Die Traumfänger

Ein Paar reist fast ohne Geld um die Welt. Drei Jahre später kommt es mit einem Baby zurück. Der Dokfilm über die Reise wird zum Überraschungserfolg. Was treibt die beiden an?

Patrick Allgaier und Gwen Weisser auf einem geliehenem Töff in der iranischen Wüste: Ausschnitt aus dem Film «Weit». Foto: PD

Patrick Allgaier und Gwen Weisser auf einem geliehenem Töff in der iranischen Wüste: Ausschnitt aus dem Film «Weit». Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als sie im achten Monat schwanger war, wurde Gwen von einem Skorpion ins Bein gestochen. Patrick versuchte, mit einer Vakuumpumpe das Gift aus ihrem Körper zu saugen. Sie waren im Regenwald unterwegs, drei Kilometer Fussmarsch und eine Autostunde entfernt vom nächsten Krankenhaus, und niemand konnte ihnen erklären, welches Exemplar von Skorpion da gestochen hatte. Es gibt in Mexiko Skorpione, deren Gift töten kann.

Die Episode kommt nicht vor in dem Film «Weit», den Gwen Weisser und Patrick Allgaier über ihre mehr als dreijährige Weltreise gemacht haben. Die beiden zeigen dann auch nicht: die Geburt ihres Kindes. Kurz ist Babygeschrei aus dem Off zu hören, Schnitt, und Bruno ist fünf Monate alt. Er spielt in einem zum Familienwohnsitz umgebauten VW-Bus, dessen Motor wenig später den Geist aufgibt. Das Malheur entwickelt sich dann zum wirklichen Drama in dem Film. Wäre der Motor nicht zu reparieren gewesen, hätten sie die Reise abbrechen müssen. Für ein neues Auto hatten sie kein Geld mehr.

Trailer zum Dokfilm «Weit». Video: Youtube/kinofilme

Sie wollten «nichts Reisserisches oder Selbstdarstellerisches» zeigen, sagt Patrick Allgaier beim Gespräch in einem Café in Freiburg im Breisgau. Nach dem – letztlich harmlosen – Skorpionstich rührten sie die Kamera nicht einmal an. Und was den kleinen Bruno betrifft: «Das wäre mir zu intim gewesen, ihn als neugeborenes Würmchen zu vermarkten», sagt Gwen Weisser.

Nicht in die Ferien gehen, sondern abhauen

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen haben den zweistündigen Dokumentarfilm in Deutschland schon 350'000 Menschen im Kino gesehen. Und es werden immer noch mehr, die sich begeistern für diese beiden Reisenden aus Leidenschaft, die zurückgekehrt sind mit der Botschaft: Unsere Welt ist nicht nur schlecht. Die Menschen passen aufeinander auf, selbst in Ländern wie Pakistan.

Gwen Weisser (25) und Patrick Allgaier (34) sitzen vor heisser Schokolade und Chai Latte und versuchen zu erklären, was ihnen seit Monaten widerfährt. Gwen Weisser sagt: «Die Leute lieben es offenbar, die Welt durch unsere Augen zu sehen.» Aber warum?

«Was am Ende bleibt, ist die Erfahrung, dass es sich lohnt zu vertrauen.» So lautet das Schlusswort des Films. 

Es gibt einleuchtende Gründe dafür. Die Reise weckt grosse Gefühle. Raus aus dem Trott. Nicht in die Ferien gehen, sondern abhauen. Alle Habseligkeiten in einem Rucksack. Schlafen im Zelt. Wilde Landschaften, grosse Städte, fremde Menschen kennen lernen. Trampen, immer der Nase nach. Es gibt jede Menge Filme, die mit dieser Sehnsucht spielen. Und doch scheint dieses Freiburger Paar einen besonderen Nerv zu treffen bei den Menschen.

