Die Stunde der Schweizer

Grosse Namen, lange Ohren: An den 63. Berliner Filmfestspielen feiert «Nachtzug nach Lissabon» nach dem Roman von Pascal Mercier Weltpremiere – und Peter Liechti zeigt ein abgründiges Hasentheater.

Auf der Spur eines rätselhaften Portugiesen: Der Berner Lehrer Gregorius ( Jeremy Irons) macht sich auf den Weg nach Lissabon.

Auf der Spur eines rätselhaften Portugiesen: Der Berner Lehrer Gregorius ( Jeremy Irons) macht sich auf den Weg nach Lissabon. Bild: Concorde Films

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Man vergisst das gerne: Wenn ein Star nicht gerade auf einem roten Teppich steht, sondern am Filmset, ist er einfach ein Schauspieler bei der Arbeit. Und wenn er auch gleich selbst Regie führt, dann ist es George Clooney. Der bereitet hier in Berlin gerade seinen neuen Film vor, den er demnächst in den Babelsberg-Studios in Potsdam drehen wird, wo er auch ein Büro bezogen hat. Nur an der Berlinale wurde Clooney bislang noch nirgends gesichtet, weshalb ihn die lokale Presse zum «Phantom der Berlinale» erklärt hat. Aber man muss das verstehen, der Mann ist schliesslich nicht für die Boulevardpresse hier, sondern um zu arbeiten.

Wenn sich Clooney schon nicht blicken lässt, müssen halt die Schweizer für den gewünschten Glamour sorgen. Das klingt absurd, aber Stars lassen sich ja aus dem Ausland importieren, und der Schweizer Film, der gestern ausser Konkurrenz seine Weltpremiere feierte, trumpft mit einer ganzen Reihe namhafter Importe auf. Jeremy Irons! Charlotte Rampling! Der altehrwürdige Christopher Lee! Und als Regisseur: Bille August aus Dänemark, zweifacher Gewinner der Goldenen Palme in Cannes. Eine richtig grosse Kiste ist das, dieses Prestigeprojekt der Zürcher Produktionsfirma C-Films. Was an dem Film überhaupt noch schweizerisch ist? Nun, der unvermeidliche Bruno Ganz zum Beispiel, der einen portugiesischen Apotheker spielt. Und natürlich die Vorlage: «Nachtzug nach Lissabon», der Bestseller von Pascal Mercier.

Simulierter Tiefgang

Es ist die Geschichte von dem verknöcherten Berner Lehrer Gregorius (Irons), der auf der Kirchenfeldbrücke eine lebensmüde junge Frau vom Geländer holt – und sich danach auf die Spur jenes rätselhaften Portugiesen macht, dessen Buch die Frau offenbar fast in den Tod getrieben hat. Ergriffen von den philosophischen Kalendersprüchen aus dem Buch, lässt Gregorius seine Schüler sitzen und steigt, spontan wie noch nie in seinem Leben, in den Zug nach Lissabon. Dort steht er bald am Grab des Autors Amadeu de Prado (Jack Huston), der als junger Arzt unter der Salazar-Diktatur nicht immer den Richtigen das Leben rettete und später im Widerstand kämpfte. Der Lehrer stochert in den Wunden der portugiesischen Vergangenheit, doch die Politik ist hier in erster Linie das finstere Dekor für die melodramatischen Verstrickungen, die Gregorius aufspürt.

Bille August hat den Roman so verfilmt, wie er das verdient: als verschachtelten Hochglanzprospekt mit simuliertem Tiefgang und Sentenzen für den Hausgebrauch. Zum länglichen Ende hin flacht der Film ab, aber wie er zwischen den Zeiten wechselt, das ist von leichthändiger Eleganz, und bis auf zwei kurze Szenen, die ans Eingemachte gehen, fährt man bequem wattiert in diesem Nachtzug.

Jeder spricht ein anderes Englisch

Dazu muss man allerdings geneigt sein, sich mit dem Euro-Pudding der Akzente zu arrangieren: Alle reden hier Englisch, aber jeder ein anderes. Jeremy Irons als Schweizer Lehrer spricht ein tadelloses British English, Jack Huston gibt sich redlich Mühe mit einem Akzent, der irgendwie portugiesisch klingt, und Bruno Ganz redet ein Englisch, das klingt wie aus dem Nirgendwo.

Bei Peter Liechti ist man dann wieder richtig geerdet, und die Reise geht in die Gegenrichtung: in die Ostschweiz. «Vaters Garten» nennt Liechti seinen neuen Film, der gestern im Forum seine Weltpremiere feierte. Es ist das Dokument einer unbehaglichen Heimkehr und eine sehr persönliche Annäherung an seine hochbetagten Eltern, oder sollten wir besser sagen: Abrechnung mit ihnen? Der Vater ist ein Ordnungsfanatiker, stolz darauf, dass er ein Leben lang die gleiche Frisur und sein Lebtag nie Jeans getragen hat. Die Mutter träumte früher von Florenz und der Akropolis und tröstete sich, weil der Mann nie reisen mochte, mit der Bibel.

Liechti als glatzköpfiger Kasper

Doch Liechtis Programm erschöpft sich nicht im schonungslosen Blick auf die eigenen Eltern. Wie um die beiden nicht schutzlos der Kamera auszuliefern, hat er als Verfremdungseffekt ein Puppentheater in seinen Film eingebaut: Gesprochen von Nikola Weisse und Horst Warning, spielen zwei Hasen in Menschenkleidern die Dialoge von Vater und Mutter nach. Und wie sie da von Beamtenglück und verpasstem Leben reden, über Gott und den Krieg, da weitet sich «Vaters Garten» zwischen Heimvideo und Puppentheater zu einer kleinen Mentalitätsgeschichte der Schweiz aus.

Liechti selbst taucht als glatzköpfiger Kasper auf, ein verzweifeltes Grinsen im Gesicht. Sprechende Hasen im Kino: Da denkt man unweigerlich an David Lynch und sein «Inland Empire». Bei Liechti hat dieses Hasentheater nichts Gespenstisches – aber es impft diesem Film eine abgründige Ironie ein, die wohl auch für den Regisseur ein Stück weit als Selbstschutz dient.

Erstellt: 14.02.2013, 08:34 Uhr

Trailer «Nachtzug nach Lissabon»

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