Interview

«Die Menschen sind nicht glücklicher»

Wohlstand, grüne Wiesen und Ausländerhass: Die Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner über Dörfer wie das bernische Suberg und die Auswirkungen der Masseneinwanderungsinitiative.

475 Meter über Meer, 612 Einwohner. Ein Bahnhof, ein Schulhaus, ein Wirtshaus und eine Düngerfabrik: Trailer zum Film «Zum Beispiel Suberg».


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Herr Pfiffner, Herr Baumann, wie gut ist das Image der Schweiz noch?
Baumann: Organisationen wie Präsenz Schweiz zelebrieren ein völlig weltfremdes Image der Schweiz: Schoggi, Berge, Uhren. Erstaunlicherweise hat das im Ausland bislang ganz gut funktioniert.
Pfiffner: Auch viele Schweizer würden sagen, dass das Land ein ausgezeichnetes Image hat.
Baumann: Die Aussenwerbung hat aber auch das Selbstbild enorm beeinflusst. Die Schweizer nehmen ihr Land zunehmend mit den Augen eines Touristen wahr: Bergseen, grüne Wiesen, Kühe.

In «Image Problem» sagt ein Einwohner: «Hier halten sich einfach alle an die Ordnung.» Seit dem letzten Abstimmungssonntag ist klar, dass viele Einwohner diese Ordnung für bedroht halten.
Pfiffner: Das haben wir bei den Dreharbeiten auch gespürt. Es herrscht eine diffuse Angst vor.
Baumann: Viele fühlen sich nicht mehr verwurzelt. Sie denken: «Das ist nicht mehr meine Schweiz.»

Sind die Medien für das Resultat verantwortlich?
Baumann: Das Bild des bedrohlichen Ausländers wird seit Jahren heraufbeschworen – nicht nur von den Medien. Als wir den Film 2010 drehten, liefen gerade die Debatten zur Ausschaffungsinitiative. Wir spürten schon damals eine grosse Fremdenfeindlichkeit.
Pfiffner: Nach der Uraufführung des Films sagte man uns: «Die unverhohlenen Rassisten, die ihr zeigt, sind nur die Minderheit.» Aber das stimmt nicht. Die Abwehrhaltung gegenüber Ausländern ist sehr verbreitet.

Ein Schrebergärtner lässt sich in Ihrem Film zum Hitlergruss hinreissen. Sind die Schweizer wirklich so rassistisch?
Baumann: Nicht unbedingt. Aber der Rassismus ist salonfähig geworden. Fremdenfeindliche Äusserungen werden im privaten Rahmen ohne weiteres zugelassen und zunehmend auch öffentlich toleriert. Für uns war dies eine erschreckende Erfahrung. Stichworte wie «EU» oder «Ausländer» genügten, um fremdenfeindliche Tiraden auszulösen – die Leute schimpften vor der Kamera mit einer Selbstverständlichkeit, als ob der Ausländerhass ein gesellschaftlicher Konsens wäre.

Jetzt wird die Zuwanderung eingeschränkt. Beruhigt sich dadurch die Stimmung?
Pfiffner: Ich hoffe es. Die Lektüre der Leserkommentare auf manchen Portalen vermittelt allerdings einen anderen Eindruck.
Baumann: Die Leute dürften durch die Abstimmung in ihrer Fremdenfeindlichkeit eher bestärkt werden.

Welche Aufgaben muss die Politik in dieser Situation wahrnehmen?
Baumann: Die Gemeinschaft stärken und das Leben in den Agglomerationen attraktiver machen. Die Isolation der Menschen in ihren Autos und Einfamilienhäuschen hat die Abschottungsmentalität gefördert – beispielsweise in meinem Heimatdorf Suberg. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das ein verschlafenes Bauerndorf: Es gab einen Dorfladen, eine Gemeinschaft, keine hässlichen Industriebauten und keine Zersiedelung. Heute ist Suberg eine Ansammlung von Einfamilienhäusern ohne öffentliche Begegnungszone geworden. Die Leute in Suberg denken: «Irgendetwas stimmt nicht.»

