Ein Bild von einem Mann

Adam Driver ist das unwahrscheinliche Sexsymbol von «Girls» bis «Star Wars». Jetzt spielt er in «Paterson» von Jim Jarmusch einen dichtenden Buschauffeur.

An Adam Driver lässt sich die Umgebung ablesen: Szene aus «Paterson» von Jim Jarmusch. Foto: Mary Cybulski

An Adam Driver lässt sich die Umgebung ablesen: Szene aus «Paterson» von Jim Jarmusch. Foto: Mary Cybulski

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für einen Schauspieler, der inzwischen mit Steven Spielberg, Martin Scorsese, Clint Eastwood und Jim Jarmusch gedreht hat, ist Adam Driver nicht sehr weit gekommen, als er zum ersten Mal Richtung Hollywood losgefahren ist. Es war nach der Highschool. Driver wohnte in Mishawaka, Indiana, im Haus der Mutter und des Stiefvaters. Sie hatten ihn in den hinteren Teil verbannt, um ihm beizubringen, selbstständig zu leben. Driver verkaufte Staubsauger, aber eines Tages entschied er sich, nach Kalifornien abzuhauen. Schliesslich hatten das vor ihm schon andere getan. Er fuhr los, doch irgendwo in Texas ging sein Auto kaputt. Nach ein paar Tagen hatte Driver kein Geld mehr. Er kehrte nach Indiana zurück. Sein Stiefvater brüllte: «Du meldest dich jetzt bei der Marine!»

Ein paar Monate nach 9/11 heuerte Adam Driver bei der Marine an. Er wollte im Krieg kämpfen, aber nach einem Velounfall wurde er entlassen. Driver ging an die Universität, spielte Theater, wurde in die Juilliard School aufgenommen, zog nach New York, kriegte Winzrollen in Eastwoods «J. Edgar» und Spielbergs «Lincoln». Dann sprach er für Lena Dunhams HBO-Serie «Girls» vor. Er wurde in der Rolle des Adam besetzt, Teilzeitschreiner und merkwürdiger Freund der Hauptfigur Hannah, mit dem sie versauten Sex und einige Probleme hat. In der Serie hobelt er oft halb nackt in der Wohnung an Brettern herum, wenn er nicht gerade Grunzlaute tief aus den Eingeweiden ausstösst oder die Hipster von Brooklyn mit gnadenloser Ehrlichkeit runterputzt. Es war irgendwann dann, dass Adam Driver zum Sexsymbol der digitalisierten Zehnerjahre wurde. Als Mann des Holzes und der Haltung. Und das trotz seines Gesichts, an dem nichts recht zusammenpasst.

Driver ist fast zwei Meter gross, alles an ihm ist fleischig, ob Finger oder Ohren. Am diesjährigen Festival in Cannes steht er in einem Hotelflur wie eine lang gezogene Kartoffel. Er reicht mit dem kohlrabenschwarzen Haarschopf knapp zur Decke, für ein Shooting hält er sich gerade eine Neonröhre unters Kinn, die wahrscheinlich ein Laserschwert darstellen soll. Denn der 33-Jährige spielt nun auch den Bösewicht Kylo Ren in der neuen «Star Wars»-Trilogie. In «The Force Awakens» trägt er wie Darth Vader einen Helm. Sowie er ihn ablegt, kommt das aufmerksame Gesicht von Adam aus «Girls» zum Vorschein.

Fels im urbanen Ego-Branding

In Cannes setzt sich ein Mann an den Gruppentisch im Hotelgarten, der sich nicht besonders wichtig nimmt. «Ich denke immer, ich schaffe das schon, mir selber in einem Film zuzuschauen. Aber wenn ich mich dann sehe, folgen Selbstzweifel und Monate der Depression.» Adam Driver lacht, aber es scheint ihm wirklich nicht zu behagen, genauso wie es ihm unangenehm ist, sich selber reden zu hören. Oft nimmt er Aussagen zurück: «Jetzt habe ich dasselbe auf zwei Arten gesagt.» Schon in «Girls» knurrte er, wo andere Darsteller wohl ein delikateres Verhalten vorgeschlagen hätten. Driver wirkte stark, wie ein Fels im urbanen Ego-Branding. Ein schroffer Bücherwurm und ein Romantiker, Lena Dunham hatte sich da einen altmodischen Prinzessinenretter ausgedacht. Seit seinem Militärdienst geht Driver regelmässig schwimmen und rennen. Aber all die «männlichen Dinge», die man sich so vorstellen könne, habe ihm sein Vater nicht beigebracht. «Wie man ein Auto repariert oder ein Vogelhaus baut, all das haben wir nie gemacht.»

