Die Unbeugsamen

Ein russischer Oligarch im Gefängnis, ein spanischer Richter auf der Anklagebank: Zwei neue Dok-Filme huldigen dem modernen Märtyrer-Typ.

Dem Richter zuhören: Der Dokumentarfilm über Baltasar Garzón spielt in einem einzigen Zimmer in Madrid.

Dem Richter zuhören: Der Dokumentarfilm über Baltasar Garzón spielt in einem einzigen Zimmer in Madrid. Bild: PD

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Mensch gegen System, Einzelkämpfer gegen Maschinerie: Poeten, Schriftsteller und Regisseure haben sich stets von einsamen Helden inspirieren lassen. Jetzt erweitern zwei Dokumentarfilme dieses Feld um Geschichten aus dem echten Leben. «Khodorkovsky» und «Escuchando al Juez Garzón – Listening to the Judge» haben an der Berlinale Weltpremiere gefeiert – im Abstand von wenigen Stunden, im selben Kino.

Vordergründig haben die Filme wenig miteinander zu tun: da der russische Oligarch Michail Chodorkowski, der seit 2003 wegen angeblicher Steuerhinterziehung im Gefängnis sitzt; dort der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, der sein Amt nicht mehr ausüben darf, weil die Justiz gegen ihn ermittelt. Und doch erzählen beide Fälle ähnliche Storys: von Männern, die sich aus Prinzip, aus Überzeugung, vielleicht auch aus Eitelkeit und Selbstüberschätzung mit den Mächtigen anlegen; die nicht bereit sind, einen faulen Frieden zu schliessen, auch nicht, um die eigene Haut zu retten.

Vielschichtiges Porträt

Der Berliner Filmemacher Cyril Tus-chi hat sich dabei mit seiner Dokumentation über Chodorkowski einen schweren Brocken vorgenommen. Fünf Jahre lang befragte er ehemalige Weggefährten, Freunde und Gegner des Oligarchen, reiste nach Russland, Israel, Grossbritannien und in die USA. Er trank Tee mit der Mutter von Chodorkowski, bat vergeblich im Kreml um ein Interview, besuchte Ölfelder.

In dem schnell geschnittenen Film entsteht ein vielschichtiges Porträt des einst reichsten Mannes von Russland. Vieles ist zwar hinlänglich bekannt: etwa dass Chodorkowski unermesslich reich wurde, weil er dem klammen Staat in den 90er-Jahren grosse Rohstoffreserven zu Spottpreisen abkaufte. Oder dass der Oligarch um die Jahrtausendwende seine Firma nach westlichen Massstäben umbaute, dass er zum Menschenfreund mutierte, der russische Oppositionsparteien förderte, Schulen gründete, offen über Korruption in Staatskonzernen sprach.

Putins emotionale Reaktion

Bemerkenswert aber ist doch die Fülle der Stimmen. Etwa mit welcher Selbstverständlichkeit selbst in russischen Regierungskreisen über den «persönlichen Charakter» des Falls Chodorkowski gesprochen wird. Gemeint ist die Privatfehde, die sich Russlands starker Mann Wladimir Putin mit dem Inhaftierten liefert – weil sich dieser nicht unterordnen wollte. Diese These bestätigt auch eine Einblendung mit Joschka Fischer, dem ehemaligen deutschen Aussenminister. Er habe, erzählt Fischer, einst Putin gebeten, den Konflikt um Chodorkowski so zu lösen, dass dieser aus dem Gefängnis komme. Putin habe dies «unheimlich hart und emotional» abgelehnt.

Spannend auch die Aufnahmen von Chodorkowski aus dem Gerichtssaal. Während des zweiten Prozesses gegen den Oligarchen gelingt es Tuschi, ihm ein paar Fragen zu stellen. Chodor-kowski verstört die Zuschauer mit einem seligen Lächeln, einer engelhaften Stimme – und einer Märtyrerhaltung, die einem westlichen Menschen unendlich fern liegt. «Irgendwie», sagt er, «bin ich im Gefängnis freier als in meinem früheren Leben.» Er müsse nicht mehr die ganze Zeit darüber nachdenken, wie er sein Vermögen bewahre und vergrössere. «Jetzt bin ich nur noch für mich selber verantwortlich.»