Der Grund für die Fremdenfeindlichkeit heisst demnach: Verunsicherung.
Baumann: Viele Leute fragen sich, wo die Entwicklung hinführen soll. Sie fühlen sich nicht mehr geborgen – irgendwie ist es dort, wo sie wohnen, nicht mehr schön. Der Wohlstand ist gewachsen, aber die Menschen sind nicht glücklicher geworden.
Pfiffner: Das Phänomen zeigt sich gerade bei Menschen, die aus der Stadt zugezogen sind. Sie sind zwar nicht auf dem Land aufgewachsen, aber haben trotzdem diese idyllischen Bilder vom Landleben im Kopf. Gemessen am Image, das sie von der Schweiz haben, ist die Realität für diese Menschen dann eine Bedrohung. Und die Ausländer werden dann für alles Negative verantwortlich gemacht.

Ist das der Grund, warum die Zuwanderung nur noch als Problem thematisiert wird?
Pfiffner: Dazu trägt wohl auch das schlechte Image bei, das viele Schweizer von der EU haben. Politiker handeln sich praktisch nur Ärger ein, wenn sie die Zuwanderung unter einem positiven Vorzeichen ansprechen.
Baumann: Die EU ist richtiggehend zum Tabuthema geworden. Deshalb haben wir am Ende unseres Films auch die Verbrüderungsszenen eingebaut, wo Menschen mit einer EU-Flagge andere Menschen in Schweiz-Kleidern umarmen.

Wie gelang es Ihnen, offensichtliche EU-Feinde für solche Szenen zu gewinnen?
Baumann: Mit innerer Begeisterung haben diese Leute nicht mitgemacht.
Pfiffner: Wir haben ihnen Geld gegeben – zweihundert Franken. Geld ist ein sicheres Mittel, um Menschen jeglicher Nationalität zu ködern. Die Leute haben die Umarmungen dann als schauspielerischen Akt angesehen.

Nun ist die Schweiz gefordert – sie muss ihr gutes Image in Europa bewahren. Gelingt das auch mit monetären Mitteln, etwa mit Entwicklungsgeldern?
Baumann: Das glaube ich kaum. Bis jetzt ist die Schweiz mehrheitlich unter dem Radar der EU geflogen. Aber jetzt wird es eng. Die EU muss eine härtere Gangart einschlagen, sonst verliert sie ihr Gesicht.

Könnte die EU mit Zugeständnissen umgekehrt ihr Image bei den Schweizern aufbessern?
Pfiffner: Ich glaube, dass Zugeständnisse bei der Personenfreizügigkeit gefährlich wären. Viele Leute sähen sich in ihrem Weltbild bestätigt – die allgemeine Abwehrhaltung würde zusätzlich befeuert.
Baumann: Am schlimmsten fände ich, dass die Schweiz dadurch zum Vorbild für andere Länder mit nationalistischen Tendenzen würde. Ganz nach dem Motto: «Komm, wir sind wieder Nationalisten und machen die Grenzen dicht.» Als ob die aktuellen Probleme der europäischen Länder nur wegen der EU entstanden wären und Faktoren wie die Finanzkrise keine Rolle gespielt hätten.
Pfiffner: Eigentlich müssten wir ja einen Imagefilm über Europa machen (lacht).
Baumann: Ohne die EU hat Europa wirtschaftlich keine Chance. Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass die einzelnen Länder in der globalisierten Welt etwas bewirken könnten. Wenn die Schweiz aus dem Herzen von Europa dieses Projekt torpediert, dann schäme ich mich schon etwas, Schweizer zu sein.

Erstellt: 22.02.2014, 12:00 Uhr

Image Problem


Entlarvende Kleinstaatlichkeit: Trailer zum Film «Image Problem» von Simon Baumann und Andreas Pfiffner.

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Die Personen

Seit dem Abschluss des Medienkunststudiums in Bern arbeitet Simon Baumann als selbstständiger Filmemacher. Zusammen mit Andreas Pfiffner realisierte er unter anderem den Kurzfilm «Emozioniere» (2009). Sein Film «Zum Beispiel Suberg» lief im Winter 2013 in den Kinos. (Bild: PD)

Andreas Pfiffner studierte Rhythmik in Biel und Musik und Medienkunst in Bern. Er realisiert als freier Filmemacher Dokumentarfilme, Kurzfilme, Visuals und Auftragsarbeiten. (Bild: PD)

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