schrumpfte.

Trotzdem verknüpfen Filmemacher und Investoren mit China weiterhin grosse künstlerische und kommerzielle Hoffnungen. Allein im letzten Jahr ist die Zahl der Kinoleinwände von gut 31'000 auf etwas über 41'000 angestiegen. Der erfolgreichste Kinofilm des letzten Jahres in China war die Komödie «Mei ren yu» («The Mermaid»), die mit über 92 Millionen Besuchern mehr Zuschauer hatte als Deutschland Einwohner.

Wer von diesen Zuschauermassen profitieren soll, ist aus Sicht der chinesischen Regierung klar: chinesische Filmemacher. Um die heimischen Künstler zu fördern, werden immer wieder Megaprojekte beschlossen. In der Stadt Chongqing zum Beispiel soll ein gigantischer Studiokomplex inklusive angeschlossenen Vergnügungsparks entstehen. Gibt es in solchen Grosskinofantasien noch Platz für ausländische Filmer?

Die mächtigen Konzerne der amerikanischen Unterhaltungsindustrie haben sich an China oft genug die Zähne ausgebissen. Streamingdienste wie Netflix und Amazon verzichten derzeit auf den riesigen chinesischen Markt, weil ihnen das staatliche Geflecht aus Regularien und Zensur zu kompliziert ist. Zudem haben chinesische Videodienste wie iQIYI und Youku Tudou bereits Hunderte Millionen Nutzer.

So scheu agieren die klassischen Kinostudios in Hollywood zwar nicht, aber auch ihnen machen die protektionistischen Massnahmen der Regierung zu schaffen. Dazu gehört zum Beispiel, dass pro Jahr nur etwa drei Dutzend ausländische Filme in China starten dürfen – und auch das nur unter der Lizenz von chinesischen Verleihen, die ihre Starttermine behördlich vorgeschrieben bekommen. Den heimischen Filmen bleiben oft die zuschauerreichen Startwochen im Sommer und Ende des Jahres vorbehalten. Dabei schauen die Chinesen sehr gerne amerikanische Filme. In den Top Ten von 2016 sind insgesamt vier ausländische Produktionen vertreten – alle aus den USA. Am besten liefen das Superheldenspektakel «Captain America: Civil War» und der Disney-Trickfilm «Zoomania».

Dreiste Disney-Kopie

Manchmal lieben die Chinesen das amerikanische Kino gar zu sehr, wovon die Anwälte des Disney-Konzerns ein Lied singen können. 2015 kam der chinesische Animationsfilm «The Autobots» ins Kino, der wohl nicht ganz zufällig genauso aussah wie der Disney-Pixar-Hit «Cars». Regisseur Zhuo Jianrong behauptete vor einem Gericht in Shanghai zwar, er habe ein Werk namens «Cars» nie gesehen, aber die Kopie war so dreist, dass Disney den Rechtsstreit gewann. Ein Glücksfall, denn ausländische Firmen haben es oft nicht leicht bei ­Urheberrechtsverletzungen in China.

Weil aber trotz aller Schwierigkeiten die Amerikaner weiterhin Geld machen wollen und die Chinesen wohl auch künftig amerikanische Filme schauen möchten, ist das Action-Abenteuer «The Great Wall» der logische Versuch, eine ökonomische und künstlerische Win-win-Situation herzustellen.

Letzten Herbst wurde ein neues Kinogesetz verabschiedet, das eine Kooperation auch für die Amerikaner fast unausweichlich macht. Darin stehen altbewährte Propaganda-Standardfloskeln der Kommunistischen Partei, etwa dass Filme «dem Volk und dem Sozialismus» zu dienen haben und Filmemacher eine «exzellente moralische Integrität und Selbstdisziplin» unter Beweis stellen müssten. Aber auch, dass ausländische Filmemacher bestraft werden, wenn sie «Chinas nationale Würde, Ehre und Interessen verletzen» sowie dass ausländische Produktionsfirmen schlechter gestellt werden als chinesische – es sei denn, sie sind Partner in einer offiziell genehmigten Koproduktion.

Der amerikanische Produzent Thomas Tull, der die Idee zu «The Great Wall» hatte und mit seiner Produktionsfirma Legendary Pictures unter anderem die Batman- Filme von Christopher Nolan und die «Hangover»-Reihe produziert hat, eröffnete deshalb schon 2011 vorausschauend ein Büro in Hongkong unter dem Namen Legendary East. Diese Firma hat nun gemeinsam mit der China Film Group Corporation in Peking «The Great Wall» gestemmt.

Künstlerische Mutlosigkeit

Regisseur Zhang Yimou, der mit Bombastspektakeln wie «Hero» und «House of Flying Daggers» den Balanceakt zwischen chinesischem Autorenkino und Hollywoodeffekten geübt hat, nähert sich vor chinesischer Kulisse den amerikanischen Mainstreamformeln an. Die Geschichte um die Mauermonster ist hanebüchen, aber auch wurscht. Denn es sind ja die Effekte, die knallen sollen und es auch tun. Matt Damon macht mit Muskeln und begrenzter Mimik Blockbusterdienst nach Vorschrift und lässt sich von der chinesischen Starschauspielerin Tian Jing mit geografisch neu­tralen Kalendersprüchen verführen («Ein Mann muss lernen zu vertrauen, bevor man ihm vertrauen kann»).

Künstlerisch ist der Film von einer erschreckenden Mutlosigkeit: Die Stärken des amerikanischen und des chinesischen Kinos werden zugunsten des kleinsten gemeinsamen Mainstreamnenners glattgebügelt. Was nichts Gutes für weitere Gemeinschaftsproduktionen ahnen lässt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 19:08 Uhr

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