Hintergrund

Ein Pate namens Bertolucci

Die Jury am Filmfestival von Venedig überraschte alle mit der Wahl der diesjährigen Preisträger. Auch die Schweiz kommt gut weg.

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Es hat immer etwas Würdevolles und Rührendes, alte Damen auszuzeichnen, und vielleicht war es ja das Schicksal der Judi Dench als «Philomena» von Stephen Frears, dass sie mit 78 Jahren heuer einfach zu jung war für den Preis als beste Hauptdarstellerin. Der ging nämlich an die 82-jährige Elena Cotta, die sich im stark von der Schweiz koproduzierten Wettbewerbsbeitrag «Via Castellana Bandiera» als sture alte Autofahrerin und unberechenbare sizilianische Matriarchin hervorgetan hatte. Sie war gut darin, konnte sich aber nicht im Ernst an Judi Dench messen.

Dass «Philomena» den Preis für das beste Drehbuch (Steve Coogan und Jeff Pope) gewann, ist immerhin ein Trost. Auch der Löwe der Herzen, der «Queer Lion» nämlich, der schwul-lesbisch-transsexuelle Löwe also, ging an «Philomena», aber mit dem hat die grosse Jury unter Bernardo Bertolucci natürlich nichts zu tun.

Schauerparabel auf die Wirtschaftskrise

Korrekt ist dagegen, dass der Grieche Themis Panou als bester Hauptdarsteller gewürdigt wurde, er spielt in «Miss Violence», der Schauerparabel auf die Wirtschaftskrise in seinem Land, einen ekelhaft monströsen Vater, der die Frauen in seiner Familie zur Prostitution zwingt. Auch der Silberne Löwe für die beste Regie ging an «Miss Violence» beziehungsweise an Alexandros Avranas, und auch das ist in Ordnung, sein Film war innerhalb des Wettbewerbs gewiss der politisch brisanteste, und auch wenn Drehbuch und Dramaturgie grobe Schwächen haben, der Look des Films und die Schauspielführung haben keine.

Der 16-jährige Tye Sheridan wurde für seine Rolle als geschlagenes, aber souveränes Kind in David Gordon Greens Outcast-Drama «Joe» bester Nachwuchsdarsteller, und «Die Frau des Polizisten» von Philip Gröning (auch da steckt Schweizer Geld drin) erhielt den Spezialpreis der Jury.

Die guten Filme laufen in Toronto

Der Grosse Preis der Jury ging in diesem sich doch eher dem unteren Rand der Mittelmässigkeit zuneigenden Wettbewerb an den taiwanesischen Beitrag «Jiaoyou» («Stray Dogs») von Tsai Ming-liang, ein Familiendrama am Rand der Überflussgesellschaft.

Der Goldene Löwe schliesslich, der wurde unter dem Paten Bertolucci zur Überraschung restlos aller an den italienischen Dokumentarfilm «Sacro GRA» (von Gianfranco Rosi) über einen Autobahnring bei Rom verliehen, einen der «am wenigsten gesehenen Beiträge des Wettbewerbs», wie der britische Filmkritiker Guy Lodge verzweifelt schrieb. Die richtig guten Filme, darin sind sich leider alle einig, die liefen dieses Jahr nicht in Venedig, die laufen jetzt gerade am Filmfestival von Toronto. Weil das ganz einfach näher am amerikanischen Markt ist. Das ist die frustrierende Realität.

Erstellt: 08.09.2013, 15:42 Uhr

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