Die unglaubliche Karriere des Berner Losers Dällenbach

Den Sprücheklopfer und Coiffeur kannte man zu Lebzeiten nur in Bern. Warum konnte er posthum zur nationalen Legende und nun in Xavier Kollers Film «Eine wen iig» zum soften Swissness-Star werden?

In grosse Emotionen eingepackte Geschichte: Xavier Kollers Herzschmerz-Verfilmung, in der Hanspeter Müller-Drossaart den alten Dällenbach spielt.

In grosse Emotionen eingepackte Geschichte: Xavier Kollers Herzschmerz-Verfilmung, in der Hanspeter Müller-Drossaart den alten Dällenbach spielt. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach durchzechter Nacht ist Dällenbach am Morgen schlecht gelaunt an der Arbeit in seinem Coiffeursalon. Der Steuerbeamte, den er rasiert, beschwert sich: «Herr Dällenbach, heute habe ich keine gute Meinung von ihnen.» «Das stimmt nicht», gibt Dällenbach zurück, «Sie schätzen mich seit Jahren höher ein als ich Sie.»

Dieser kraftvolle Ton ohne falschen Respekt prägt die Witze, die über das Berner Stadtoriginal erzählt werden. Ob sie Auftritte des realen Dällenbach überliefern, ist unsicher. Ebenso, ob dieser zu Lebzeiten selber Witze über sich in Umlauf brachte.

Witzfigur wird Filmstar

Sicher aber ist: Die von Generation zu Generation weitererzählten Witze etablierten die Legende vom Aussenseiter, der wegen seiner Hasenscharte verspottet wurde, unglücklich liebte, alle mit seinem Witz unterhielt und sich einsam das Leben nahm.

Diese Legende ist das Fundament für die schier unglaubliche Karriere des Berner Losers, der auf Bühne und Leinwand zum Winner der Herzen wurde. Der 1931 verstorbene Coiffeur, der zu Lebzeiten kaum über Bern hinausgekommen ist, hat nach seinem Tod in der ganzen Schweiz ein Millionenpublikum verzaubert. 2010 begeisterte er auf der Thuner Seebühne und 2011 bei umjubelten Gastspielen in Zürich als grosse Dramenfigur in einem Musical, das seine schmerzhaften Gefühle kongenial vertonte. Nun steht ab dem 1.März in den Schweizer Kinos Dällenbachs jüngster Auftritt an, im Spielfilm «Eine wen iig» von Oscar-Preisträger Xavier Koller. Der Filmverleih überlegt sich eine Synchronisation auf Hochdeutsch, Dällenbach würde dann gar den Sprung über die Schweizer Grenze schaffen.

Kleines Leben, grosses Drama

Vom realen Leben des Coiffeurs kennt man nur die groben Stationen. Sein Vormarsch ins helvetische Kollektivgemüt ist deshalb erstaunlich. Oder auch nicht. Denn gerade die kargen Angaben geben den Nachgeborenen die Freiheit, Dällenbachs Persönlichkeit nachzuempfinden, ihn als Projektionsfigur auszuschmücken und an seiner traurig-schönen Legende zu stricken. «Jede Epoche hat ihren Dällenbach geprägt und frühere Lesarten abgewandelt», erklärt der Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart die Verwandlungen der Figur. Er verkörpert Dällenbach grandios im Thunersee-Musical und spielt nun in Kollers Film den alten Dällenbach, der sich an die Jugend erinnert.

Mit den Stationen von Dällenbachs Biografie lässt sich, unter Hinzunahme von Fantasie und Empathie, ein bühnenreifes Drama abstecken. Karl Tellenbach, der sich später Dällenbach nannte, wurde 1877 im Emmentaler Dorf Walkringen als zweitjüngstes von neun Bauernkindern geboren. Wegen seiner Hasenscharte litt er an einem Sprachfehler und wurde früh verspottet. Nicht zuletzt deshalb siedelte er nach der Coiffeurlehre in Worb 1896 nach Bern um, in die anonyme Stadt, wo ihn nicht jeder kannte. 1900 eröffnete er seinen eigenen Coiffeursalon an der Neuengasse. Dort und in den nahen Altstadtgassen etablierte er sich mit seinen frechen Sprüchen als Stadtoriginal.

1900 keimte auch seine Liebe zur Fabrikantentochter Annemarie Geiser – und scheiterte, weil das Familienoberhaupt den Coiffeur mit der Hasenscharte für eine schlechte Partie hielt. Für Dällenbach muss es nach dem Spott über sein Äusseres die zweite Lebensenttäuschung gewesen sein. Danach gelang ihm offenbar nie mehr eine Liebesbeziehung. Trost fand er bei der mütterlichen Wirtin im nahen Gasthaus Grünegg.

War er wirklich ein Säufer?