Niemand ist nur etwas. Seit er beim Marine Corps war, sei er sehr empfindlich, sagt Driver, wenn Soldaten im Kino auf etwas Bestimmtes reduziert würden: «Sie sind immer mehr als nur Soldaten.» Auf Twitter gibt es den «Emo Kylo Ren», eine Parodie des «Star Wars»-Schurken, der sich nun verzweifelte Gedanken über seinen Vater ins Tagebuch notiert. Lustig und nicht weit weg von der tatsächlichen Figur. Kylo Ren trägt schwer an der Frage, ob er die Kraft zum wirklich Bösen hat und je so niederträchtig sein wird wie Darth Vader. Ein Schmerzensmann, der das Böse verletzlich zeigt. Adam Driver ist der Typ dafür, weil das Blockbusterkino inmitten der Computerschlachten von gebrochenen Psychen erzählt – und deshalb umso mehr auf schauspielerische Primäreffekte angewiesen ist: auf tränende Augen und wütende Blicke, auf Ausbrüche und Speichelfäden und brodelnde Stille.

Als leibhaftiger Crossover-Erfolg pendelt Adam Driver jetzt zwischen Independentkino und Millionenkisten: «Wenn J. J. Abrams bei ‹Star Wars› Regie führt, gibt es trotz des Spektakels intime Momente, wie man sie aus kleineren Filmen kennt.» Er stellt Figuren dar, die mehr sind, als man auf den ersten Blick zu erkennen glaubt, die auch wirken, als stammten sie aus einer früheren Zeit. Es passt deshalb gut, dass Driver in «Paterson», dem neuen Film von Jim Jarmusch, einen Busfahrer spielt, der kein Handy hat und Gedichte in sein Notizbuch schreibt. Etwas anderes merkt man darin noch deutlicher: Keiner lauscht so konzentriert wie Adam Driver.

Existenzielle Leerstellen

Es sind die schönsten Momente im Film, wenn Drivers Chauffeur frühmorgens den Bus aus dem Depot holt und darauf den Gesprächen der Passagiere lauscht. Er heisst so wie das Städtchen in New Jersey, durch das er fährt: Paterson. An seiner aktiven Ruhe, seinem beobachtenden Blick lässt sich die Umgebung ablesen. In «Girls» war das ähnlich, und Jim Jarmusch baut nun eine ganze Charakterstudie um Adam Driver: «Mein Busfahrer hört den Leuten ringsum zu. Man soll in Filmen natürlich immer hinhören, was jemand sagt und wie er es sagt. Aber Jarmusch verlässt sich nicht aufs Spektakel. Die Macht des Gedankens ist bei ihm interessant genug.» Paterson hat auch eine reizende Frau, Laura, die daheim kreative Dinge ausprobiert. Abends geht er mit der Bulldogge hinüber zur Bar, wo er ein Bier trinkt. So läuft das sieben Tage ab in seinen Routen und Routinen, und Jim Jarmuschs Lakonie der Ziellosigkeit wird dabei zu einer Meditation über Gewohnheit, deren Retrophilie leicht tendenziös ist und deren Komik eher fad.

Jarmuschs Kino kreiste schon vorher um Pausen und existenzielle Leerstellen. Nun geht es ihm wirklich ums Versmass des Alltags. Der Busfahrer schreibt konkrete Gedichte über Zündholzschachteln, denn Paterson ist der Ort, an dem Alan Ginsberg aufgewachsen ist, und es ist der Titel des wilden Langgedichts von Williams Carlos Williams. «All das war nie Teil meiner Erziehung», sagt Adam Driver. «Dass Sprache wichtig ist, wurde in meiner Jugend kaum betont. Reden, Bücherlesen, davon hatte ich vor der Schauspielschule keine Ahnung.»

Jarmusch habe ihn in die Welt der ­Lyrik eingeführt, aber einen dreimonatigen Buschauffeurkurs habe er trotzdem besucht, «man soll ja nicht vergessen, dass Paterson neben den Gedichten auch Techniker ist». Nur arbeite Jarmuschs Film gegen die eingefahrene Vorstellung, ein Busfahrer könne niemals ein Poet sein. Keiner ist nur etwas, auf dem Nachttisch des Chauffeurs steht denn auch ein Porträt des Dichters in jungen Jahren. Es zeigt den echten Adam Driver im Marine Corps. Der Jüngling mit den riesigen Ohren ist jetzt ein Filmstar. «Das kann schon sein. Aber zugleich ist mir immer noch klar, dass wir alle allein sterben werden.»

«Paterson» läuft in Zürich im Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.12.2016, 20:27 Uhr

Artikel zum Thema

Das wohltemperierte Mutterschafts-Drama

Pedro Almodóvar zeigt am Filmfestival in Cannes seinen neuen Film «Julieta». Dieser kommt für einmal ohne Hysterie aus. Jedenfalls fast. Mehr...

«Der erste richtig gute ‹Star Wars›-Film»

Die Vorfreude der Fans ist riesig: Am Donnerstag kommt «The Force Awakens» ins Kino. Alles über den Film, Regisseur J. J. Abrams und die philosophische Seite von «Star Wars». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Sweet Home So geht der «Sleek Chic»

Geldblog Warum zu viel Cash ein schlechtes Geschäft ist

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Adieu und Adiós: Die Matrosen des mexikanischen Segelschulschiffs Cuauhtémoc haben für die grosse Parade auf der Seine die Masten erklommen. Die Fahrt zum Meer bildet den Abschluss der Armada von Rouen, eine der wichtigsten maritimen Veranstaltungen Frankreichs. (16. Juni 2019)
(Bild: Charles Platiau) Mehr...