Dieser Finne

Aki Kaurismäki besuchte seine Retrospektive im Kino Xenix. Erst sagte er gar nichts, dann sprudelte er.

Wenn er nur nicht öffentlich reden würde: Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki beim Besuch in Zürich. Foto: Doris Fanconi

Wenn er nur nicht öffentlich reden würde: Der finnische Regisseur Aki Kaurismäki beim Besuch in Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Es ist immer riskant, einen Künstler, dessen Werk man bewundert, persönlich kennen zu lernen. Selbst so grundverschiedene Schriftsteller wie Arno Schmidt und John Irving sind sich darüber einig, dass ein guter Künstler sein Bestes für seine Werke gibt – und dass man sich «den schäbigen Rest» besser nicht anschauen sollte.

Der Finne Aki Kaurismäki hat einige der schönsten Filme der letzten Jahrzehnte gedreht. Aber er redet nicht gern darüber, schon gar nicht vor Publikum. Doch nun ist sein Gesamtwerk digitalisiert worden und wird zurzeit im Zürcher Kino Xenix gezeigt. Und da Kaurismäki und seine Frau, die Malerin Paula Oinonen, sowieso unterwegs von Finnland nach Portugal waren, wo sie jedes Jahr sieben Monate verbringen, machten sie Halt in Zürich. Man solle seinen Film «I Hired a Contract Killer» aus dem Jahr 1990 zeigen, sagte der Regisseur im Vorfeld. Und er sei bereit, anschliessend ein Gespräch darüber zu führen.

Als es dann so weit war, war Aki Kaurismäki so nervös, dass er bereits vor der Vorführung eine Reihe Biere zischte. Dem Publikum tischte er dann eine Verballhornung von Ludwig Wittgensteins berühmtestem Satz «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen» auf und ging darauf ins Restaurant, wo er sich mit weiteren Bieren und Weisswein systematisch betrank. Das weiss ich so genau, weil ich ihm nicht nur beim Essen gegenübersass, sondern anschliessend im Xenix ein Gespräch mit ihm zu führen versuchte. Es war ein Desaster, und darüber muss man schweigen.

«Du bist ein Postbote»

Für den nächsten Morgen war ein Interview anberaumt. Das konnte heiter werden. Doch dann liess Kaurismäki über seinen Verleih ausrichten, er sei wach und langweile sich. Ob der Interviewer nicht schon vorher kommen könnte? So richteten wir uns im Zigarrenraum des Hotels Engimatt ein, zum Aschenbecher kam noch eine Flasche Pinot grigio hinzu, und in der nächsten Stunde sprach Aki Kaurismäki mit so viel Ehrlichkeit und Humor, wie man es im ­Xenix nie für möglich gehalten hätte.

Wir konzentrieren uns auf Kaurismäkis Lieblingsfilme. «I Hired a Contract Killer» ist die Geschichte eines Franzosen in London, der nach missglückten Selbstmordversuchen einen Killer anstellt, um die Arbeit zu übernehmen. Dann jedoch trinkt der Lebensmüde zum ersten Mal in seinem Leben Whisky, verliebt sich ebenfalls zum ersten Mal und möchte nun nicht mehr sterben. Aber so ein Berufskiller hat nun mal sein Arbeitsethos. Kaurismäki hat den Film dem englischen Regisseur Michael Powell (1905–1990) gewidmet. Dieser drehte Filme wie «The Life and Death of Colonel Blimp» (1943), in denen die Farbe eine zentrale Rolle spielte. «Als ich nach London kam, um den ‹Contract Killer› zu drehen, war Powell gerade gestorben», erinnert sich Kaurismäki. «Bei ­einem Besuch in seinem Haus in Kent hatte ich ihm einmal erzählt, ich wolle Henri Murgers Roman ‹La vie de bohème› verfilmen. Darauf holte Michael sein ­Exemplar des Buchs und schrieb mir eine Widmung hinein. Er habe es auch ver­filmen wollen, doch das schaffe er nun nicht mehr. Drum solle ich es tun. Sein Tod ging mir während des Drehs ständig im Kopf herum, und so habe ich im ‹Contract Killer› geradezu powellisch in den Farben geschwelgt und auch mal Orange gegen Lila gesetzt.»