Zu Fuss, per Bus, per Anhalter

Es ist eine einfache Geschichte, die sie erzählen. Mann und Frau ziehen hinaus in die weite Welt, lernen andere Länder und andere Sitten kennen, schliessen Freundschaften, bestehen Gefahren, kehren mit einem Kind zurück in die Heimat. Im Juli 2016, nach drei Jahren und 110 Tagen. Nach 96'707 Kilometern zu Fuss, per Anhalter, im Bus und im Schiff, niemals im Flugzeug. Nach einer Tour, die sie, in ihren eigenen Worten, so weit Richtung Osten führte, dass sie aus dem Westen wieder heimkehrten. Die letzte Etappe von Barcelona zurück in den Schwarzwald legten sie zu Fuss zurück. Ihre Reise sollte sanft ausklingen.

Sie sassen als Tramper in 667 Autos oder LKW, und vielleicht fünfmal verliessen sie das Gefährt mit einem schlechten Gefühl, weil die Fahrer übergriffig wurden oder weil sie völlig übermüdet durch die Landschaft bretterten. Sie schliefen nachts im Zelt, manchmal wurden sie von Fremden eingeladen. Sie revanchierten sich für die Gastfreundschaft, indem sie kochten, putzten, mörtelten. In Sibirien, im Iran. Im Film sind sie zu sehen mit Dreck im Gesicht, fettigen Haaren, schmutzigen Fingernägeln. Erschrocken, als in Tadschikistan der LKW, in dem sie trampen, mit Achsenbruch in einem Fluss hängen bleibt. Durchaus mit einem flauen Gefühl vor dem Grenzübertritt nach Pakistan.

Man muss Einsamkeit aushalten

«Was am Ende bleibt, ist die Erfahrung. Die Erfahrung, dass es sich lohnt zu vertrauen.» Das ist das Schlusswort in dem Film. Vor allem diese Botschaft bleibt bei den Leuten hängen, die beiden erfahren das immer wieder in Gesprächen und aus Mails.

Man könne sich das Vertrauen in diese Art zu reisen antrainieren, sagt Allgaier, aber letztlich sei es Typsache. Man muss die Fremdheit aushalten, Einsamkeit. Fünf Stunden warten auf das nächste Auto, das die Wüstenpiste entlangfährt. «Wir lieben die Freiheit, aber sie kostet Kraft.» Das ist eine der kleinen Lebensweisheiten, die sich die beiden auf der Reise erarbeitet haben.

Wer zu zweit unterwegs ist, muss Krisen aushalten und sich manchmal auch trennen. Patrick und Gwen, die sich vor der Reise erst ein Jahr gekannt hatten, kehrten mit Bruno zurück. Alles gut gegangen, ihr Mut wurde belohnt. «Die Leute sind froh, mit Hoffnung aus dem Kino gehen zu dürfen», sagt Gwen Weisser. «Viele Menschen trauen sich nicht, ihre Träume zu verwirklichen», sagt Patrick Allgaier, «unser Film öffnet ihnen ein Fenster der Möglichkeiten.»

Das wirkungsvollste Marketing: die Mundpropaganda

Unterwegs hat Gwen Weisser Traumfänger gebastelt, kleine, indianisch inspirierte Kultobjekte, um die Reisekasse aufzubessern. Nun sind sie beide für das Publikum zu lebenden Traumfängern geworden. Davon können sie gut leben, aber manchmal müssen sie auch damit zurecht kommen.

Patrick Allgaier hat freiberuflich als Kameramann gearbeitet, Gwen Weisser interessierte sich für das Regiehandwerk. Sie wollten aber um des Reisens willen reisen, nur einen Film für Familie und Freunde drehen, vielleicht noch für ein kleines Freiburger Publikum. Dann fertigten sie für die «Badische Zeitung» einige Videoblogs und merkten: gigantisch, die Resonanz. Im Juli 2016 waren sie zurück im Schwarzwald, im März 2017 zeigten sie den Film erstmals in Freiburg. Im Sommer begannen sie, ihrer Reise hinterherzureisen.

Gwen, Patrick und der kleine Bruno begleiteten den Film kreuz und quer durch Deutschland in einem Wohnwagen; in mehr als 60 Kinos stellten sie sich dem Publikum. Es setzte das wirkungsvollste Marketing ein, die Mundpropaganda: Das musst du unbedingt gesehen haben.

