Eigentlich ist Putin auch ein Regisseur

«Putin’s Witnesses» zeigt den russischen Herrscher ungeheuer intim: in jenem Moment, als er Boris Jelzin ablöste und zum Staatspräsidenten aufstieg.

In den trüben Camcorder-Aufnahmen von Ende der 90er-Jahre kommt Regisseur Vitali Manski Putin ungeheuer nah. Quelle: Youtube


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Wenn es einen Mann gibt, von dem man sich schlecht vorstellen kann, dass er ein warmes Bad nimmt, dann ist es Wladimir Putin. Eher schon nimmt er ein eiskaltes, in irgendeinem Wildbach in Sibirien, auf den er zufällig beim Ausreiten stösst. Aber vielleicht war das im März 2000 noch anders. Zum ersten Mal bestätigten 52,9 Prozent der Russen damals Wladimir Wladimirowitsch Putin als ihren neuen Präsidenten. Am Abend der Wahl wartet sein Vorgänger Boris Jelzin darauf, dass sein Schützling ihn zum Dank anruft. Er wird vertröstet, Putin rufe sofort zurück, heisst es. «Vielleicht nimmt er ein Bad», sagt jemand aus der Jelzin-Entourage. Die Champagnerflasche ist zu dieser Zeit bereits geöffnet, aber Putin ruft nicht zurück.

Die Aufnahmen von Jelzin stammen von Vitali Manski, geboren 1963 in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik und in den 90er-Jahren Fernsehproduzent und Leiter der Dokumentarabteilung des Staatssenders Russia. 1999 plant er, ein Porträt von Gorbatschow zu drehen, doch weil Jelzin den alten Sowjetpräsidenten nicht ausstehen kann und dieser in der Öffentlichkeit sowieso totgeschwiegen wird, beschliesst der Sender, zur Sicherheit auch noch ein Jelzin-Porträt in Auftrag zu geben. Als Manski zu drehen beginnt, war Geheimdienstchef Wladimir Putin vom Kreml bereits dazu bestimmt worden, in höchste Ämter aufzusteigen.

Das Glas Rotwein gekippt

In «Putin’s Witnesses» treten also drei Staatspräsidenten auf, doch Manskis dokumentarische Chronik spitzt sich auf die Person Putin zu. In den trüben Camcorder-Aufnahmen von Ende der 90er-Jahre kommt er ihm ungeheuer nah. Nach den Wahlen von 2000 zum Beispiel sitzt Putin mit seinem Team in einem Konferenzraum und gratuliert seinen Mitstreitern zur «perfekten Organisation und psychologischen Konstruktion» seines Siegs.

Als er fertig geredet hat, kippt er sein Glas Rotwein runter wie etwas, das er auch noch erledigen muss, bevor die nächste Massnahme umgesetzt werden kann. Um Putin sitzen seine Berater – Vitali Manski erklärt reihum, was aus ihnen geworden ist: Sie haben die Seite gewechselt, sind vergiftet worden oder sonst unter ungeklärten Umständen umgekommen.

Manskis Off-Kommentar ist so subjektiv wie ätzend, wohl auch deshalb, weil das schlechte Gewissen an ihm nagt – schliesslich ist er damals einfach bei Putin vorbeigegangen, um ihn abzufilmen. Viele Szenen hat er selber vorgeschlagen; Putin hat sie alle abgesegnet. Er dirigierte eigentlich schon da.

Obwohl er der Macht nahekommt, nimmt Manski Distanz ein zu Putin. Es gibt eine erschreckend intime Szene, in der Putin Manski zu sich bittet, um ihm zum wiederholten Mal die Gründe dafür zu erläutern, weshalb er als Präsident weiterhin die Melodie der sowjetischen Hymne verwenden will – man dürfe ja auch mal an den Sieg im Zweiten Weltkrieg denken statt an den Gulag. Nullaussagen mit Nachdruck, dazu dieses freudlose Grinsen: Putin der Player, der die Nostalgiegefühle nach der Sowjetzeit als kalte Machttechnik einsetzt und Präsident wurde, ohne je Wahlkampf betrieben zu haben.

Im Jahr 1999, als Putin von Jelzin zum Ministerpräsidenten erkoren wurde, seien seine Bekanntheitswerte bei 0,57 Prozent gelegen, erzählte Vitali Manski kürzlich am Zurich Film Festival. Zu dieser Zeit waren die Unruhen in Tschetschenien tägliches Medienthema; es folgte eine bis heute ungeklärte Attentatsserie auf Wohnhäuser in Moskau. Das alles führte dazu, dass der junge, starke Putin den alten, aufgedunsenen Jelzin ablösen konnte. «Es herrschte eine Atmosphäre der Angst, in der die Menschen ihr Vertrauen in jemanden setzen wollten, von dem sie dachten, dass er Russland beschützt.» Als Putin in unmissverständlicher Sprache erklärte, was er mit den Attentätern zu tun gedenkt, seien seine Popularitätswerte auf 50 Prozent gestiegen, sagt Manski.

Wladimir Putin sei ihm damals wie jemand vorgekommen, der sich durch ein Minenfeld bewege und als Erstes Leute um sich scharte, denen er vertrauen konnte. «Seither ist ihm das Überzeugen langweilig geworden. Er muss ja niemanden mehr überzeugen, weil er alles selbst entscheiden kann.» Putin habe seine Vision von der vertikalen Macht verwirklicht: Er regiere über die Medien, die Parteien, das Parlament und die Gouverneure in den Regionen. «Er hat verstanden, dass demokratische Institutionen seine Aktivitäten verlangsamen.»

Schikane

Vitali Manski lebte heute in Lettland. Das kleine Dokumentarfilmfestival Artdoc, das er in Russland gegründet hat, findet nun in Riga statt. Dass er «Putin’s Witnesses» in Russland wird zeigen können, hänge davon ab, ob sein Festival eine Lizenz vom Kulturministerium bekomme. Seit kurzem müssen selbst kleine Anlässe eine Akkreditierung beantragen; die Prozedur sei ausschliesslich darauf angelegt, Kunstveranstaltungen zu schikanieren. «Die Chance, dass wir die Erlaubnis bekommen, liegt bei einem Prozent.»

Derweil wiederholt das russische Fernsehen seit Jahren die Geschichte von der Stärke Putins. «Im Fernsehen laufen ständig Dokumentarfilme über ihn, die eigentlich gar keine Regisseure mehr haben. Im Prinzip ist Putin ihr Regisseur», sagt Manski.

Ab 11. 10. in den Kinos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2018, 16:22 Uhr

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