«Die letzte Tage waren verrückt, weil ich stillhalten musste»

Carlo Chatrian wird Berlinale-Direktor. Am Filmfestival Locarno beginnt die Suche nach einer neuen Leitung.

Carlo Chatrian am Freitag bei der Vorstellung in Berlin.

Carlo Chatrian am Freitag bei der Vorstellung in Berlin. Bild: Keystone

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Am Freitag um 15 Uhr war es so weit: Der Aufsichtsrat der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin gab bekannt, wer zum neuen künstlerischen Direktor der Berlinale berufen wird. Es ist, wie alle schon wussten, Carlo Chatrian, der jetzige Leiter des Festivals von Locarno. An seiner Seite übernimmt Mariette Rissenbeek, aktuell Chefin der Promotionsfirma German Films, die Geschäftsführung. Der Name Chatrian stehe für «eine sehr gute, künstlerisch anspruchsvolle Mischung im Programm», sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Martin-Gropius-Bau zum Vorschlag der Findungskommission, die mit rund 40 Kandidaten gesprochen hatte. Jung und experimentierfreudig – diesen Spirit soll Chatrian von Locarno nach Berlin bringen. Für den Fototermin hatte er sich denn auch extra die Locken gestutzt.

Der 46-jährige Italiener Carlo Chat­rian löst den 70-jährigen Berlinale-Direktor Dieter Kosslick ab, dessen Vertrag im Mai 2019 ausläuft. Um sich mit dem Festival vertraut zu machen, soll Chatrian schon ab September bei der Vorbereitungsphase für die Berlinale 2019 mitlaufen. Die 71. Locarno-Ausgabe im August ist also seine letzte, gleich danach reist er nach Berlin.

«Ich bin sehr aufgeregt, die letzten paar Tage waren verrückt, weil ich stillhalten musste», sagt Carlo Chatrian am Telefon. Die Berlinale ist ein sehr viel grösseres Festival, wie mutig wird er da noch programmieren können? «Es ist sicher eine grosse Herausforderung. Aber ich werde mich nicht ändern. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich noch immer der cinephile Typ, der nach Locarno gekommen ist, um Filme zu entdecken.» Dass er bei all den Berlinale-Sektionen weniger Autonomie haben wird, kümmert ihn nicht? «Zuerst einmal muss ich mich mit den Leuten in Berlin treffen.» Auch Deutsch müsse er lernen.

Locarno will nichts überstürzen

Bevor Chatrian 2012 Locarno-Leiter wurde, hat er über Filme publiziert und war in Locarno für die Retrospektiven zuständig. Den Ausschlag für ihn dürfte gegeben haben, dass er sich in seinen Chef-Jahren in Locarno international einen Ruf als Talententdecker mit Sinn für Experimente erarbeitet hat – und es gleichzeitig gewohnt ist, ein Publikumsfestival zu leiten, denn als ein solches versteht sich auch die Berlinale. Neben ihm beaufsichtigt Mariette Rissenbeek Budget und Logistik. Sie kennt auch die deutsche Filmszene sehr gut. Chatrian soll sich explizit gewünscht haben, dass Rissenbeek ihn unterstützt. Eher seltsam ist, dass Rissenbeek selbst in der Findungskommission sass, die sie nun als Geschäftsführerin vorschlug.

An der zuletzt immer wieder als gefallsüchtig kritisierten Berlinale soll Chatrian das «künstlerisch-kuratorische Profil» stärken und «neue internationale Impulse» geben – keine leichte Aufgabe in einer Stadt, die gerade ein Debakel mit Chris Dercon an der Volksbühne erlebt hat. Chatrian ist da weniger der Showman, aber er hat Charme und kanns mit allen möglichen Leuten.

Wer folgt auf Chatrian in Locarno? Vor der nächsten Ausgabe (1.–11. August) sei kein Entscheid zu erwarten, sagt Festivalpräsident Marco Solari. Überstürzt wolle man nicht reagieren. In den nächsten Tagen werde der Ausschuss des Verwaltungsrats zusammenkommen. «Wir gehen Schritt für Schritt vor.»

Dass Locarno Chatrians Vorgänger Olivier Père nach nur drei Jahren und Chatrian nach sechs Jahren verloren hat – spricht das für oder gegen das Festival? «Es zeigt doch, dass Locarno ein Sprungbrett ist», sagt Solari. «Für Carlo Chatrian ist die Berlinale eine Riesenfreude, der Zug hat gehalten, und er musste einsteigen.» Blöd sei nur, dass Chatrian für Locarno nun zum grössten Konkurrenten werde. «Es wird noch einmal schwieriger. Wir müssen jemanden finden, der Chatrian die Stirn bieten kann.» Zu möglichen Kandidaten sagt Solari nichts. «Wir wollen die Beste oder den Besten.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.06.2018, 17:38 Uhr

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