Die Verwandlungskünstlerin

Die Australierin Toni Collette will in ihren Rollen verschwinden. Da ihr das immer sehr gut gelingt, fehlt ihr ein fest umrissenes Image. In «A Long Way Down» nach Nick Hornby spielt sie jetzt eine Selbstmörderin.

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Der Kontrast könnte grösser nicht sein: Auf dem Filmplakat sieht man sie mit unvorteilhaft zurückgekämmtem Haar und Strickjacke. Aber die Frau, die einem jetzt unter diesem Plakat leibhaftig gegenübersitzt, entspricht von der blonden Hochsteckfrisur bis zu den Paillettenpumps ganz dem Berufsbild des Stars.

Toni Collette, zu Besuch an der Zürcher Premiere ihres neuen Films «A Long Way Down», legt indes Wert darauf, dass sie Schauspielerin sei und kein Filmstar. Der Unterschied? Die erste spielt, die zweite zeigt und spreizt sich. «Ich will nicht von Filmstars abgelenkt werden», sagt sie selbst. «Ich glaube, der Sinn des Kinos ist, dass man komplett in die Figuren und die Geschichte eintaucht. Wenn ich ein Drehbuch lese, achte ich darauf, ob ich mich in der Geschichte verliere. Alles, was ablenkt, muss man loswerden. Ich lenke mich selbst ab, also muss ich mich selbst loswerden.» So fehlt ihr ein fest umrissenes Image – aber, davon ist Collette überzeugt, gerade deshalb hat sie Rollen bekommen, um die sich berühmtere Darstellerinnen vergeblich bemüht hatten.

Ihre erste Hauptrolle soll allerdings nicht sonderlich hart umkämpft gewesen sein: Die Titelheldin der Komödie «Muriel’s Wedding» (1994) ist ein Mauerblümchen aus der australischen Provinz, einziger Trost sind Abba-Songs, einziges Lebensziel die Heirat. Die damals 21-jährige Toni Collette nahm für die Rolle fast zwanzig Kilo zu. Immer wieder verkörpert sie verhuschte oder sonderbare Figuren, die leicht zur Karikatur geraten könnten, denen sie aber eine brüchige Würde gibt. Etwa jener depressiven Hippie-Mutter in «About a Boy» (2002) mit ihrem selbst gebackenen «Gesundheitsbrot», das sich weniger zum Verzehr eignet als dazu, Enten zu töten.

Jeder ist einzigartig

«Ich glaube fest daran, dass es so etwas wie Normalsein nicht gibt», erklärt Toni Collette. «Betrachtet man jemandes Leben genau genug, erkennt man das Einzigartige daran. Wenn ich eine Figur kreiere, versuche ich, diese einzigartige Qualität zu zeigen.» Wenn Muriel mit blonder Perücke und im SilberlaméFummel zum Playback «Waterloo» singt, wird beides spürbar, die Traurigkeit falscher Illusionen und der echte Trost des Kitsches.

Ihr Talent für Camp, die überpointierte Darstellung, stellte die hochgewachsene Australierin auch als Ehefrau eines Glamrock-Stars in «Velvet Goldmine» (1998) und als falsche Dragqueen in «Connie and Carla» (2004) unter Beweis. Ihr anderes Extrem, den mausgrauen Wasser-und-Kernseifen-Look, treibt sie nun in ihrem aktuellen Film «A Long Way Down» auf die Spitze.

Darin spielt sie Maureen, eine Frau, die seit vielen Jahren aufopfernd ihren schwerbehinderten Sohn pflegt und sich in einer Silvesternacht auf einem Hochhausdach wiederfindet. Mit der Absicht zu springen. Allerdings befinden sich dort schon drei andere Personen mit demselben Vorhaben. Nicht ganz überraschend kommt es so, im Film wie in Nick Hornbys zugrunde liegendem Roman, dass die vier unterschiedlichen Charaktere einander den Geschmack am Leben zurückgeben. Toni Collette gefällt das gut: «Diese Figuren lernen, dass das Leben aus Veränderung besteht und dass die Gefühle, die man heute hat, nicht ewig dauern. Alles wandelt sich, alles verändert sich. Das tröstet.»

Dabei wurde gerade ein Übermass an Veränderung einst zum Problem für sie. Nach dem internationalen Durchbruch mit «Muriel’s Wedding» lebte sie jahrelang aus dem Koffer, kaufte und verkaufte Häuser auf drei Kontinenten, kämpfte mit Bulimie und Panikattacken. Arbeit und Anerkennung fand sie trotzdem. Für ihre Rolle in «The Sixth Sense» (1999) wurde sie für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert.

