Die Überwältiger

Clint Eastwood verfilmt den Attentatsversuch im Thalys-Zug – mit den drei Amerikanern, die das Massaker verhinderten: Die Männer spielen sich selbst.

Drei amerikanische Helden im Zug nach Paris: Alek Skarlatos, Anthony Sadler, Spencer Stone. Foto: Keith Bernstein

Drei amerikanische Helden im Zug nach Paris: Alek Skarlatos, Anthony Sadler, Spencer Stone. Foto: Keith Bernstein

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Einer der Passagiere, die sich im United-Flug 93 am 11. September 2001 auf die Entführer stürzte, hatte kurz zuvor ins Telefon gesagt: «Let’s roll!» Von den drei Amerikanern, die am 21. August 2015 im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris einen Attentäter überwältigten, kennt man keinen Schlachtruf, der ähnlich unsterblich geworden wäre. Dank dem Film von Clint Eastwood haben sie nun aber auch einen: «Spencer, go!»

Air-Force-Soldat Spencer Stone, Nationalgardist Alek Skarlatos und der Student Anthony Sadler rangen an diesem Sommertag den Marrokaner Ayoub El Kahzani nieder, der den Thalys 9364 mit Sturmgewehr, Luger, rund 300 Schuss Munition und einem Teppichmesser betreten hatte. Im Umgang mit Waffen war er aber offensichtlich ungeübt. Es scheint jedenfalls ein Riesenglück gewesen zu sein, dass seine Kalaschnikow leer klickte, als Spencer Stone ihn niederwarf und nach einem Gerangel in den Würgegriff nahm. Alek Skarlatos schlug El Kahzani mit dessen Gewehr so lange ins Gesicht, bis dieser das Bewusstsein verlor. Dabei wehrte sich der Marokkaner mit dem Messer und stach Stone in Nacken und Hand. Andere Passagiere halfen, den Attentäter darauf mit einem T-Shirt zu fesseln.

Der 87-jährige Clint Eastwood zeigt die Tat am Ende von «The 15:17 to Paris» realistisch: Erst entsteht ein Durcheinander, als El Kahzani die Zugtoilette verlässt. Ein Schuss fällt, Spencer Stone schlägt instinktiv den Klapptisch hoch und geht in Deckung. Die Gewalt ist wie Adrenalin, das einschiesst: plötzlich und heftig, und wenn man zweimal geblinzelt hat, ist alles bereits wieder vorbei. Ihre militärische Erfahrung kam Stone und Skarlatos zugute. So wie es der Film zeigt, verhinderten sie das Massaker aber vor allem dank blitzschneller Reaktion und viel Mut. François Hollande zeichnete alle drei mit dem Orden Chevaliers de la Légion d’Honneur aus.

Stinknormale Amerikaner

Dass sie sich im Film nun kurzerhand selbst spielen, darf man als ein dokumentarisches Experiment bezeichnen. Stone ist der sensibelste Schauspieler und hat die tragende Rolle; den anderen beiden merkt man die Anstrengung an, natürlich zu wirken. Der Effekt ist ein merkwürdiges Flirren zwischen Realismus und Verfremdung: als stünden die drei Laiendarsteller immer leicht neben sich. Allerdings ist Clint Eastwood nicht unbedingt bekannt dafür, dass er die Künstlichkeit des Kinos reflektieren würde. Die drei Helden sind bei ihm vor allem eins: stinknormale Amerikaner, die tun, was getan werden muss, und dadurch Aussergewöhnliches leisten.

Nur ist es fast wieder bizarr, wie gewöhnlich sie sind: Die drei Schulfreunde begeisterten sich für Militärgeschichte – Eastwood lässt das in unebenen Flashbacks von Kinderdarstellern nachspielen. Stone will zur Fallschirmtruppe, bleibt aber bei den Sanitätern. In jenem Sommer treffen sie sich zum Backpacker-Trip via Rom, Venedig und Berlin. Drei gutmütige Ami-Touristen, die Spass haben wollen. Etwas Seltsameres als das Europa von Clint Eastwood hat man lang nicht gesehen – und wir reden hier von einem Mann, der einmal mit einem Stuhl gesprochen hat. In Berlin unternimmt das Trio eine Veloführung zum Hitler-Bunker; in Rom gafft es einer Rezeptionistin nach, wobei Eastwood immer noch Macker genug ist, ihrem Hintern nachzufilmen.

Um die Durchschnittlichkeit der drei Freunde zu demonstrieren, hätte es eigentlich gereicht, sie im Thalys zu zeigen. Es ist immerhin eine Reise von dreieinviertel Stunden, und keiner nimmt ein Buch hervor. Aber natürlich kommt man so niemals auf 90 Minuten Lauflänge, weshalb der patriotische Republikaner Eastwood einmal mehr die Autoritäten anklagt, die sich der quasi naturwüchsigen, letztlich unbezähmbaren Entschlossenheit von Männern entgegenstellen: die Lehrerin, die den unkonzentrierten Buben Tabletten geben möchte; die Armee-Ausbildnerin, die Spencer Stone bei einem vermeintlichen Amoklauf auf der Basis zurückpfeift, weil der schon mit einem Kugelschreiber bewaffnet neben der Tür steht.

Heroische Impulse

Es gibt noch ein paar andere Hinweise auf höhere Bestimmung. Elegant ist das nicht, aber Eastwood, der Memmen hasst und auch schon von der «pussy generation» sprach, geht es – wie zuletzt in «Sully» über den Heldenpiloten vom Hudson River – um die heroischen Impulse in einer Situation, die ausweglos erscheint. Trotzdem wird ihm jetzt wieder vorgeworfen, dass er nur die amerikanische Seite zeige und der Attentäter nie ein Gesicht bekomme; dass die Waffenlobby NRA Freude habe an einem Drama über wehrbereite Zivilisten.

Aber darum geht es nicht. Stone, Skarlatos und Sadler haben gar keine Waffen. Sie tun lediglich das, was wahrscheinlich jeder von uns gern tun würde, wenn er den Mut hätte: so einem Arschloch mit Kalaschnikow und Pistole zünftig eine reinhauen. Das ist kein differenziertes Gefühl. Es ist die instinktive Entscheidung im Moment, die drei Amerikaner zu Helden gemacht hat.

Die ersten Zugpassagiere, die sich dem Attentäter in den Weg stellten, waren übrigens zwei Franzosen. Dem Sorbonne-Professor Mark Moogalian schoss El Kahzani in den Rücken; Stone stoppte die Blutung am Hals, indem er mit blosser Hand auf die Arterie drückte. Moogalian spielt auch mit. Er liegt noch einmal im Zug, in einer Lache aus Kunstblut. Wer tut so was, ausser ein Held?

Ab Donnerstag in den Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2018, 18:23 Uhr

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