Angst eingejagt

Das Berliner Publikum applaudierte dem Regisseur begeistert; da war für einen Moment vergessen, dass der Film Tuschi nicht wenig Ärger eingebracht hat. Zweimal brachen Unbekannte bei ihm ein und stahlen Computer und andere Datenträger, auf denen Kopien des Streifens waren. Wer steckt dahinter? Der russische Geheimdienst? Freunde des Oligarchen? Oder ganz einfach Macintosh-Liebhaber? Tuschi weiss es nicht, gesteht aber ein: «Wenn jemand vorhatte, mir Angst einzujagen, ist das gelungen.»

Weniger spektakulär, aber nicht weniger brisant kommt der andere Film daher. «Escuchando al Juez Garzón» (zu Deutsch: Dem Richter Garzón zuhören) spielt in einem einzigen Zimmer in Madrid. Dort hat die spanische Autorenfilmerin Isabel Coixet («The Secret Life of Words») den Juristen am 18. Dezember 2010 getroffen – und ihm Raum gegeben, sich zu erklären.

Der furchtlose Ermittler

Garzón war ausserhalb Spaniens bekannt geworden, als er 1998 den argentinischen Ex-Diktator Augusto Pinochet verhaften liess. Auch sonst sorgte er immer wieder für Aufsehen: Er ermittelte furchtlos gegen die Terrororganisation ETA, deckte Korruptionsaffären auf oder leitete eine Untersuchung wegen Fol-tervorwürfen im US-Gefangenenlager Guantánamo. Gerechtigkeit ist für Garzón nicht etwas, das nur in seinem Land, nur in unserer Zeit hergestellt werden muss, sondern global – und in die Geschichte hinein.

Prompt hat der umtriebige Richter denn auch böse Geister geweckt, als er 2008 anordnete, die Massengräber aus der Zeit des Diktators Franco zu öffnen. Eine rechte Gewerkschaft verklagte ihn, konservative Medien starteten eine regelrechte Hetzjagd. Garzón geriet selber ins Visier der Justiz. Drei Verfahren laufen derzeit gegen ihn, unter anderem wird ihm Rechtsbeugung vorgeworfen, auch soll er von einer Bank Bestechungsgelder angenommen haben. Seit Mai 2010 ist er von seinem Amt suspendiert. Die Vorwürfe gegen den Richter wirken konstruiert, das Vorgehen eines EU-Mitglieds-staats wie Spanien unwürdig. Wie im Fall Chodorkowski, so scheint es, wird das Recht hier gebraucht, um einen Störenfried auszuschalten; und wie bei Chodorkowski ist es ein Kampf mit ungleichen Waffen. Der Gegner ist unsichtbar, er verschanzt sich hinter Paragrafen, er verläuft sich in den Weiten eines Systems, er versteckt sich in einer Gesellschaft, die heute noch nicht weiss, wie sie mit dem Faschismustrauma umgehen soll.

Im Chodorkowski-Film sagt einer, er glaube, Chodorkowski sei seiner Zeit einfach voraus, das habe zu Konflikten geführt, und nun sitze er im Gefängnis. Auch Garzón passt offenbar nicht ins Spanien des Jahres 2011. Der Richter freilich beschwichtigt: «Ich bin kein Held», sagt er. Das ist ein Satz, der auch von seinem russischen Leidensgenossen stammen könnte.

Erstellt: 16.02.2011, 14:48 Uhr

Vielschichtiges Porträt über den einst reichsten Mann Russlands: Chodorkowski in der Sowjetzeit.
(Bild: PD)

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