TV-Kritik «Tatort»

Die Schussangst des Drehbuchteams

Die Erwartungen waren gross, die Enttäuschung ebenso: Mit dem neuen Franken-«Tatort» kehrt Fabian Hinrichs als Kommissar auf den Bildschirm zurück.

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Am Ende blickte man in die zitternde Mündung einer Knarre. Aber es knallte nicht an diesem «Tatort»-Abend. Wobei der genau so begann, wie ein guter Krimi beginnen könnte: In einem namenlosen Waldstück wurde ein Universitätsprofessor beim Seitensprung ins Nirwana katapultiert. Mit zwei Schüssen in den Kopf. Sprengstoff gab es genug in diesem «Tatort»: Der Erschossene war nämlich nicht nur ein ordinärer Professor. Nein, vor seinem Ableben werkelte er an Raketenköpfen für die Nato herum.

Alle lieben Gisbert

Die Erwartungen an diesen «Tatort» waren hoch. Das hatte mit den beiden neuen Kommissarios zu tun, die von nun an um Nürnberg herum ermitteln sollen: Dagmar Manzel als Paula Ringelhahn und Fabian Hinrichs als Felix Voss, wobei man bei letzterem ein wenig ins begeisterte Kreischen geraten kann. Denn Hinrichs tauchte bereits vor zweieinhalb Jahren mal als Assistent von Batic und Leitmayr auf – um dann gleich wieder aus der Serie geknallt zu werden. Im wörtlichen Sinne: Hinrichs Assistent Gisbert wurde bereits nach 15 Minuten erschossen.

Nun ist Hinrichs wieder zurück. Aber von der kribbelnden Exzentrik, die er seinem Gisbert geben konnte, ist nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil. Ringelhahn und Voss sind bisher ein fades Ermittlerteam: Voss übte sich in Psychologie; beide waren ein wenig übergriffig – und verloren sich dabei immer wieder ganz arg in den Klischees der Krimi-Konvention.

Der «Dadort» in «Nürnbärgsch»

Die notwendige Exzentrik, von der Ermittlungen nun mal leben, wurde an die Entourage delegiert, die ihre Wörter zermanscht und zerdehnt. Ja, so sind sie halt, die «Loit» um «Nürnbärgsch», wo der neue «Dadort» spielte. Könnte man meinen. Aber es ist viel mehr als das: Im neuen Franken-Team scheint Michael Schatz, Leiter der Spurensicherung, so etwas wie der süffisante «Tatort»-Poet zu sein.

Zumindest war er das in der ersten Folge, wo der Schatz – gespielt von Matthias Egersdörfer – mit seinem schweren Dialekt durch die allerschönsten Sätze stapfte, etwa dann, wenn er mit seinem harten Dialekteinschlag vom koitalen «Ineinander von zwei Menschen im Moment höchster Hingabe» spricht.

Unfall mit Todesfolge

Ach ja, die Story neben der ganzen dialektalen Poesie. Die hatte am Ende so rein gar nichts mit den Raketenköpfen des Professors zu tun. Vielmehr war der Opfer einer kommunen Eifersuchtstat geworden. Der Professor hatte nämlich eine Affäre mit seiner Nachbarin, einer sexuell etwas arg umtriebigen Richtergattin, die zuvor schon mit ihrem Babysitter den Beischlaf geübt hatte. Aber nur für zwei Wochen – und das wurde ihrem Geliebten zum Verhängnis. Denn der einstige Babysitter mit Bübchengesicht wurde darob so wütend, dass er für die Polizeiwaffe Verwendung fand, die der Thommy – was für ein Zufall! – sechs Jahre zuvor gefunden hatte.

Eigentlich sei ja alles nur ein Unfall gewesen, meinte der weinende Thomy, kurz bevor er mit uns zusammen in die Mündung von Ringelhahns Waffe schaute. Aber die drückte nicht ab. Denn die Kommissarin leidet an einer Schussangst, die sich offensichtlich auch auf das Drehbuchteam übertragen hat: Da schaut man in die Röhre – und es knallt nicht.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2015, 07:46 Uhr

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