Die nächste Lara Croft

Alicia Vikander war auf Blitzbesuch am Zurich Film Festival und brachte das Drama «Euphoria» mit. Der Film ist ein Debakel, aber die Fans lechzen mehr ihrem «Tomb Raider»-Auftritt entgegen.

Schauspielerin und internationale Ikone aller Stil-Beilagen: Alicia Vikander am Zurich Film Festival. Foto: Urs Jaudas

Schauspielerin und internationale Ikone aller Stil-Beilagen: Alicia Vikander am Zurich Film Festival. Foto: Urs Jaudas

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Es war zweifellos ein Filmstar, der gestern aus dem Hotel am 13. Zurich Film Festival trat. Wobei, es war gar kein Hotel, sondern die NZZ Lounge beim Sechseläutenplatz. Alicia Vikander hatte dort die Pressekonferenz abgehalten und ging einfach davon aus, es müsse auch ein Hotel sein. Schliesslich wird man als Filmstar ständig an solche Orte hingefahren, um Fragen zu beantworten. «This is a hotel too?», fragte deshalb die Celebrity in Transit.

Nein, aber es kam nicht drauf an, sie sass ohnehin da wie ein reizendes Gemälde und redete Englisch mit kosmopolitischem Londoner Akzent. Dort lebt die schwedische Schauspielerin seit einiger Zeit, nächste Woche wird sie 29. Irgendwann in den letzten Jahren wurde sie die Freundin von Michael Fassbender und nebenbei die internationale Ikone aller Stil-Beilagen.

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Draussen vor der Lounge-Fensterwand reckten schmächtige Nerds im mittleren Alter ihre Hälse, die für ein Autogramm gekommen waren. Das hatte etwas Lustiges, denn kürzlich gab es einen Vorfall, bei dem Alicia Vikanders eigener Hals sehr gedehnt aussah. Das war, als ein Poster des kommenden «Tomb Raider»-Films ins Internet gespiesen wurde. Darauf prangt sie als Abenteuerheldin mit Schnittwunde, die einen Blick über ihre Schulter wirft. Weil ihr Hals dabei sehr giraffig wirkte, regnete es viele Twitter-Witze über die Photoshop-Exzesse der Werbegrafiker.

Eine gestreckte Wahrheit? Keine Frage, allerdings handelt es sich dabei ja um Lara Croft, die Figur aus dem Computerspiel «Tomb Raider». Also um jene fiktive, den Hirnen von Gamede­signern entstiegene Entdeckerin, die im Tanktop freiklettert. Angelina Jolie spielte die toughe Männerfantasie schon mehrfach. Jetzt ist als nächstes Alicia Vikander dran.

Das trotzige Reh

Sie wird also entweder die nächste Angelina Jolie oder einfach die noch berühmtere Alicia Vikander. 2016 gewann sie den Nebendarstellerinnen-Oscar für die Verkörperung der Malerin Gerda Wegener in «The Danish Girl», deren Mann irgendwann damit begann, als Frau herumzulaufen. Es war ein Drama mit vielen schönen Tüchern und Gemälden aus den dänischen 1920ern, und mittendrin liebten sich Eddie Redmayne und Alicia Vikander, eine Frau schöner als die andere. Sowieso hat Alicia Vikander eines dieser bildhübschen Gesichter, die man deswegen so nennt, weil man wenig machen muss, damit es ein hübsches Bild gibt. Es liegt vielleicht an den Rehaugen, allerdings schauen die so trotzig, dass man sich besser in Acht nimmt.

Jedenfalls war es ihr Gesicht, das die Tech-Bros ihrem erotischen Roboter Ava im Science-Fiction-Film «Ex Machina» gaben. Da spielte sie eine verdrahtete Projektionsfläche, unten Kabel und Silikonhülle, oben menschliches Gesicht. Aber wie das so ist mit der künstlichen Intelligenz, die Schmollmund trägt: Sie bleibt nie nur Gegenstand des Begehrens, sondern kommt irgendwann auf eigene fatale Ideen.

Vielleicht ist es ja auch das, was Alicia Vikander an Lara Croft interessiert: dass solche Figuren immer mehr sind als programmierte Fantasien, nämlich vielmehr Agentinnen des Umsturzes. Man darf so eine Überlegung jedenfalls einer Schauspielerin zutrauen, die kürzlich zwecks Frauenförderung ihre eigene Produktionsfirma namens Vikarious gründete.

Urbaner It-Girlismus

Es hat aber auch damit zu tun, dass Vikander in Stockholm die Ballettschule besuchte, dass für sie als Tänzerin Schauspiel vor allen Dingen ein körperlicher Akt ist. Darüber redete Vikander auch an ihrer Masterclass im gut gefüllten Filmpodium. Sie schien da sehr gesprächig und humorvoll, aber sie ist ja auch eine spontane und expressive Schauspielerin. Man merkte ihr auch einen zeitgenössischen Sarkasmus an, der von Skepsis bis zum spöttischen Grunzen reichen kann.

Wir nennen es mal den urbanen It-Girlismus. In ihren Kostümrollen, etwa als untreue dänische Königin in «A Royal Affair», wirkt Alicia Vikander deswegen etwas paradox. Aber natürlich besetzt man sie auch deshalb: um das alles wieder modern zu machen.

Es passt auch zu ihrem Auftritt in «Euphoria», dem Drama, das sie ans Zurich Film Festival mitbrachte. Sie spielt darin eine Künstlerin von heute, die ihre Schwester in eine paradiesische Villa im Grünen begleitet. Der Ort stellt sich als Sterbehospiz für Superreiche heraus, daneben wirkt ein Exit-Zimmer wie eine Verrichtungsbox. Und die Künstlerin muss wieder in Kontakt kommen mit den Gefühlen, die sie lebenslügend verdrängt hatte. Es war ein geschmäcklerisches Debakel.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2017, 18:07 Uhr

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