Ein Pädagoge, der seine Kinder schlägt

Yvan Sorel, ein Boxer aus dem Marseiller Ghetto, bringt den Jungen dort das Kämpfen bei. Quartierbesuch bei einem sanften Schläger, über den ein packender Dokfilm ins Kino kommt.

Ich mache euch fertig, sagt Sorel (rechts) zu seinen Schülern, weil ich euch liebe. Foto: PD

Ich mache euch fertig, sagt Sorel (rechts) zu seinen Schülern, weil ich euch liebe. Foto: PD

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Er überlebte auf der Strasse und schlägt sich im Ring. Sein Beruf ist das Dreinschlagen, seine Berufung die Erziehung. Yvan Sorel ist Kämpfer und Trainer. Er wuchs in einem der gefährlichsten Ghettos von Frankreich heran, es liegt im Norden von Marseille, wird von Drogenbanden kontrolliert und mit Maschinengewehren reguliert. Sorel führt seine Leute als Bandenchef ohne Waffe – ein Mann mit einem Bubengesicht, ein strenger Lehrer, der seine Schülerinnen und Schüler antreibt und von ihnen verehrt wird. Sie nennen ihn Yvan den Schrecklichen. Yvan nennt sie «meine Krieger». Er unterrichtet Kinder und ­Jugendliche, von denen viele schon im Gefängnis waren. Ich mache euch fertig, sagt er, weil ich euch liebe. Seinen Erziehungsstil beschreibt er als diktatorische Pädagogik. Er flucht laut, er glaubt an Gott. Vor zwei Wochen ist er Vater geworden. Ich lebe für meine Frau und meinen Sohn, schreibt er auf Facebook.

Er redet, wie er schlägt

Marseille, die Stadt liegt da wie ein schlafender Hund. Schiffe kriechen auf den Hafen zu, der Verkehr lärmt von Ferne, schwere, süssliche Gerüche steigen von den Strassen auf, Meer und Benzin. Die Sonne drückt auf die Häuser.

Yvan Sorel hat einen am alten Hafen abgeholt. Mit einem Ford Transit ging es den Hügel hoch, zur Notre-Dame de la Garde, der Kirche mit der Muttergottes auf dem Turm. Sie ist die Schutzpatronin der Stadt und wird von den Bewohnern als Heiligtum verehrt; das andere ist das Stadion von Olympique Marseille.

Der Boxer aus dem Ghetto steht auf dem Parkplatz vor der Kirche und redet auf seine Stadt hinunter, zeigt, teilt auf, erklärt. Hier leben die Reichen, sagt er, ganz hinten leben wir, das ist unser Territorium. Tu vois? Tu comprends?

Yvan Sorel, ein Mittelgewicht, betreibt Mixed Martial Arts, eine bastardisierte Kampfsportart aus Boxen, Ringen, Judo, Kickboxen, Karate. Nicolas Wadimoff, der Schweizer Dokumentarfilmer, hat ein Porträt über ihn gedreht. Es handelt von Gewalt und Gemeinschaft im Ghetto.

Yvan der Schreckliche hat über 80 Kämpfe ausgetragen. Und mehr gewonnen als verloren, sagt er, das habe auch Muhammad Ali geantwortet. Sorel spricht so, wie er schlägt: In harten Stössen schiessen die Sätze aus ihm heraus. Jedes Wort ein Hieb. Vom singenden ­Provenzalisch bleibt nichts, es dominiert das Stakkato der Konsonanten. Yvan, Sohn eines Polen und einer Algerierin, spricht ein Französisch, das wie Arabisch klingt. legvmentniknotn, sagt er und meint: Le gouvernement nique nos thunes. Die Regierung stiehlt unser Geld.

So redet er sich in Rage über seine Stadt, die Leute wie ihn abdrängt. Marseille wurde vor zwei Jahren zur europäischen Kulturstadt fanfarisiert. Davon haben die im Norden nichts abbekommen. Doch je länger der Kämpfer ­redet, desto offensichtlicher wird, wie er seine Stadt liebt, obwohl sein Quartier ignoriert wird, von den Politikern, den Behörden, den Stadtplanern sowieso. Auch fällt auf, wie genau er seine Worte wählt, wie reich sein Vokabular ist. Ich war schlecht in der Schule, erklärt er, meine Frau zwang mich zum Lesen und Lernen. Yvan lernte, wie er boxt: Er trainierte.

