Ein Konzert des Schreiens

Mehr als zehn Jahre nach «Das Leben der Anderen» erzählt Florian Henckel von Donnersmarck in «Werk ohne Autor» wieder von deutscher Geschichte. Aber musste er das auf diese Weise tun?

Künstler Kurt Barnert, gespielt von Tom Schilling, in «Werk ohne Autor». Foto: Walt Disney Schweiz

Künstler Kurt Barnert, gespielt von Tom Schilling, in «Werk ohne Autor». Foto: Walt Disney Schweiz

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Der Titel «Werk ohne Autor» ist ein bisschen erklärungsbedürftig, da das Werk ja einen Autor hat, soweit es den neuen Film von Florian Henckel von Donnersmarck betrifft. Beim Werk im Film aber, auf das das Drama zuläuft, handelt es sich um bildende Kunst, die sich aus einem angesammelten Vorrat von Fotografien bedient: Schnapp­schüssen der Realität, Fragmenten des posierenden Lebens. Also aus einem Reservoir von Gefundenem, das abgemalt und schlierig übermalt und in einen Unschärferaum der möglichen Assoziationen versetzt wird.

Sodass nicht eigentlich der abmalende und übermalende Künstler der Autor ist, sondern der mysteriös erkennende Zufall: weil die Fotografie angehaltene Wirklichkeit ist, wie es heisst, und das Wirkliche wahr, wie es heisst, und alles Wahre schön. Und wer da an den Künstler Gerhard Richter denkt, Professor und deutscher Malerfürst, dessen Werke heute kaum noch zu zahlen sind: Der hat recht.

Dies ist kein Film über Richter, sondern über einen wie ihn, Kurt Barnert (Tom Schilling), jedoch derart, dass die Verwechslung von Biografie und Fiktion dann doch verständlich und gewollt scheint. Als die künstlerische Freiheit im Wahren, wenn man es positiv sagt. Diesem Barnert nämlich – es ist anzunehmen, und jedenfalls käme es dramaturgisch hin: geboren 1932 wie Gerhard Richter auch – ist von Kindsbeinen an die Last der Tragödien und Schöpferkräfte der Kunst im 20. Jahrhundert aufgeladen. Und die Pflicht, nach der Weltformel der Wahrheit zu suchen, die das Genie scheint es in sich trägt.

Der Ernst der neoromantischen Genialität ist ihm ins Gesicht gegraben und seiner widerborstigen Schlaksigkeit eingeschrieben; über drei Stunden lang ist das zu beobachten. Zuerst auf Kurts Weg aus der Nazizeit hinaus in das dogmatische Kunstwesen der jungen DDR, in die Verbindlichkeit eines realsozialistischen Realismus. Und von da, weil der Widerwille rumort, in die Kunstfreiheit des Westens in den 60er-Jahren, wo dann aber zuerst die Verzweiflung überwunden werden muss, nicht zu wissen, wofür man frei sein will.

Warum so plakativ?

Das wär schon ein analytisch beobachtendes Kunstgeschichtsdrama wert, vielleicht sogar in dieser Länge. Und Florian Henckel von Donnersmarck muss man ja zugestehen: Es wühlt in ihm eine Sehnsucht, mit Kino die Welt besser zu machen. Aber so? In dieser plakativen, kunst- und stilwilligen Gepflegtheit? Mit so viel moralischem Zitat und modellhafter künstlerischer Qual? Gar mit einem intellektuell brabbligen Wiedergänger von Joseph Beuys, der mit Fett und Filz spielt (fast möchte man sagen: wie es sich legendenpflegerisch gehört)? Und da sind wir erst beim harmloseren ästhetischen Problem dieses Films.

Jedes genialitätssüchtige Ausstattungsdetail schreit da etwas von kathartischen Fähigkeiten. Von Reinigung durch Schauder und Schrecken. Und sie schreien sehr gekonnt, diese Details, es ist gewissermassen ein Konzert des Schreiens. Was einen zum zweiten Problem bringt: der irritierenden Erscheinungsweise eines deutschen Geschichtsbewusstseins. Denn natürlich verbindet sich in «Werk ohne Autor» deutsche Kunstgeschichte mit der Geschichte deutscher Schuld, das ist im gegebenen historischen Rahmen unvermeidlich.

In diesem Fall geschieht es durch das Drama jener jungen Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl), die Kurt Barnert in Zeiten der erzwungenen Artgerechtheit von Kunst auf die Schönheit des Unartigen aufmerksam machte. Sie aber wird als diagnostizierte Schizophrene der Euthanasie zugeführt vom SS-Arzt Professor Seeband (Sebastian Koch), dem späteren Schwiegervater des Barnert. Und in diesem Erzählungs- und Erinnerungsgeflecht kommt es nun filmisch zu folgender Widerlichkeit: Es sind parallel montiert die sichtbare Vergasung der Elisabeth, der Tod ihrer zwei Brüder an der zerbrechenden Ostfront, der Luftangriff auf Dresden im Februar 1945, die Einäscherung eines Kinds.

Welttragödienkitsch

Es ist eine recht einseitige Kompilation von deutschem Leid. Aber nicht das und dass man das sieht und so sieht, reizt hauptsächlich das Empfinden für erzählerische Reinheitsgebote. Sondern der Welttragödienkitsch. Die herzenskalt gepützelte Theatralik, mit der das Kunsthandwerk der Melodramatik ausgeübt wird. Hier ist der Punkt, wo die Lust auf Kunst aufhört und der gewiss etwas säuerliche Satz «So etwas tut man nicht» filmkritisches Argument wird, und hier stehe ich und kann nicht anders. Weil Künstler, die natürlich alles dürfen, einfach nicht alles dürfen wollen sollten.

Ab Donnerstag in den Kinos.  (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.10.2018, 18:28 Uhr

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