Filmkritik

Die Queen von Venedig

In Stephen Frears’ Schicksalsdrama «Philomena» spielt Judi Dench eine einfache Frau, der von Nonnen böse mitgespielt wird. Und sorgte damit für die bisher grösste Begeisterung am Filmfestival von Venedig.

Mehr Ferien-Aura geht nicht mehr: Judi Dench in Venedig. (31. August 2013)

Mehr Ferien-Aura geht nicht mehr: Judi Dench in Venedig. (31. August 2013) Bild: AFP

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Es gibt die Jugend, die ist kurz und schön und bei manchen ein bisschen wild. Und dann gibt es das Älterwerden und schliesslich das Alter, und diese dauern den ganzen verdammten Rest des Lebens. Dass man daraus allerdings noch einmal soviel machen kann, wie andere in mehreren Leben zusammen, das lernt man am besten von älteren britischen Damen. Natürlich von der Queen, aber vor allem von diesen beiden grossen britischen Schauspielerinnen, von Judi Dench und Helen Mirren. Die Mirren, heute 68, hat ja 2006 in Venedig ihre zweite Karriere angefangen, es gewann da „The Queen“ von Stephen Frears mehrere Preise, und sie selbst wurde zur besten Darstellerin gekürt, der Oscar folgte.

Jetzt ist Stephen Frears («Dangerous Liaisons», «High Fidelity») mit Judi Dench, 78, im Wettbewerb. Und bei Judi Dench geht es nun nicht um die Möglichkeit einer zweiten, sondern vielmehr sogar einer dritten, ihrer Post-Bond-Karriere nämlich. Sechsmal war sie die Chefin von James Bond, in «Skyfall» haben wir sie verloren, was war das für ein Schock, sie starb da in einer schottischen Moordlandschaft, es war entsetzlich, man hätte das dem Regisseur wirklich nicht erlauben sollen. Doch heute trat sie in Venedig vor die Presse, braungebrannt, mit platinblondem Haar, viel Silberschmuck und in einem hellblauen Kaftan. Mehr Ferien-Aura geht nicht mehr. Und die Kritiker taten, was sie eigentlich nie tun, sie sprangen von ihren Sitzen und spendeten der Lady eine Standing Ovation. «Herr Frears, ist es schwer, mit Judi Dench zu arbeiten?», will einer wissen. «Nicht mit ihr zu arbeiten, das ist schwer», gibt er zurück. «Und wieso machen Sie eigentlich immer Filme über Frauen?» – «Weil ich fast keine Männer kenne.» Sie selbst: zurückhaltend, leise, britisch, sie setzt gern Worte wie «immensely» und «incredibly» ein – «she was immensely funny and incredibly lively», sagt sie über ihre Begegnung mit Philomena Lee.

Wenn die Kritiker reihenweise schluchzen

Mit «Philomena» hatten Stephen Frears und Judi Dench Stunden zuvor den ersten Begeisterungsrekord des Festivals gesetzt: Der Film liess die Kritiker (gut, es waren vor allem Kritikerinnen über 60, aber es ist die Wahrheit) reihenweise schluchzen und erhielt immer wieder Szenen- und minutenlangen Schlussapplaus. Wie alles, was grosse Rührung erzeugt, erzählt «Philomena» eine wahre Geschichte. Die der Philomena Lee nämlich, die heute 80 ist und die in einem von Nonnen geführten Heim für gefallene Mädchen in Irland aufwuchs. Ihr Kind, das sie sich von einer Jahrmarktsbekanntschaft eingefangen hatte, wurde von den Nonnen nach Amerika an eine reiche, konservative Familie verkauft. Die Nonnen verhinderten 50 Jahre lang jeden Kontakt zwischen Mutter und Sohn, dann überzeugte Philomena den gerade gefeuerten Politberater und Journalisten Martin Sixsmith davon, mit ihr nach ihrem Sohn zu suchen. Der war in den 50 Jahren zum Rechtsberater von Reagan und Bush senior geworden, war schwul und starb schliesslich an Aids.

Es ist eine fette und in England sehr bekannte Schicksalsgeschichte. Der Komiker Steve Coogan hat daraus ein Drehbuch gemacht und spielt auch gleich Martin Sixsmith, einen zynischen, scharfzüngigen Atheisten, der nun auf die gläubige, naive und immer sehr freundliche pensionierte Krankenschwester Philomena trifft. Dass da aus der grundsätzlichen Tragödie viel Komik und gegenseitige Umerziehung erwächst, ist klar, das ist schon sehr gut geschmiertes Wohlfühlkino und wird auf jeden Fall ein Hit. Doch wie Judi Dench das spielt, diese Frau, deren simples Weltbild in sich vollkommen funktioniert und zwar so, dass sich damit eine grosse Würde leben lässt, das ist schwer beeindruckend. Es äussert sich in ihrem Spiel dieser Bodensatz einer langen Karriere und Erfahrung, der macht, dass sich mit ganz wenig Druck ganz viele Nuancen erzeugen lassen.

Ihren ersten Oscar hat sie ja schon, auch sie bekam ihn als Queen, als Elizabeth I. in «Shakespeare in Love» (1998), und wenn Venedig könnte, so würde es ihr für ihre Philomena sofort den zweiten überreichen. Jedenfalls aus diesem samstäglichen Aufruhr der Herzen heraus. Aber auf jeden Fall sollte Hollywood von Judi Dench eines lernen: dass mehr Falten für viel mehr Ausdruck gut sind.

Erstellt: 31.08.2013, 16:39 Uhr

Trailer: «Philomena»

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