Die Nacht vor dem Crash

Und wieder die Wallstreet: An der 61. Berlinale schaufelt sich Kevin Spacey sein Grab als Banker.

Langsam dämmerts: Kevin Spacey sieht die Finanzkrisenwelle anschwappen.

Langsam dämmerts: Kevin Spacey sieht die Finanzkrisenwelle anschwappen. Bild: PD

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Schnürschuhe, so weiss wie Schnee, oder kniehohe Jägerstiefel mit riesigen Schnallen dran? Wir sind ja nicht als Stilpolizei zur Berlinale gekommen, dazu fehlt es uns an der modischen Kompetenz, aber es war schon ein eigenwilliges Doppel, das die beiden Schauspieler Kevin Spacey und Jeremy Irons gestern vor den Fotografen abgaben. Der gestiefelte Jägersmann war Herr Irons, die weissen Schuhe gehörten Herrn Spacey, und die beiden waren angereist, um einen gar nicht extravaganten Film vorzustellen, in dem das Ensemble grau uniformiert durch die Szenen läuft. Wir sind, wieder einmal, an der Wallstreet.

Der 24-Stunden-Countdown

Der Film heisst «Margin Call», und er führt uns zurück zu den letzten Stunden vor dem Bankencrash, als es den ersten Analysten dämmert, dass die Kreditblase demnächst platzen wird. Die dramaturgische Prämisse in diesem erstaunlich hochkarätig besetzten Erstling von Regisseur J. C. Chandor hat ihren Reiz: Der Film zeigt, was sich in den New Yorker Büros irgendeiner Bank abgespielt haben könnte, in den 24 Stunden vor dem Crash. Das beginnt damit, dass eine geschniegelte Brigade von Consulting-Schergen aufmarschiert und beim Risk Management einen guten Teil des Personals kaltstellt. Und es endet damit, dass Kevin Spacey als altgedienter Banker eine Grube für seinen toten Hund gräbt – und symbolisch für die eigene Karriere.

Dazwischen liegt eine einzige Nacht von Hektik und Melancholie. Und vor allen Dingen der Versuch, die Banker als Menschen in einer Ausnahmesituation zu zeigen, ohne darüber zu urteilen. Die Medien haben die Wallstreet dämonisiert, jetzt will das Kino den Bankern ihr gewöhnliches menschliches Antlitz zurückgeben? Das mag legitim sein, wenn das Ergebnis nicht so banal wäre. «Margin Call» mag die nüchterne Antwort auf Oliver Stones frivole Fortsetzung von «Wall Street» sein. Aber schlauer ist dieser Film nicht. Jeremy Irons als CEO kostet seine Zeilen so theatralisch aus, als hätte ein moderner Shakespeare sie geschrieben. Die Dialoge jedoch zünden selten, und nur zu oft fragt man sich, wie wohl ein smarter Drehbuchschreiber wie Aaron Sorkin («The Social Network») die Prämisse von der letzten Nacht vor dem Crash dramatisch zugespitzt hätte.

Gespenstisch stark: «El premio»

Ein erster Preis wurde gestern aber schon verliehen, und gestiftet wurde er von der argentinischen Armee – wenn auch nur im Kino. Im Film «El premio» wird ein Mädchen in der Schule für einen Aufsatz geehrt, in dem es wider besseres Wissen die Militärs preist, die seinen Vater verschleppt haben. Versteckt vor dem Zugriff des faschistischen Regimes, haust das Mädchen mit der Mutter in einer Bruchbude an vernebelter Meeresküste. Das Unbeschwerte des kindlichen Treibens am Strand wird von Anfang an von einer diffusen Bedrohung überlagert, und selbst die Musik, die wie ein Windspiel über die Bilder weht, kommt von verstimmten Instrumenten.

Es ist ein gespenstisch starker Film über die Schatten der Vergangenheit, gefiltert durch den autobiografischen Blick von Regisseurin Paula Markovitch, die ihre Kindheit in Argentinien verbrachte. Es mag noch viel zu früh sein, um schon die Anwärter auf den Goldenen Bären zu sortieren. Aber wundern wir uns nicht, wenn am Ende auch ein Preis für «El premio» übrig bleibt.

Erstellt: 12.02.2011, 19:04 Uhr

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