Wo das Leben konkret wird

Vom Hügel her hat er das Ganze gezeigt, jetzt geht es in die Häuser, wo das Leben konkret wird. Von der Kirche ins Ghetto, von der Altstadt in die Banlieue. Die Autobahn duckt sich unter einen langen Tunnel. Als der Lieferwagen ins Helle stösst und dann die Ausfahrt nimmt, glaubt man sich in einer anderen Stadt. Wohnhäuser stehen wie hingeworfene Legosteine, Fenster sind zugebrettert oder zerschlagen, die Strassen sind voller Schlaglöcher. Alles scheint zur Zeitlupe verlangsamt. Es hat wenig Leute auf der Strasse und keine Frauen. Die Männer stehen am Strassenrand, die meisten tragen einen Fes. Dunkelhäutige Buben huschen vorbei, es gibt kaum Läden oder Beizen oder Bäume. Yvan grüsst nach allen Seiten, von überall her rufen sie zurück. Zuerst will er zum Coiffeur, dann geht es in eine Beiz ohne Tresen, Shisha rauchen mit Kollegen, Wasserpfeife. Die Männer sitzen im Halbdunkel, stossen den weissen Rauch aus. An der Wand zuckt es vom Bildschirm. Boxen, Fussball.

Wo man hinkommt, in jeder Bar im Quartier, auf der Strasse, dann wieder in einer Bar mit bebender Musik bis nachts um zwei: Männer, die sonst schlagen, umarmen einander. Der Fremde wird mit Handschlag begrüsst. Wer mit dem Team Sorel unterwegs ist, geht offenbar in Ordnung. Sie werden dich für einen Journalisten oder einen Polizisten halten, hat Yvan gewarnt. Am meisten hassen sie hier die Politiker, dann kommen die Presseleute. Diese Fernsehreporter, die nach bärtigen Vergewaltigern fragen, nach Korankriminellen zum Abfilmen. Das kommt dann als Fait divers im Fernsehen. Von Paris aus, wo die grossen ­Stationen senden, wird Marseille als Zone vorgeführt und der Norden als ­unvergitterter Zoo, in dem die Wilden herumlaufen. Frissons pour les bobos, sagen sie hier, wohlige Schauder für die Reichen, die auf die überhitzte Stadt hinunterschauen.

In seinem Territorium

Je länger die Gespräche mit Yvan und seinen Freunden dauern, desto häufiger werden Wörter wie Territorium, Respekt und Ehre aufeinander bezogen. Je weniger Respekt, desto höher die Ehre. Dass sie ein gefährlicher Wert ist, der ­jeden Mord rechtfertigt, «meine Ehre heisst Treue», hiess es bei der Waffen-SS – das beeindruckt Yvan nicht; alles Kontext sagt er. Respekt verlangt er von ­allen, die in seinem Territorium unterwegs sind. Das gilt auch beim Unterrichtet, wo Respekt zunächst Ehrlichkeit bedeutet. Yvan fragt seine Schüler so lange aus, bis er den Antworten glaubt. Warst du wirklich in der Schule? Hat deine Mutter das Zeugnis unterschrieben? Gebt nicht auf, kämpft weiter. Was Yvan dem Team ­Sorel vermitteln will: eine Kampftechnik als Haltung. Er will weitergeben, was er sich selber holen musste. Jederzeit kann im Quartier eine Schlägerei ausbrechen, können Schüsse fallen. Nicht was du an Schlägen austeilst, entscheidet, sagt ein Schüler, sondern deine Bereitschaft dazu; der andere spürt das. Yvan erzählt von der jungen Frau, die zu ihm gekommen sei. Mein Mann schlägt mich, sagte sie ihm, ich will mich verteidigen. Er lehrte sie.

In ein paar Tagen hat er einen Kampf in Berlin. Hasst er seine Gegner? Nur wenn ich zu wenig gut trainiert habe, gibt er zurück. Manny Pacquiao und Floyd Mayweather haben in Las Vegas 200 Millionen Dollar für ihren Kampf verdient. Was bekommt er in Berlin? Nichts, sagt er, es geht bloss darum, mitzumachen, mitzuhalten. Seine Schüler zahlen ihm 15 Euro pro Monat. Wenn sie zahlen.