Es war die erste von zahlreichen Mutterfiguren, die sie seitdem gespielt hat, von der Komödie «Little Miss Sunshine» (2006) über die Sitcom «United States of Tara» (2009) bis zu «The Way Way Back» (2013). Dazwischen in «The Night Listener» (2006) gewissermassen das Falsifikat, eine Frau, die ihr Bedürfnis nach mitfühlender Aufmerksamkeit durch die Erfindung einer Mutterschaft zu befriedigen sucht und an dieser Fiktion mit allen Mitteln festhält.

Das Mum-Etikett

Hat Collette einen besonderen Bezug zum Thema – immerhin ist sie inzwischen selbst zweifache Mutter – oder wurde sie, ihrer Vielseitigkeit zum Trotz, eben doch auf eine Rolle festgelegt? «Das sind nicht bloss Mütter», protestiert sie und wirft ein, dass man männliche Figuren, etwa Don Draper in «Mad Men», auch nicht in erster Linie als Väter sehe. «Bei ihnen nimmt man all die anderen Attribute wahr. Als Frau kriegt man das Mum-Etikett, selbst wenn man viele andere Facetten hat. Ich werde wütend, wenn weibliche Figuren zweidimensional gezeichnet sind.»

Als sie nach «Muriel’s Wedding» erstmals nach Amerika kam, wurden ihr ähnliche Mauerblümchen-Rollen angeboten. Obwohl sie unbedingt arbeiten wollte, lehnte sie lieber ab, statt sich auf einen Typ festlegen zu lassen. Wandelbarkeit hält sie für den Grundstein ihrer Karriere. Tatsächlich sind auch ihre Mutterrollen unterschiedlich und nie klischiert. Immerhin spielte sie in «United States of Tara» eine multiple Persönlichkeit, also gleich vier Charaktere auf einmal. Ein Problem sieht sie darin, dass es für Männer mehr Varianz im Rollenangebot gebe und dass sich die Industrie auf ein männliches Publikum ausrichte. «Ich weiss nicht warum und hoffe, dass ich dazu beitragen kann, das zu ändern. Denn ändern muss es sich.»

Als sie anfing zu schauspielern, war sie gerade 15. Ihre Familie war nach eigenem Bekunden nicht sehr kommunikativ. Die Möglichkeit, in eine Rolle zu schlüpfen, bot die Chance, sich auszudrücken. «Ohne Schauspielerei wäre ich implodiert», gab sie einmal zu Protokoll. Ihr Talent stellte sie schon viel früher unter Beweis. Eine Blinddarmentzündung soll sie sogar Ärzten überzeugend vorgespielt haben. Der Blinddarm sei tatsächlich herausoperiert worden. Kann eine 11-Jährige mehr Bereitschaft zeigen, für ihre Kunst zu leiden?

Erstellt: 02.04.2014, 08:19 Uhr

Zum Film

In einer Londoner Silvesternacht treffen vier Selbstmordkandidaten (Pierce Brosnan, Toni Collette, Imogen Poots, Aaron Paul) auf einem Hochhausdach aufeinander. Statt herunterzuspringen, verschieben sie ihre Pläne und lernen sich schätzen. Verfilmungen von Nick Hornby-Romanen («High Fidelity», «About a Boy») sind ein sicherer Wert. In den Händen des französischen Liebeskomödienregisseurs Pascal Chaumeil mutet der segensreiche Zusammenhalt einer vom Zufall geformten Selbsthilfegruppe aber etwas gezwungen an. Zumal die männlichen Figuren papieren wirken. Die Komödie ist weder so schwarzhumorig, wie sie sein sollte, noch so ergreifend, wie sie sein wollte. (jum)

A Long Way Down (GB/D 2014). 96 min.
Regie: Pascal Chaumeil. Mit Toni Collette, Aaron Paul, Pierce Brosnan u.a.
Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Arena und Capitol.

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Trailer: «A Long Way Down» (2014)

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Ausschnitt: «United States of Tara», Season 1/Episode 1 (2009)

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Trailer: «Little Miss Sunshine» (2006)

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Ausschnitt: About A Boy (2002)

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Ausschnitt: The Sixth Sense (1999)

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Ausschnitt: «Velvet Goldmine» (1998)

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Trailer: Muriel's Wedding (1994)

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