Die Stimmen für die Stummen

Sie stehen neben der ­Leinwand und leihen den Figuren in Stummfilmen ihre Stimme: Am Freitag tritt ein japanischer Benshi-Erzähler im Filmpodium auf.

Szene aus dem  japanischen Film «Nij-shi no Hitomi» («Twenty-Four Eyes») von Keisuke Kinoshita. Foto: Filmpodium

Szene aus dem japanischen Film «Nij-shi no Hitomi» («Twenty-Four Eyes») von Keisuke Kinoshita. Foto: Filmpodium

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Was vergisst man, wenn man vom Stummfilm redet? Den Ton. Bereits seit Beginn der Filmgeschichte wurde experimentiert, wie sich Bild und Ton verknüpfen lassen. Thomas Alva Edison, der unter Schwerhörigkeit litt, war viel stärker an der Weiterentwicklung seines Fonografen interessiert als an der seines Filmvorführapparates. Schon 1900 gab es erste Versuche mit Playback-Verfahren. Erst der Tonfilm habe die Stille erfunden, stellte der französische Regisseur Robert Bresson fest, und das war mehr als nur die Lust am Paradox.

Filmmusik entstand der Legende nach, weil sich die Zuschauer der Frühzeit in der Dunkelheit fürchteten. Also wurden Musiker verpflichtet, um den Traumbildern auf der Leinwand eine beschwichtigende, räumliche Realität zu verleihen. Aber Stummfilme wurden nicht nur von Pianisten – und bald auch Orchestern – begleitet, sondern oft auch von Erzählern kommentiert. In Frankreich nannte man sie «bonimenteurs», Märchenerzähler. Diese Gepflogenheit hielt sich in Europa bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg. In einigen Ländern, darunter der Sowjetunion, trat der Erzählkommentar nach dem Beginn der Tonfilm-Ära lange Zeit an die Stelle der Synchronisation.

Berühmter als die Filmstars

Im Zürcher Filmpodium ist nun die Renaissance einer weiteren, noch nicht ganz verschollenen Tradition zu erleben. In Japan entwickelte sich bereits ab 1896 eine eigene Kunstform des gesprochenen Kommentars, die sich aus den Traditionen des Kabuki- und Bunraku-Theaters ableitete. Die Benshi – das «h» bleibt stumm – sprachen die Zwischen­titel, anfangs mehrere in verteilten Rollen, später dann nur noch einer, und schilderten empathisch die Geschehnisse auf der Leinwand, neben der sie standen. Dialoglose Passagen füllten sie sogar mit Gedichten; nicht selten ge­rieten sie dabei so sehr in Verzückung, dass sie die Filmhandlung aus den ­Augen verloren.

In der Blütezeit gab es mehrere ­Tausend Benshis, zu den grössten Stars zählten Musei Tokugawa und Rakuten Nishimura, deren Stimmen tragend ­genug waren, um in grossen Kinosälen bestehen zu können. Die Kinoerzähler waren ein integraler Bestandteil des Filmerlebnisses. Das Publikum schenkte ihnen oft grössere Aufmerksamkeit als den Filmen selbst. Einige von ihnen waren berühmter als die eigentlichen Stars und verdienten in der Regel auch besser. Ihre Popularität war mit dafür verantwortlich, dass sich der Tonfilm in Japan erst Mitte der 1930er-Jahre durchsetzte. Als ein Streik des Berufsstandes 1932 ­jedoch scheiterte, beging der Anführer, Akira Kurosawas Bruder Heigo, ­Harakiri. Aber auch danach wurde die Tradition weitergepflegt; vor allem in ländlichen Provinzen.

Versunken in der Atmosphäre

In den 70er-Jahren begann eine neue Generation, den Beruf für sich zu entdecken. Midori Sawato, die auch heute gelegentlich noch auf Europatournee geht, ist eine Pionierin dieser Bewegung. Raiko Sakamoto gehört zu ihren renommiertesten Kollegen. Seine Präsenz verspricht ein besonderes Kinoerlebnis. Er begleitet einen Film mit disziplinierter Ergriffenheit, seine Stimme versenkt sich tief in die Atmosphäre.

Raiko Sakamotos Kunst besteht unter anderem darin, die Leinwandfiguren mit einer eigenen Empathie zu verkörpern, von ihren Lippen zu lesen oder Dialoge hinzuzuerfinden. Wenn ein Benshi ­wie er einen Film kommentiert, fällt es schwer, den Blick von ihm zu ­lösen und ihn wieder der Leinwand zuzu­wenden.

Am 30. Mai begleitet Raiko Sakamoto die Vorführung
des Stummfilms «Jirokichi, the Rat Kid». Japanisch
mit englischen Untertiteln. Filmpodium, 18.15 Uhr.
Die Japan-Reihe dauert bis Ende Juni.
www.filmpodium.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2014, 08:18 Uhr

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