Die andere Heimat

Schweizer Experimentalfilm, gibt es dich überhaupt? Eine Ausstellung in Freiburg wagt erstmals eine Übersicht. Sie bietet ein Surround-Glück in der bewegten Gemäldegalerie.

Ausschnitt aus HHK Schoenherrs «Das Portrait der Cordua», 1969.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Kot hüpft zurück ins Loch, aus eigener ekliger Kraft. Er klettert die Eingeweide hoch und kommt aus dem Mund heraus, als unverdautes Steak. So geht es retour bis zur Kuh auf der Wiese, eine Wiedergeburt im Rückwärtsgang. Ganz vernissagentauglich ist der Kurzfilm «Resurrection» (1968) des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri also nicht, so als zurückgespulte Nahrungsaufnahme. Allerdings läuft daneben auch die Nahaufnahme der Stubenfliege in «Point zéro» (1971) von René Bauermeister und Charles-André Voser, die rücklings um ihr Leben strampelt. Tod und Verdauung, wir sind hier offenbar im Tierraum von «Film Implosion!», der Ausstellung in der Kunsthalle Freiburg i. Üe. Danach gehts hinüber in die dunkle «Black Box», und dort herrscht vollends das Geflacker des einheimischen Krummkinos.

Man könnte sagen: Hier ist der Traumort all jener, die nicht müde werden, dem Schweizer Film fehlenden Mut vorzuwerfen. Die Kunsthalle Fri Art zeigt erstmals eine Überblicksschau zum Schweizer Experimentalfilm, von dem man nicht behaupten kann, dass er ein Genre oder gar eine Tradition wäre. Eher eine Ahnung von versprengten Erscheinungen. Es fallen einem auf Anhieb vielleicht Fischli/Weiss oder Roman Signer ein, aber das ist bereits experimenteller Mainstream für die Macher der Ausstellung, die aus einem Forschungsprojekt der ZHDK, der Universität Lausanne und der Hochschule Luzern entstanden ist. Sie haben tiefer gewühlt und assoziativ gebündelt, Beziehungen hergestellt und in den Raum montiert, und irgendwann wurde aus Material ein Mandala.

Splitterbilder im Kopf

Können sich Nischen zusammenballen? In der Ausstellung kommunizieren nun die wild in den Filmstreifen gekratzten Psychedelikmuster von Hans-Jakob Sibers «Jalousie» (1967) mit den aus der Fahrt aufgenommenen Strassenmarkierungen in Peter Stämpflis «Ligne continue» (1974). Die sprunghaften Miniporträts, die HHK Schoenherr 1968 von seiner Familie im Triemli-Hochhaus gedreht hat, reden mit den frenetischen Jump Cuts, mit denen Dieter Meier seine Paradeplatzbeobachtung «81'000 Units» (1969) rhythmisierte. Hier wellt es und dort pfeilt es, von allen Seiten das Surround-Glück: die Leinwände fast in Petersburger Hängung und die Bilderkraft derart konzentriert, dass man es schon eine bewegte Gemäldegalerie für Hipster nennen will – im bestmöglichen Sinn.

Ausschnitt aus Tjerk Wickys «Pêche de Nuit», 1963.

Wenn also der Schweizer Experimentalfilm keinen Kanon hat, so hat er zumindest eine genealogische Geheimlinie. Sie führt heraus aus den Institutionen und entlang der Ränder von isolierten Seelen, marginalen Kollektiven und Happenings im Underground, in denen merkwürdige Kurzfilme neben Performancekunst und Fanzine-Basteleien standen. Manche sind Wilderer aus dem Reservat der bildenden Kunst, so wie Dieter Roth, der in seinem in der Schau vertretenen Versuch «Dot» (1960) ein paar Löcher ins Zelluloid bohrt. Andere taten sich im Kumpelgeist des Cinéma copain zusammen, aber man kann nur annähernd von Schulen oder Motiven reden.

Im experimentellen Keller

Und dafür von der geballten Vielfalt der Formen, die für die Dauer eines Besuchs vom Terror des Geschichtenerzählens befreit. Hier sind die Strukturen in Auflösung, aber die Splitterbilder ziehen sich im Kopf wieder zusammen zu einer alternativen Schweizer Filmgeschichte. Man könnte in ihr fast heimisch werden. Und man kann dann auch wirklich hinabsteigen in den Untergrund der Kunsthalle, wo abendfüllende Filmexperimente wie Clemens Klopfensteins «Geschichte der Nacht» (1978) oder «Kick that Habit» (1989) von Peter Liechti laufen.

Ausschnitt aus Leonardo Bezzolas und Bernhard Luginbühls «Kleiner Emmentalfilm» von 1971.

Übrigens darf man auch in Zürich in den experimentellen Keller, nämlich in die winzige, aber angenehm textlastige Ausstellung «Maya Deren: Haitian Rushes» im Johann-Jacobs-Museum. Die amerikanische Avantgardefilmemacherin besuchte zwischen 1947 und 1955 Haiti und filmte Tanz- und Trancerituale, weniger als Ethnologin mit der Kamera denn als Zeugin mit eigenem Blick. Aus dem Film wurde nichts, weil Deren das Rohmaterial liegen liess, wohl aus Furcht vor einer unangemessenen Betrachtung des Fremden. Dafür werden die Rollen derzeit restauriert. In Zürich ist erst einmal ein kurzer Loop zu sehen, quasi als Sneak Preview auf das ganze Experiment und eingebettet in den biografischen und geografischen Kontext. Auch das ein Training gegen den gelenkten Blick. Oder: gegen die Kolonialisierung der Vorstellung.

Film Implosion! Fri Art Freiburg, bis 21. 2. Eine Anthologie zum Schweizer Experimentalfilm wird 2017 erscheinen.

Maya Deren: Haitian Rushes. Johann-Jacobs-Museum Zürich, bis 17. 1.

Erstellt: 29.11.2015, 17:35 Uhr

Still aus Dieter Meiers «81?000 Units».

Artikel zum Thema

Etwas kommt

Wer die Welt verstehen will, sollte ins Horrorkino. «It Follows» aus den USA erzählt auf unheimliche Art von Teenagern, die verfolgt werden. Und davon, wie sich Angst überträgt. Mehr...

Zürcher Filmpreis für «Heimatland»

Weitere Ehrungen gab es für «Amateur Teens» und die Dokumentarfilme «Iraqi Odyssey» und «Above and Below». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Machen Sie mehr aus Ihrem Sofa

Geldblog Georg Fischer fährt Achterbahn

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...