Ein Mann aus Tirol

Der österreichische Schauspieler Dietmar Schönherr ist 88-jährig auf der Insel Ibiza gestorben. Der Nachruf.

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Er ist alt geworden in Würde. Vergessen war er nicht, nur seine künstlerischen Karrieren waren ausgelaufen und an ihr Ende gekommen, die als Schauspieler sanft, als er so um die achtzig war, die als Fernsehmoderator schneller und abrupter, spätestens als er im Schweizer Fernsehen den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan ein «Arschloch» nannte. Aber er hing ja nicht an seiner Berühmtheit, persönlich konnte sie ihm gestohlen bleiben.

Er war kein Geniesser seines Ruhms, schon lang nicht mehr, er schätzte den Ruhm – bei sich und bei anderen – überhaupt nur, wenn er sich mit Verantwortung verband. Er verlangte von Künstlern, «die sich mit dem Wort ausdrücken und damit manipulieren», wie er einmal sagte, eine öffentliche, demokratische Haltung. Einen tätigen Idealismus gewissermassen, es kam ihm nicht so sehr darauf an, welchen.

Solidarität mit der deutschen Friedensbewegung

Der seine drückte sich seit 1984 aus im Engagement fürs revolutionär durchgeschüttelte Nicaragua, im Aufbau des Kulturzentrums Casa de los Tres Mundos, auch in der Gründung der Stiftung Pan y Arte, weil der Mensch nicht vom Brot allein lebe und die Kunst ihm Flügel verleihe. Er hatte sich bereits in den Siebzigerjahren ausgedrückt in der aktiven Solidarität mit der deutschen Friedensbewegung und als Schönherr 1983 auf der Mutlanger Heide mit einer Gasmaske vor dem Gesicht ein «Vater unser» gegen die Stationierung von Pershing-II-Raketen sprach.

Und dafür – für die Frechheit und Kühnheit und für den Anstand, mit dem er seine Bekanntheit nutzte im Glauben an die Verbesserungsfähigkeit der Welt – wird Dietmar Schönherr, der Schauspieler, Showmaster und Deutschlands erster Fernsehtalker, der Autor von Romanen und Kinderbüchern und, so nebenbei, der Übersetzer einiger Werke von Jean-Paul Sartre, gewiss in Erinnerung bleiben. Für vieles andere auch, man könnte jetzt, da er gerade gestoben ist, gar nicht sagen, wofür zuerst. Vielleicht doch für seinen Commander Cliff Allister McLane in der siebenteiligen Fernsehserie «Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffs Orion». Sie wissen schon: «Rücksturz zur Erde» und «Overkill» und die spasmenartigen Tänze im Starlight-Casino, 1966 war das.

Kürzlich erst lief ein Zusammenschnitt im deutschen Fernsehen («Raumpatrouille Orion – Rücksturz ins Kino»), und alles war gleich wieder da, umweht vom Zauber einer gewesenen Jugend und einer Fantasie, die sich die Zukunftstechnik als eine Kombination von Duschköpfen und Bügeleisen vorstellte; und mittendrin Dietmar Schönherr als Major McLane mit seiner energischen, unmilitärischen Lässigkeit, die sich so angenehm abhob vom preussischen Bellen anderer Protagonisten, das immer ein wenig tönte, als hätte Deutschland den Weltkrieg doch gewonnen.

Die sehr schöne und sehr gescheite Vivi Bach

Aber gleich mischen sich in diese Erinnerung andere: an den sehr eleganten Sprung, den er korrekt bekleidet mit Anzug und Krawatte in seiner Fernsehsendung «Wünsch Dir was» (1969–1972) in ein Delfin-Becken tat; ans Geschrei der Prüderie, das er provozierte, weil ers nicht verhinderte, dass bei ihm die siebzehnjährige Leonie Stöhr in einer durchsichtigen Bluse über den Laufsteg ging; an die souverän gemeisterte Aufregung, als ihm eine Kandidatin fast ertrank während eines pädagogisch geplanten Unfallrettungsspiels.

Er hat die Welt auch im Fernsehen verbessern wollen und sich deshalb immer mehr getraut als andere; und zur Seite stand ihm, er war ohne sie seinerzeit nicht zu denken, die sehr schöne, sehr blonde und sehr gescheite Vivi Bach, Schönherrs grosse Liebe seit 1963, die ihm vor gut einem Jahr vorausgestorben ist – auch das, würde er bestimmt sagen, gehöre in seinen Nachruf. Er war ein Tiroler, nicht zu vergessen, und hatte nichts dagegen, wenn man seinen harten Schädel darauf zurückführte (ein biografischer Dokumentarfilm aus dem Jahr 1992, «Der Mann aus Tirol», zeigte das ganz prächtig). Sein Tirolertum war allerdings nicht ungebrochen. Geboren wurde er 1926 in Innsbruck als Enkel eines k. u. k. Generalmajors und Edlen von Schönleiten und als Sohn eines späteren Generalleutnants der deutschen Wehrmacht, und daran hatte er zu beissen.

Er schämte sich für sich selbst

Auch an seinem guten Gedächtnis, das nicht verdrängte, wie Tiroler, die am 10. März 1939 noch unabhängigkeitswillig «Heil Österreich» gerufen hatten, am 12. März schon mit den Nazis «Wenn das Judenblut vom Messer spritzt» sangen. Er hatte nicht mitgesungen, aber er schämte sich da doch für sich selbst.

Denn später, als Achtzehnjähriger, war auch er in beträchtliche Kriegsbegeisterung geraten (gegen den Willen des Vaters übrigens), und bei seinem Debüt als Filmschauspieler 1944 hatte es ihn in «Junge Adler» von Alfred Weidenmann verschlagen, eine rechte Nazi-Schwarte. Das war kein Ruhmesblatt, aber dass ers nicht vergass, wurde Teil eines Geschichtsbewusstseins ohne Tadel. Als Schauspieler (auch in Schweizer Filmen von «Kohlhiesels Töchter» bis «Reise der Hoffnung») mag Dietmar Schönherr eher charaktervoll energisch als wandelbar gewesen sein. Auf dem Theater (immerhin: ein, wie es heisst, respektabler Lear am Zürcher Schauspielhaus) gehörte er nicht zu den Allergrössten. Aber einen, der wie er immer an die verbesserungsbedürftige Wirklichkeit dachte, wenn er Kunst machte, verliert die Bühnenwelt, die Welt des Kinos und überhaupt die Welt nicht gern. Am 18. Juli ist Dietmar Schönherr auf Ibiza, seiner Wahlheimat, gestorben.

Erstellt: 18.07.2014, 16:48 Uhr

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Der Dokfilm über Schönherr: «Der Mann aus Tirol».

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Wegweisende Science-Fiction aus dem deutschen Fernsehen: Folge 5 von «Raumpatrouille Orion».

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