In welchem Masse Dällenbach seinen Kummer auf den Kneipentouren, die aus seinem Leben und den Witzen überliefert sind, im Alkohol ertränkte, ist umstritten. 2006 wehrte sich seine damals hochbetagte Nichte Heidi Binggeli-Tellenbach gegen das Bild des Alkoholikers. Sie konnte sich auch nicht erinnern, dass der verschlossene Dällenbach Witze erzählte. Der Sprücheklopfer blieb schon zu Lebzeiten ein Unbekannter, seine Person verschwand hinter seiner populären Fassade. Unscharfe Originalfotos zeigen einen eher grobschlächtigen Mann mit kantigem Schädel.

Sein trauriges Ende ist verbürgt. Die Nichte weiss von erfolglosen Krebsoperationen. Sie erzählt, dass ihr Vater am 10.August 1931 Dällenbachs Leiche aus dem Wohlensee geborgen habe. Er sprang offenbar in der Nacht vom 31.Juli von der Kornhausbrücke. Vor seinem Ableben habe Dällenbach tatsächlich sein Leichenmahl, das in keiner Verfilmung und Bühnenversion fehlt, im Grünegg organisiert, bestätigt die Nichte.

Mani Matters Nachruf

Dällenbachs Aufstieg begann 1968 mit der fakten- und legendemischenden «Biografie» des Berner Autors Hansruedi Lerch. Er war vor allem der verdienstvolle Sammler der Dällenbach-Witze. Und sein Buch inspirierte Kurt Früh zu seinem Spielfilm von 1970, in dem Walo Lüönd den Coiffeurmeister mit einem näselnden Berndeutsch als nationale Ikone etablierte – und die Berner Melancholie auf der mentalen Schweizer Karte verortete.

Für Frühs Film schrieb der Berner Chansonnier Mani Matter eines seiner bekanntesten Lieder. Über einen, der «vo früech a drunder glitte het, dass ihn die andre geng usglachet hei.» Der dann Witze reisst, weil er sich sagt: «Wenn dir so gärn ab mir tüet lache, i will nech jetz e Grund zum Lache gä». Und der am Ende die anderen «i däm Glächter inn het la sitze und sech himmeltruurig ds Läbe gno.» In genialer Verdichtung erfasste Mani Matter Dällenbachs Tragik mit ein paar Versen.

Walo Lüönds Totentanz

Regisseur Kurt Früh verstand Dällenbach aus dem Geist von 1968 als ausgegrenzten Nonkonformisten, der sich ohne falschen Respekt vor der Obrigkeit bewegt, aber dennoch an den harten Standesschranken seiner Zeit scheitert. Früh erzählt Dällenbachs Geschichte in ungeschönten Schwarzweissbildern. Die Kamera schaut Walo Lüönd, der Dällenbach herb und verschlossen spielt, aus schonungsloser Nähe zu, wenn er im Salon seine Kunden veräppelt und dann einsam in seiner totenstillen Wohnung sitzt. Und sie folgt ihm auf dem Fuss, wenn ihn die Alkoholsucht nachts durch die Berner Altstadtgassen treibt wie durch ein auswegloses Gefängnis.

Der Film setzt ein nach Dällenbachs Sprung von der Brücke in den Tod. Er rekapituliert dessen Leben wie den Totentanz eines Verlorenen im freien Fall. Die Liebesgeschichte mit Annemarie kommt bloss als Rückblende, als flüchtige, ferne Erinnerung vor. Regisseur Früh musste für seinen Film kämpfen. Die Produzenten verlangten erst eine heitere Dällenbach-Saga. Früh setzte sich durch. Das Millionenpublikum des Films berührte er gerade mit seiner traurigen Darstellung.

Dällenbachs Berner Blues

Bei ihren jüngeren Auftritten ist die Dällenbach-Figur aufgehellt worden. 2006 räumte die Berner Theaterregisseurin und -autorin Livia Anne Richard in ihrem Freilichttheater auf dem Gurten dem Liebesunglück mit Annemarie viel Raum ein. In ihrer Version spielte der Schauspieler Markus Maria Enggist den Dällenbach sensibel und verletzlich. Autorin Richard versetzte sich mit Monologen, in denen sie Dällenbach sein Leiden an der Oberflächlichkeit der Leute beklagen lässt, förmlich in ihre Figur hinein und leuchtete deren fragilen Seelenhaushalt aus.

Man habe ihr damals vom Stoff abgeraten, erzählt Richard heute. Sie erlebte dann die Wirkungsmacht des tragischen Clowns Dällenbach: «30000 Personen aus der ganzen Schweiz rannten uns die Bude ein, wir waren meist ausverkauft und spielten das Stück noch eine zweite Saison.»

Wie erklärt sie sich Dällenbachs Anziehungskraft? «Jeder von uns hat in sich eine Ecke, die verletzlich ist, ja einer Behinderung gleichkommt. Diese Ecke wird bei Dällenbach sichtbar», sagt Richard. Er biete sich als Projektionsfläche an, in der wir «die gehemmte und überdrehte Seite erkennen, die in jedem von uns drin ist.» Dällenbach überspiele und schütze diese verletzliche Seite wie wir alle mit Witz.

