Die unanständigen Wege des Anstands

Im Berlinale-Wettbewerb wurde der Realismus gepflegt: heiter und banal, tragikomisch und exakt.

Spanierinnen als Domestikinnen der Pariser Gesellschaft: Natalie Verbeke in «Les femmes du 6ème étage».

Spanierinnen als Domestikinnen der Pariser Gesellschaft: Natalie Verbeke in «Les femmes du 6ème étage». Bild: PD

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Kaum war Gaius Martius Coriolanus (Ralph Fiennes), der shakespearesche Held, hingemetzelt als glorioser Dickschädel und Opfer der eigenen starrsinnigen Blankverse (TA vom Dienstag), begann es im Wettbewerb der 61. Berlinale unblutig zu menscheln. Die Wirklichkeit sprach Prosa. Der Realismus wurde heiter, bizarr und ernst. Und im besten Fall kam alles zusammen in bizarrem, heiterem Ernst.

Es entstand – beispielsweise – eine mediterrane Fröhlichkeit unter den mehrbesseren Dächern von Paris im Spielfilm «Les femmes du 6ème étage» des Franzosen Philippe Le Guay. Er handelt im Jahr 1960, zur Regierungszeit des Generals de Gaulle (nicht dass das eine Rolle spielte, ausser was die Kostüme und Dauerwellen betrifft), man darf ihn also fast eine historische Komödie nennen. Die Bankiersfamilie Joubert ist es gewohnt, Hausmädchen zu halten, eigene und fremde, im sechsten Stock ihrer Pariser Immobilie; und noch nie wäre einem (und schon gar nicht einer) Joubert eingefallen, sich um die verstopften Kloaken zu kümmern, auf denen so eine Germaine oder Concepción oder Maria versäubern. Die Damen der Gesellschaft empfahlen sich in den Sechzigerjahren offenbar besonders Spanierinnen als Domestikinnen, weil sie billig waren und erstaunlicherweise nicht schmutzten.

Davon geht nun Le Guays Geschichte aus, in der Jean-Louis Joubert (Fabrice Luchini), der Hausherr, ein Penchant zum Savoir-vivre der spanischen Unterschicht entwickelt, die immer etwas zu Lachen hat. Schliesslich zieht er sogar in den sechsten Stock, wo die Spanierinnen ihm das Lachen beibringen und er ihnen die Investition in aquitanisches Öl. In solchen Andeutungen ahnt man vielleicht, wie dieser Film so vor sich hinplätschert, ohne wirklich etwas zu wollen, und einen im Berlinale-Wettbewerb ein wenig irritierte in seiner amüsanten Banalität.

Kalauer im Irrealen

Weit prätentiöser war allerdings in «The Future», dem zweiten Spielfilm der amerikanischen Performance-Künstlerin Miranda July, der ausgesprochene Kunstwille zur existenzialistischen Leichtfüssigkeit. Es spricht eine nierenkranke Katze vom Bedürfnis, einmal gestreichelt zu werden. Ein menschliches Paar (Hamish Linklater und Miranda July selbst), das mit seinen fünfunddreissig gern auch von dieser Welt wäre, aber am liebsten nie an der frischen Luft, will die Verantwortung für diese Katze übernehmen. Es kalkuliert mit einer Sterbebegleitung von fünf Monaten. Als es erfährt, dass so ein Tier bei genügend Liebe fünf Jahre überleben könne, rechnet es sich selbst die eigene Zukunft aus: Sie besteht aus unerfüllten Gegenwartsträumen. Deshalb zwingt das Paar sich einen Monat lang zu tun, was es immer wollte; und alles geht schief, weil es gar nie wusste, was es gewollt hat, und als es die Katze abholen soll, ist sie schon eingeschläfert.

Eine hübsch ironische, dramatische Idee. Andererseits bewegt sich «The Future» dann ein paar Meter zu viel neben der Realität, um das surreale Kunstwerk sein zu können, das der Film offensichtlich sein will. Er kalauert nur ein bisschen philosophisch im Irrealen herum.

Wunderbare Beobachtungsgabe

Es wäre erstaunlich, wenn eine Jury das als die preiswürdigste Kunstsprache des «Kinos des 21. Jahrhunderts» (so Festivaldirektor Dieter Kosslick) betrachtete. Und nicht zuerst den iranischen Wettbewerbsbeitrag «Jodaeiye Naderaz Simin» von Asghar Farhadi, die Geschichte einer Trennung, eines sich Wiederfindens und sich Wiedertrennens. Aber nicht nur als politisches Statement aus gegebenem Anlass (immer wieder ist ja daran zu erinnern, dass der Regisseur Jafar Panahi, eingeladen als Jurymitglied dieser Berlinale, weiterhin im Iran in Haft sitzt). Sondern als Würdigung einer wunderbaren Beobachtungsgabe, mit der hier vom ganz und gar aus dem Ruder laufenden Drama einer Scheidung erzählt wird: von Gerechtigkeit, Gesetz und Glauben; und von den skurrilen und unanständigen Umwegen, die Menschen manchmal nehmen, um anständig zu bleiben.

Erstellt: 17.02.2011, 08:28 Uhr

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