Die düstere Welt der Psychopathen und Rassisten

Lars von Trier durfte nach seiner Verbannung 2011 ans Festival von Cannes zurückkehren. Sein Thriller «The House That Jack Built» verstörte. Spike Lees «BlacKkKlansman» enttäuschte.

Empathieloser Zustand der Welt: Serienmörder Jack (Matt Dillon) in Lars von Triers «The House That Jack Built». Foto: PD

Empathieloser Zustand der Welt: Serienmörder Jack (Matt Dillon) in Lars von Triers «The House That Jack Built». Foto: PD

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Jetzt verstümmelt Lars von Trier schon Kinder. «Und von uns wird erwartet, dass wir uns das in Abendgarderobe anschauen?», sagte eine Besucherin laut Twitter. Sie hatte mit ein paar Dutzend anderen Gästen die Premiere von «The House That Jack Built» in Cannes vorzeitig verlassen. Die Kritiken aus der Nacht waren ebenso deutlich, da nützte es nichts, dass der Regisseur vor dem Film eine Standing Ovation bekommen hatte. Sein neuer Thriller sei zum Speien. Ausgedacht von einem Ekel, das sich in Provokationen gefällt, aber nur Widerwärtigkeiten von sich gibt. Das Enfant terrible: ein furchtbares Kind.

Vielleicht ist es besser, man schaut sich Lars von Triers Filme frühmorgens an. So, wie man ganz in Ruhe noch mal die Cannes-Pressekonferenz von 2011 durchsehen kann, als der Däne auf irgendwelchen unverständlichen Wegen dazu kam, sein Verständnis für Hitler zu äussern. Das Festival verbannte ihn darauf. Aber sein Fehltritt? Wenig mehr als ein miserabler Witz. Ähnlich die Sache mit der Verstümmelung in «The House That Jack Built». Es ist nichts, was einem noch nie begegnet wäre, wenn man beim Durchzappen am Fernsehen auf einen Horrorfilm stösst.

Selbstgefällige Taktik

Das Erschreckende ist, dass man sich bei Lars von Trier nun so richtig zu langweilen beginnt. Wenn er alle Arten grausiger Neigung zur Schau stellt, für die er sich zugleich rechtfertigt und selbst hasst, wirkt das nur selbstgefällig. Das psychoanalytische Zwiegespräch zwischen Es und Über-Ich, das er in «Nymphomaniac» erprobte, erscheint als Taktik, es niemandem recht zu machen. Es gibt gar ein Medley aus den Brutalitäten früherer Werke, von «Antichrist» bis «Breaking the Waves». Mörder Jack sinniert über die Lust an der Vernichtung, die so sehr zu uns allen gehört, dass es nichts bringen würde, in den Fiktionen der Gewalt nach Schuldigen zu suchen. Ich wars nicht, ruft von Trier, und schwenkt gleichzeitig das blutige Messer. Es wart immer ihr, ihr alle!

Trailer zu «The House That Jack Built». Quelle: Youtube

«The House That Jack Built» ist ein Porträt in fünf Kapiteln: Jack (Matt Dillon) hat als Kind den Entenküken die Füsse abgezwackt, im Erwachsenenalter verlegt er sich aufs Ermorden von Frauen. Die Leichen stapelt er im Kühlraum eines ehemaligen Pizzalieferdiensts. Vor Eintritt der Leichenstarre verkrümmt er oft ihre Glieder, denn Jack hat eine Schwäche für makabre Tableaux morts. Seine schlimmste Neigung ist aber das Monologisieren. Es gibt also viele Zwischenspiele mit Diagrammen und Kunstgeschichte, in denen Jack etwa die verschiedenen Herstellungsmethoden von Dessertwein erklärt.