Kampf gegen den Metzger

Im Sommer flog Yvan Sorel für einen Kampf nach Liverpool. Sein Gegner hiess Lee Chadwick, den sie in England The Butcher nennen, den Metzger. Chadwick sieht aus wie ein Hooligan, ­alles an ihm wirkt hart. Auf dem Weg zum Olympia-Theater, wo der Kampf ­abgehalten wurde, hörte Yvan Musik auf seinem iPod, beriet sich mit seinem Trainer, bereitete sich mental vor. Dann ­bestiegen die Kämpfer den Ring, gingen aufeinander los. Drei Minuten später lag Yvan am Boden. Er hatte nach einem Würgegriff aufgegeben, der «Guillotine Choke» heisst und auch so aussieht. Was für einen Schlag der hatte, sagte er nachher, was für ein Monster. Heute bin ich voller Wut, morgen heule ich wie ein Kind.

Nach Liverpool kam auch Nicolas ­Wadimoff, der Genfer Regisseur. Yvans Kampf gegen den Metzger von Liverpool war die erste Szene, die er für seinen Film drehte. Wadimoff hat in Unruheländern wie Libyen, Mexiko, Ruanda und Algerien gefilmt. Was ihn an seinem ersten Drehtag am meisten beeindruckt hat: Wie furchtlos Yvan in den Ring stieg. Hast du keine Angst?, fragte er ihn. Das sind nur Schläge, gab Yvan zurück, die Wunden verheilen. Angst habe ich vor einem Verlust, um meine Familie. Yvan vermittle den Jungen im Ghetto den Schutz, sagt Wadimoff, den er selber nie bekommen hat.

Ins Spital zu Frau und Kind

Am frühen Abend hält der Ford vor dem Hôpital du Nord, wo Yvan Frau und Sohn besucht. Das Spital ist still und leer, der Putz blättert im Treppenhaus. Audrey liegt in dem Spital, in dem sie als leitende Chirurgieschwester arbeitet. Hier werden die jungen Männer aus dem Quartier eingeliefert, die Opfer einer Ghettokarriere. Mit 13 Jahren arbeiten sie als Aufpasser, steigen zum Strassendealer auf, dann zum Drogenverteiler in den Häusern. Die meisten verdienen, viele sterben. Wenige werden alt.

Eyden, der Neugeborene, liegt im ­Inkubator. Es gab Komplikationen bei der Geburt. Die Ärzte reden von möglichen Spätfolgen. Audrey gibt sich Mühe, ihre Sorge nicht zu zeigen. Yvan sagt, er glaube nicht an die Wahrscheinlichkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach müsste er süchtig sein oder tot. Was ist seine Droge? Endorphin, sagt er.

Yvan und Audrey gehen zum Inkubationsraum. Was immer ihrem Sohn passiert, ihm kann nichts passieren. Er ­gehört ja zum Team Sorel.

Erstellt: 07.05.2015, 16:43 Uhr

Trailer zu «Spartiates» von Nicolas Wadimoff (französisch mit deutschen Untertiteln). (Youtube)

Kurzportrait von Yvan Sorel (im französischen Original). (Youtube)

Der Kampf von Yvan Sorel gegen Lee Chadwick, Olympia Liverpool. (Youtube)

Videoclip von Puissance Nord, einer HipHop-Gruppe aus dem Marseiller Ghetto. (Youtube)

Nicolas Wadimoff, Dokfilmer

«Spartiates» hat den Hauptpreis an den Solothurner Film­tagen gewonnen. Der Film passt zu Nicolas Wadimoff; der Genfer setzt sich immer wieder mit Gewalt auseinander. In Spielfilmen wie «Operation Libertad» über eine linke Guerilla-Aktion. Oder in seinen Dokumentarfilmen aus Unruheländern. «Ich wurde in der Tradition von Rousseau erzogen, wonach der Mensch von sich aus gut ist», sagt der 50-Jährige. «Deshalb interessiert mich, was die Gewalt mit Menschen macht.» (jmb)

Nicolas Wadimoff: «Spartiates», 83 Minuten. Vorpremiere in Anwesenheit des Regisseurs am Dienstag um 20.45 Uhr

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