«La vie de bohème» entstand 1991, Kaurismäkis Lieblingsschauspieler, der Finne Matti Pellonpää, spielte darin auf Französisch den Maler Rodolfo – obwohl er die Sprache nicht beherrschte. «Matti lernte seine Texte phonetisch und brauchte Spickzettel. Für eine Liebesszene mussten wir seiner Partnerin Eveline Didi einen Zettel an die Stirn kleben. Es sah dann aus, als schaue er ihr tief in die Augen, doch tatsächlich las er von dem Zettel romantisches Geschwafel ab.» Der Wunsch, dieses Buch zu verfilmen, ging weit zurück. «1976 arbeitete ich als Postbote in Helsinki und wohnte mit anderen Nichtsnutzen zusammen in einer WG. Eines Tages warf mir ein Mitbewohner das Buch zu und sagte: ‹Lies das. Es wird dir gefallen.› Ich las es in ­einem Zug, ging in unseren Gemeinschaftsraum und sagte: ‹Das ist ein tolles Buch. Das werde ich verfilmen.› Alle lachten mich aus und sagten: ‹Du kannst keinen Film machen. Du bist ein Postbote.› Ich sagte: ‹Euch zeig ichs.› Es hat dann fünfzehn Jahre gedauert, aber ich habe es geschafft.»

Kaurismäki hasst Digitalkameras und hat gesagt, wenn es kein Filmmaterial mehr gebe, höre er auf. Nun musste er die Digitalisierung seines Gesamtwerks überwachen. Was veränderte er? «Ich musste alle Farben neu machen», stöhnt er und schenkt sich Wein nach. «Digitale Bilder haben keine Farben in meinem Sinn. Das war eine Heidenarbeit. Am Schnitt habe ich nichts geändert; selbst da, wo ich es gern getan hätte. Ich war sehr ehrlich und habe alle Fehler dringelassen. Und davon gibt es einige.»

Lange Zeit wollte der Regisseur, dass seine Biografie nur aus folgendem Satz bestehe: «Geboren 1957, aber . . .» Das ist eine Hommage an den japanischen Regisseur Yazujiro Ozu und dessen Film «Ich wurde geboren, aber . . .» (1932). Seinen ersten Ozu-Film, «Die Reise nach ­Tokio» (1953), sah Kaurismäki 1987. Es ist die Geschichte eines alten Paars, das vom Land in die Stadt fährt, um die Kinder zu besuchen, die aber vor lauter Karrierestreben für ihre Eltern keine Zeit haben. «Ich sah ‹Tokio monogatari› im National Film Theatre in London. Ich habe den ganzen Film hindurch geweint.» So wurde Ozu zu seinem Lieblingsregisseur neben dem spanischen Surrealisten Luis Buñuel und dem Franzosen Robert Bresson. Die drei verbinde «das Grauen vor dem Leben, das Grauen vor der Gesellschaft», gab Kaurismäki 1990 einmal zu Protokoll. Aber es sei doch interessant, seine Entwicklung zu verfolgen: «Das erste Bild in meinem ersten Film ‹Crime and Punishment› aus dem Jahr 1983 ist eine Kakerlake in einem Schlachthof. Das letzte Bild meines bisher letzten Films ‹Le Havre› aus dem Jahr 2011 ist ein blühender Kirschbaum. Das ist das Ozu-artigste Bild, das ich je gemacht habe. Ich mag ‹Le Havre›. Sollte dies der letzte Film meiner sogenannten Karriere sein, wäre das ein schöner Schluss.»

Mag sein. Aber unsereiner wünscht sich, dass Kaurismäkis Karriere weitergeht. Der Mann soll weiter wunderbare Filme drehen – aber öffentlich bitte nicht mehr darüber reden.

Bis 28. 10. im Xenix. «I Hired a Contract Killer» heute und morgen, 21 Uhr; «La vie de bohème» 12. 10. bis 14. 10., 18.45 Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2015, 17:49 Uhr

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