Alles hat mit seinem Verständnis von Mord als Kunstform zu tun. Einmal erklärt der Psychopath gar den Genozid zur «extravagantesten Kunst». Für diese Perversion tadelt ihn dann aber Verge (Bruno Ganz) aus dem Off. Es ist mal wieder Teufel Lars, der mit sich selber redet. Und Verge ist Virgil, der Führer, der Jack am Ende in die Hölle bringt. Aber egal, es ist alles eh nicht so gemeint. «Als Mann wird man als Schuldiger geboren», schwafelt Jack wie ein antifeministischer Internet-Troll. Im nächsten Moment lässt er eine Freundin um Hilfe rufen und mansplaint ihr darauf den empathielosen Zustand der Welt.

Festival droht Selbstauslöschung

Jack ist ein Komponist der Dekomposition, ihn fasziniert die Pracht des Zerfalls. Auf diesem Weg passte der ausser Konkurrenz gezeigte Thriller dann doch sehr gut zu einem Cannes-Programm, in dem sich die Gesellschaft in Auflösung befindet. Es waren überall Kriegszustände zu besichtigen, in denen die Zivilisation zu tribalistischen Wahnvorstellungen und dumpfer Barbarei zerfällt.

Verbuddelt hat sich auch das Festival selbst: Gemäss Branchenblättern hat der künstlerische Leiter Thierry Frémaux letztes Jahr beinahe seinen Job verloren, weil er es wagte, zwei Spielfilme des Netflix-Streamingdienstes im Wettbewerb zu zeigen. Wenn das stimmt, hält ihn die französische Kulturkaste jetzt an der kurzen Leine. Und steuert ein Festival auf seine Selbstauslöschung zu. Die US-Kritiker erkennen den Niedergang auch daran, dass man dieses Jahr auch in den besten Restaurants kurzfristig einen Platz kriege. Hollywoodmässig sei auch wenig los; sogar die Fläche für die Plakate an den Luxushotels sei heuer knapper bemessen. So eine Haltung macht wiederum die französischen Kritiker wütend. Selbst die «Libération» hat begonnen, die schönen Paläste von Cannes vor der Reklame zu verteidigen.

Hitzige Hoffnung auf Revolution

«La guerre est là», sagte die kratzige alte Stimme des Kino-Philosophen Jean-Luc Godard in «Le livre d’image». Er meinte, dass wir längst in der Katastrophe leben, unter der die Besiegten täglich leiden. Was uns bleibt, ist die hitzige Hoffnung auf Revolution. Nur kommt sie dann hoffentlich nicht so plump daher wie in «BlacKkKlansman» von Spike Lee im Wettbewerb. Es geht um den wahren Fall eines schwarzen Polizisten, der in den 70er-Jahren in Colorado den lokalen Ku-Klux-Klan unterwanderte, indem er sich per Telefon bewarb und seinen weissen Cop-Kollegen vorbeischickte.

Trailer zu «BlacKkKlansman». Quelle: Youtube

Rassenkrieg, Polizisten, die Schwarzen in den Rücken schiessen, White Supremacy – erinnert an etwas? Bei Spike Lee sind die Gegenwartsbezüge von solch pädagogischer Brachialität, dass mehr als einmal über die kommende Mainstreamisierung rassistischer Extreme doziert wird. Und siehe da: Heute haben wir Trump und Charlottesville. Die Doku-Aufnahmen der Zusammenstösse bei diesem Neonazi-Aufmarsch stellt Lee als Fanal ans Ende. Black Power ballt die Faust. «The war is coming», heisst es fast wie bei Godard.

Ein richtig schlechter Film. Vielleicht kann man ihn für Schulvorführungen brauchen. Dabei hatte es gut angefangen mit einem Rassisten, der sich in eine Hassrede steigerte. Er bellte, als er nicht mehr wusste, gegen wen er eigentlich war. Er hielt sich einfach an diese eine wahnwitzige Idee, die heute Verbreitung findet: Dass die Kultur des weissen Mannes, ja des ganzen Westens, sich auflöst. Fantasien vom Zerfall: Darin erschöpfen sich ganze Visionen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 19:13 Uhr

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