Die elfte Plage

Halbzeit in Nyon: Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel ist auch nach 45 Jahren höchst lebendig. In den bisher gezeigten Filmen ging es um Liebeskummer. Und um Ausserirdische.

Hochglanzkino: «Sleepless in New York» von Christian Frei.
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Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon existiert nun seit 45 Jahren, und man kann vermelden: Was es mit dem Realen auf sich hat, bleibt weiter ungeklärt. Die Wirklichkeit umgibt uns ja prinzipiell überall, und Visionen hat man auch manchmal. Aber das Visions du Réel hat höhere Ideen. Es versteht das Kino als Labor für produktive Begriffsarbeit und die Filme als ihr sinnliches Material. Luciano Barisone, der uneitle Festivalleiter aus Italien, definierte das Reale in seiner Eröffnungsrede als Kombination aus Realität und Imagination. Er schien kurz davor zu sein, Jacques Lacan zu zitieren. Gottlob tat er es dann doch nicht, sondern kündigte Dokumentarfilme an. In ihnen entpuppte sich das Reale quasi als tiefere Ebene der Wirklichkeit. Es nahm die Form an von Albtraum und Aberglaube, und beides wirkte in die Realität hinein wie zwei leuchtende Augen im Wald.

Exemplarisch begab sich «Bugarach», der Wettbewerbsfilm des Regietrios Salvador Sunyer, Ventura Durall und Sergi Cameron, auf die Spuren unerklärlicher Geschehnisse. Im südfranzösischen Dorf Bugarach lebten 200 Seelen ihr normales Leben. Das Kaff war ihnen eigentlich Horizont genug, aber auf einmal kam die ganze Welt ins Dorf. Und zwar einfach darum, weil Bugarach 2012 zur letzten Zuflucht vor der Apokalypse erkoren wurde, die die Maya angeblich prophezeit hatten. Warum Bugarach, war zweitrangig. Wichtiger war die Hoffnung, dass Aliens aus dem Berg oberhalb des Dorfes herauskommen und alle mitnehmen würden, die sich den Glauben an die Rettung nicht nehmen liessen.

Aus der Sehnsucht wurde ein konkretes Reiseziel, und so fielen Esoteriker ins Dorf ein und wirklich Irre. Sie spürten die kosmischen Kräfte im Fels und redeten den Ausserirdischen zu. Die Spannung zwischen den Spinnern und den Dorfältesten, die durch die Gassen krochen, war sehr komisch. Zuerst nahmen die Einwohner die Besetzung mit ­Humor, aber als die Fernsehsender einfuhren, verging ihnen das Lachen. Das Einzige, was am Tag des Kataklysmus stattfand, war das Medienereignis. Die Journalistenmeute wirkte wie die elfte Plage im Land des auserwählten Volkes.

Der Strom unter allem

Da blubberte die Fantasie sehr konkret als Strom unter der Realität und brach in sie hinein. Dabei kamen zwar nur UFOs heraus und sonst nichts Brauchbares, etwa eine Revolution. Aber alles kann man ja auch nicht haben. Sowieso machte sich «Bugarach» nicht klein vor einer Wirklichkeit, die groteske Züge angenommen hatte. Sondern inszenierte und dramatisierte ohne Scham. Mag sein, dass der Film nicht die höchsten formalen Ansprüche hatte. Das hatten andere, etwa Thomas Heise mit «Städtebewohner». Aber seine Betrachtung eines mexikanischen Jugendknasts war von derart grauem Schwarzweiss, dass einem die Lust an der stilistischen Souveränität bald einmal verging.

Da liess man sich sogar das übliche Hochglanzkino des Schweizer Starregisseurs Christian Frei («War Photographer») gefallen. Für «Sleepless in New York» liess er in der Stadt Flyer aufhängen – auf denen stand, ein «Oscar-nominierter Schweizer Regisseur» suche nach Protagonisten für einen Film über akuten Liebeskummer. Vermutlich meldeten sich dann so manche Selbstdarsteller, aber den fertigen Film dominieren eine junge Frau und ein nicht mehr ganz junger Mann. Beide waren sitzen gelassen worden und gaben via Schmerztagebuch und Skype intime Einblicke in ihre lähmenden Tage. Das unfassbare Leid, als gut beschäftigter Single in hübschen New Yorker Wohnungen leben zu müssen, wurde nicht immer verständlich. Aber nachvollziehbar war die innere Qual von zwei Liebesopfern dann schon. Sie sehnten sich umso heftiger nach ihren Verlorenen, je mehr sie ihnen aus den Fingern glitten.

Leider verbreitete dazu eine Anthropologin reihenweise Plattitüden über die Liebe als Sucht und romantisches Leiden. Sie sah ihre Hypothesen auf einem Monitor bestätigt, der Flecken auf bestimmten Hirnregionen zeigte. Wir sahen die Flecken auch, aber sie waren gefühlsmässig weniger zugänglich als der Traum, dass alles doch noch gut kommen könnte – auch wenn die Wirklichkeit mit aller Kraft dagegenhält. Der Wunsch der weinenden Alley, ihr Levi möge doch wieder aus dem Loch heraussteigen, das er in ihre dreijährige Beziehung gerissen hatte, war ja auch nicht weniger irreal als die Vision von den Aliens im Berg hinter Bugarach.

Möwen, unsere Feinde

Eigentlich war der Wunsch so verrückt wie die Angst vor der Möwenplage in Porto. «A praga» von Hélène Robert und Jérémy Perrin vermischte ein Stadtporträt mit hitchcockschem Horror vor Seemöwen. Seit einiger Zeit nahmen die Tiere die Dächer in Beschlag und verteidigten sie mit undurchdringlichen Blicken. Einer sagte, er glaube nicht an eine friedliche Koexistenz mit den Vögeln, und ein anderer griff schon zum Luft­gewehr. Über Porto stülpte sich der Albtraum von der Möwenapokalypse, und es ging die Legende um vom Mann, der nach einer Attacke von der Leiter fiel und nicht wieder aufstand.

Das Grauen griff auf uns über und wütete im Kopf, in dem sich Angst mit Lust vermischte und Wirkliches mit archaisch Unsagbarem. Der imaginäre Schrecken von «A praga» vermengte sich dann auch mit den Herzwunden in «Sleepless in New York» und dem Aberglauben von «Bugarach». In allen Filmen steckte eine flirrende Fantasie ohne Ort und Erklärung, und vielleicht ist es ja das, was Realität und Imaginäres zuletzt zusammenhält: die Hoffnung.

Das Visions du Réel dauert noch bis 3. Mai. «Sleepless in New York» startet im Herbst im Kino. www.visionsdureel.ch

Erstellt: 29.04.2014, 07:48 Uhr

Das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel in Nyon dauert bis 3. Mai. «Sleepless in New York» startet im Herbst im Kino. www.visionsdureel.ch

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