Den Film vermarkten sie selbst

Mittlerweile haben sie ein Buch über die Reise geschrieben. Sie liefern die Exemplare mit Unterstützung von Freunden und Bekannten selbst aus, genau wie die DVDs vom Film. Die beiden haben es abgelehnt, den Film bei einem grossen Anbieter als Stream zu vermarkten oder die DVD in Supermärkten zu vertreiben. Den Leuten nichts aufdrängen, nur über ihre Homepage auf Nachfrage reagieren, das ist ihr Anspruch. Sie wollen den Film unter Kontrolle behalten, vom Dreh über den Schnitt bis hin zum Vertrieb und zu den Einnahmen.

Das nächste Projekt: Mit Freunden einen Schwarzwaldhof kaufen und ein Scheunenkino einrichten.   

Die beiden haben alle möglichen Jobs angenommen, um die Reise zu finanzieren. 27 000 Euro gaben sie letztlich aus, es wäre sehr viel weniger gewesen, wenn Bruno sich nicht dazugesellt hätte, aber wer wollte darüber klagen? Nun verdienen sie unverhofft viel Geld, und manchmal fragen sie sich: Haben wir das wirklich verdient? Beuten wir die Menschen nicht aus, die wir auf der Reise getroffen haben?

Sie suchen «Botschafter», die Gegenden bereisen, in denen sie selbst unterwegs waren. Einigen haben sie schon Geschenke und eine DVD mitgegeben, nach Mittelamerika, auch hinauf auf das Dach des Pamir. Sie wollen etwas zurückgeben, und deshalb freut es sie besonders, dass die Saat ihres Films aufgeht. Kinobesucher haben ihnen berichtet, sie würden nun selbst Fremde zu sich nach Hause einladen.

Ein Schwarzwaldhof ist das Ziel

Und wohin trägt die Reise rund um die Welt ihre Hauptdarsteller? Im Januar geht es auf Vortragsreise in die Schweiz. Sie träumen davon, das Geld, das sie jetzt einsammeln, irgendwann als Startkapital zu verwenden, um mit Freunden einen Schwarzwaldhof zu kaufen. Sie wollen ihn ökologisch bewirtschaften und kulturell nutzen, mit einem Scheunenkino zum Beispiel. Es soll ein Projekt werdenn, von dem die Gemeinschaft profitiert.

Leben würden sie gern in einem Bauwagen oder in einer Jurte. Er vermisse den Minimalismus des Reisens manchmal, sagt Patrick Allgaier. Gwen Weisser kann sich vorstellen, wieder einen Film zu drehen. Aber keinesfalls mit ihnen dreien als Hauptdarsteller.

Vortragstermine: 11. und 17. Januar im Verkehrshaus Luzern, 15. und 28. Januar im Volkshaus Zürich und am 16. Januar im Gate 27 Winterthur. Weitere Termine: www.weitumdiewelt.de/tourplan.

Der Film «Weit – ein Weg um die Welt» startet am 1. März in den Schweizer Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2018, 18:37 Uhr

Artikel zum Thema

Entschleunigtes Reisen

Gemächlicher kann eine Reise kaum sein als diese Fahrt auf dem Canal de Bourgogne – mit einem Glas Wein in der Hand. Mehr...

Nordische Traumwelt

Zum 100. Geburtstag schenkt sich Finnland den 40. Nationalpark. Darin finden Besucher üppige Urwälder, von Gletschern geformte Landschaften – und Ruhe. Mehr...

Der Sound der Stille

Die weisse Welt Lapplands im finnischen Norden ist entspannend. Schlittenhunde, Schneemobile und das Spektakel an Kuusamos Skiberg sorgen allenfalls für Nebengeräusche. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Kommentare

Blogs

Sweet Home Wohnwunder in Bern

Tingler Fehlende Worte

Die Welt in Bildern

Unklare Zukunft: Wartende Migranten spiegeln sich im Meer im Hafen von Malaga, Spanien. (13. Januar 2018)
(Bild: Jon Nazca) Mehr...