Er verkörpere überdies «den Urtraum jeder Liebesgeschichte», sagt Richard: «Wir wollen, dass uns jemand hinter unserem Äusseren, hinter unseren Masken und Fassaden entdeckt, wie wir wirklich sind.» Schliesslich werde Dällenbach als Berner geliebt, ist Richard überzeugt. Von Zuschauern aus der Ostschweiz hat sie gehört, dass ihnen Dällenbachs Berndeutsch ans Herz gehe. «Er lebt vom lautmalerischen Singsang des Berndeutschen, er nimmt schon jenen Berner Blues voraus, der im Berner Mundartrock zu einem nationalen Exportartikel geworden ist.»

Kari singt und tanzt

2010 trat der kleine Berner Coiffeur ins Rampenlicht der ganz grossen Bühne und lernte im Thuner Musical singen und tanzen. Was für ein Unterschied zu Kurt Frühs finsterem Dällenbach, der seine Gefühle für sich behielt. Aber: Die Dällenbach-Story funktionierte auch in der expressiven Dimension der Emotionsmaschine Musical. Und wie! Die populäre Geschichte vom verspotteten Aussenseiter, seiner gescheiterten Liebe, seiner Sucht und seinem himmeltraurigen Ende entpuppte sich als geradezu idealer Musicalstoff.

Leichtfüssig und schwerblütig spielte Hanspeter Müller-Drossaart als Witzbold, Liebender, Verzweifelter und Säufer auf der weiten Bühne vor der Sehnsuchtskulisse der Berner Alpen Dällenbachs widerstreitende Gefühle aus. Er sang zur Musik von Komponist Moritz Schneider, in der auch Mani Matters Liedmelodie anklang. Im Duett liess er sich von einer teuflisch schwarz gewandeten Personifizierung des Alkohols umgarnen. Und vor einer über das konkrete Bern hinausweisenden Kulisse des Zytglogge tanzte er in einem Ballett seiner Trinkgenossen den amerikanisch anmutenden Traum des Aufbruchs aus der kleinbürgerlichen Enge und Verlogenheit.

«Dällenbach ist der einzige Quasimodo, den die Schweiz hat», sagt Müller-Drossaart in Anspielung auf den hässlichen, unglücklich liebenden Glöckner von Notre-Dame. Das Musical spiele auch mit dem Gegensatzpaar «The Beauty and the Beast» – die Schöne und das Biest. Dällenbach sei eine ewige Figur und deshalb geeignet für ein grosses Drama, sagt Müller-Drossaart: «Er ist derjenige in uns, der Angst hat, das Leben nicht zu schaffen.» Wir seien ihm in einem «Schuldverhältnis» verbunden. «Weil die Menschen über ihn lachten und erst nach seinem Suizid schuldbewusst merkten, wie schlecht es ihm gegangen war, arbeiten wir heute unsere Schuld ab, indem wir ihn als Mythos lebendig erhalten», formuliert Müller-Drossaart seine ganz eigene Deutung der Figur.

Softe Swissness

Ab nächster Woche nun breitet Filmer Xavier Koller in seinem Film «Eine wen iig» Dällenbachs ganzes Leben seit der Geburt aus. Den Kern des Unglücks, die Hasenscharte, rückt er immer wieder unappetitlich nah ins Bild. Ansonsten überzeugt der Film mit schönen Bildern und den ausserordentlichen Schauspielern Nils Althaus als junger und Müller-Drossaart als altersmilder Dällenbach.

Koller lässt Dällenbachs Alkoholsucht und grobe Witze ganz weg und zelebriert dessen Liebesgeschichte. Der Regisseur bedient die angesagte Nachfrage nach regionaler Wurzelsuche und Swissness. Der junge Dällenbach ist bei ihm ein zartbesaiteter Prügelknabe, der in einem geschönten und fernen Geranien-Bern der 1920er-Jahre wohnt, in dem die Standesschranken eine Liebe noch zum Scheitern bringen konnten.

Kollers Darstellung geht ans Herz, er zahlt dafür aber auch einen Preis. Dem weichgespülten Dällenbach von «Eine wen iig» kommen die Ecken und Kanten abhanden, die dessen Legende gerade den Schneid verleihen. Auch diese Softversion wird aber Dällenbachs Popularität keinen Abbruch tun.

Erstellt: 25.02.2012, 22:31 Uhr

Artikel zum Thema

Cüpli und Komplimente

Die Premiere des Films «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» war ein Stelldichein der momentan angesagtesten Schweizer Schauspieler, der Konkurrenten und der Witzeklopfer. Mehr...

Nacht der Nominationen in Solothurn

Anwärter auf den Schweizer Filmpreis Quartz sind «Verdingbub» und «Dällebach Kari». Alain Berset trat erstmals als Kulturminister vor den Filmschaffenden auf. Mehr...

Grosser Zuspruch für Xavier Kollers «Dällebach Kari»

Gestern wurden die 47. Solothurner Filmtage mit einer vielversprechenden Premiere Xavier Kollers eingeläutet. Nils Althaus überzeugt in der Hauptrolle. Mehr...

Dossiers

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...