Filmkritik

Egalité, Fraternité, Jovialité

«Intouchables» könnte mit bisher 16 Millionen Zuschauern schon bald zum erfolgreichsten französischen Film überhaupt werden. Jetzt kommt die Klassen überwindende Komödie auch in unsere Kinos.

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Vor gut zwei Monaten war Omar Sy bloss ein populärer TV-Moderator und Komiker. Anfang November jedoch kam «Intouchables» in die Kinos und machte ihn schlagartig zum Idol, das in allen Gesellschaftsschichten begeisterte Anhänger findet. Seither ist der Schauspieler ein gefragter Mann. Klar, dass er da nicht jede Einladung annehmen kann, die ihm ins Haus flattert. Kürzlich erhielt er jedoch eine, die man eigentlich nicht ausschlagen darf: Staatspräsident Nicolas Sarkozy bat ihn, seinen Leinwandpartner François Cluzet sowie die Regisseure des Films zu einem Diner in den Elysée-Palast. Sy liess sich entschuldigen; mit einer Ausrede, deren Fadenscheinigkeit ohne Zweifel kalkuliert war: Er sei wegen Dreharbeiten unabkömmlich.

Omar Sy ist in einer jener Vorstadtsiedlungen geboren, denen Sarkozy, selbst Sohn ungarischer Einwanderer, bereits in seiner Zeit als Innenminister den Krieg erklärt hatte und deren Konflikte er am liebsten mit einem Hochdruckreiniger lösen würde. Sy bewies einen Mangel an Ehrerbietung, der genau zu der Figur passt, die er in «Intouchables» verkörpert: Driss ist einer, der die sozialen Mechanismen durchschaut und sich nichts vormachen lässt. Sy, seinen Darsteller, wird es verdrossen haben, dass sich der ansonsten kulturferne Staatspräsident in Wahlkampfzeiten mit der Einladung auch ein wenig im Ruhm des Films sonnen wollte.

Ein gesellschaftliches Phänomen

Bis zum Jahreswechsel wurden für die Kulturschock-Komödie über die Freundschaft zwischen einem reichen, verwitweten Aristokraten und dem lebenstüchtigen Kleinkriminellen, den er als Pfleger engagiert, rund 16 Millionen Eintrittskarten verkauft – in gerade mal sieben Wochen. Auch in der Westschweiz haben schon nahezu 400'000 Personen den Film gesehen. Längst ist «Intouchables» zum gesellschaftlichen Phänomen geworden, zu dem sich Soziologen gleich wie die Illustrierten in Stellung bringen. Die Komödie – und ihr Erfolg – will gedeutet sein.

Da ist einerseits, in Krisenzeiten hoch willkommen, die Rückbesinnung auf die republikanische Tugend der Brüderlichkeit, die der Film offeriert. Die heilsame Begegnung der Klassen ist seit Eugène Sues Roman «Les mystères de Paris» (1843) ein beliebter Topos in der französischen Populärkultur. «Intouchables» kehrt die Verhältnisse jedoch um: Anders als bei Sue beruht der erzählerische Impuls nicht auf patriarchalischer, gönnerhafter Wohltätigkeit. Der Film ist vielmehr lesbar als grossmütige Allegorie auf den Zufluss an Vitalität und Dynamik, mit dem die Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein traditionelles, privilegiertes Frankreich aus seiner Erstarrung erlösen. Zwischen Driss und Philippe findet ein sozialer Tauschhandel auf Augenhöhe statt.

Spottlust ohne Tabus

«Diese Burschen aus der Vorstadt kennen kein Mitleid.» Mit diesen Worten warnt Philippes Anwalt den Aristokraten anfangs vor dem Pfleger, doch deren vor Testosteron strotzende Allianz straft ihn bald Lügen. In ihrer Freundschaft wird der Traum wahr, die Klassen könnten einander ohne Befangenheit begegnen. Aus diesem Mangel jeglicher Rücksichtnahme schöpft der Film von Eric Toledano und Olivier Nakache seinen nonchalant zupackenden Humor. Ihm ist eine ganze Menge heilig, aber seine Spottlust kennt keine Tabus.

Zudem hat die Geschichte den Vorzug, auf einer wahren Begebenheit zu beruhen. Man kann der Wirklichkeit zu ihrem Einfallsreichtum gratulieren.

Der Mann ist lernfähig

Freilich beherzigt «Intouchables» auch eine goldene Regel, auf welcher der Erfolg aller französischen Blockbuster beruht – von «Le Petit Monde de Don Camillo» bis «Bienvenue chez les Ch’tis». Der Film erzählt von einem maskulinen Tandem, das sich zusammenrauft und darin tragikomische Grösse erlangt. Er feiert die Gabe zu Anpassung und Bewältigung. Beide Männer lernen, ihr jeweiliges Handicap zu überwinden.

Es ist nicht auszuschliessen, dass Sarkozy den Film tatsächlich schätzt. Wer weiss, ob er sich insgeheim nicht gern mit dem schwarzen Pfleger identifizieren würde? Im Gegensatz zu ihm selbst bewährt sich Driss nämlich in einer Stellung, für die er überhaupt nicht geschaffen schien.

«Intouchables»: ab 12. 1. im Lunchkino im Arthouse Le Paris Zürich, ab 19. 1. im Kino.

Erstellt: 04.01.2012, 08:57 Uhr

Der Trailer zu «Intouchables».

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