Die Navy Seals haben ihr Drehbuch getötet

Die US-Regisseurin Kathryn Bigelow verfilmt die Jagd auf Osama Bin Laden. Nun funkt die Realität dazwischen.

Laut Tagi die «härteste Frau von Hollywood»: Die Regisseurin Kathryn Bigelow.

Laut Tagi die «härteste Frau von Hollywood»: Die Regisseurin Kathryn Bigelow. Bild: Reuters

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Kathryn Bigelow (59) gilt als ernsthaft und reserviert. Selten nur lässt sie sich auf Hollywoods Partys und Empfängen blicken, sie gibt ihren beiden Hunden den Vorzug vor geschwätziger Gesellschaft. Und nun wird vermeldet, dass sich Bigelow für ein paar Tage noch mehr zurückziehen werde – in die Klausur. Bigelow wolle sich in Ruhe überlegen, wie es mit ihrem neuen Film weitergeht, so die Begründung.

«Kill Bin Laden» sollte der Film heissen. Das klingt aktuell: Eben ist Osama Bin Laden ja wahrhaftig getötet worden. Das Problem ist bloss: In Bigelows Spielfilm hätte der Terroristenchef offenbar überlebt. Er wäre noch einmal knapp davongekommen.Viel mehr weiss man nicht über das Projekt. Im Grunde nur das Folgende: Drehbuchautor Mark Boal hat die Story realitätsnah angelegt. Als einstiger Recherchierjournalist verfügt er über erstklassige Kontakte im Militär, kennt insbesondere auch Leute aus den Navy-Spezialkommandos, die hinter Bin Laden her waren.

Hollywood rätselt

Ihnen, den Terroristenjägern, ist in «Kill Bin Laden» die Hauptrolle zugedacht. Nachdem die Navy Seals nun aber im wahren Leben reüssierten, ist es wohl kaum möglich, einen Filmplot aufrechtzuerhalten, der das Gegenteil schildert. Glück im Unglück, dass Bigelow erst im Sommer drehen will. In den letzten Wochen machte sie sich ans Besetzen der Rollen. Jetzt wird sie eher das Projekt überholen müssen.Wie schwierig das ist, wissen letztlich nur sie und ihr Autor Boal: Kann man einfach die letzten fünf Minuten umbiegen: toter Terrorist statt überlebender Terrorist? Oder muss vielmehr die ganze Tonalität des Films ändern? Und ist das machbar? Darüber rätselt derzeit Hollywood.

Sicher ist Bigelow die starke Kraft für den starken Stoff. Der «Tages-Anzeiger» schrieb einmal, sie halte den «inoffiziellen Titel der härtesten Frau von Hollywood». Dabei hatte vorerst nichts auf eine Karriere als Actionregisseurin hingedeutet. Bigelow studierte an der elitären Columbia University in New York Kunst. Sie ist eine ausgebildete Malerin.Freilich war ihre Abschlussarbeit bereits ein Kurzfilm.

Erweist sich der Fluch als Segen?

Bald schlug sie im Genre zu, das Männer prägten – weibliches Adrenalinkino: Der Copthriller «Blue Steel» machte sie 1989 bekannt, hernach war jeder neue Bigelow eine Gefahr für den Blutdruck des Zuschauers. Für «The Hurt Locker» erhielt sie letztes Jahr – als erste Frau überhaupt – den Oscar für die beste Regie. Sechs Oscars holte der Film insgesamt. Für «The Hurt Locker» hatte Bigelow mit Drehbuchschreiber Boal zusammengespannt; auch privat kamen sich die zwei näher. Ihr Werk handelt von einer Handvoll US-Militärs in Bagdad, die Bomben und Sprengfallen entschärfen und dabei allmählich eine Art Sucht nach der Gefahr entwickeln.

Die Kribbeligkeit war im Kinosaal ansteckend, man roch den Staub der irakischen Strasse ebenso wie den Schweiss der Entschärfer. Denselben Effekt erhofft man sich nun von «Kill Bin Laden». Wird sich die Regisseurin in ihrem Time-out entschliessen, das Projekt weiterzuführen? Derzeit ist das halbe US-Filmgewerbe daran, taugliche Bin-Laden-Stoffe aufzutreiben und zu erwerben. Bigelow verfügt bereits über eine solche Vorlage von einem Könner. Findet sie vor dem Dreh den entscheidenden Dreh, ist im Winter wieder mit Kino von ihr zu rechnen, das die Geschichte der Gegenwart packend erzählt. Der Fluch der Realität könnte sich am Schluss als Segen erweisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2011, 07:50 Uhr

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