Ein Piketty to go

«Das Kapital im 21. Jahrhundert» ist als Film ein Rausch der Bilder – und trotzdem nahe an der nüchternen Sachbuch-Vorlage.

Landete mit seinem Wirtschafts-Wälzer einen Welt-Bestseller: Thomas Piketty. (4.7. 2014)

Landete mit seinem Wirtschafts-Wälzer einen Welt-Bestseller: Thomas Piketty. (4.7. 2014) Bild: Keystone

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Der amerikanische Philosoph Matthew Stewart hat für das Magazin Atlantic vor einem Jahr eine Titelgeschichte geschrieben über die «Geburt einer neuen Aristokratie». Es geht darin nicht um das viel zitierte eine Prozent der Menschen, denen angeblich 70 Prozent von allem gehört, sondern um zehn Prozent der amerikanischen Gesellschaft, zu denen er sich selber zählt: die Leute mit den schönen Häusern und den guten Schulen. Zu den erschreckenden Thesen von Stewart gehört, dass er behauptet, in den USA gebe es die guten Schulen fast nur noch da, wo auch die schönen Häuser stehen, dass somit die Kinder aus einer schlechteren Gegend eine solche Schule nicht einmal dann besuchen können, wenn sie öffentlich ist und ihre Eltern sie mit ihren Steuergeldern subventionieren.

Stewart beschreibt die Lage, die der französische Ökonom Thomas Piketty zu seinem 2013 veröffentlichten Buch «Das Kapital im 21. Jahrhundert» inspiriert haben – das Thema Ungleichheit ist immer mehr in die täglichen Debatten eingesickert. Piketty hat in seinem Buch die Verteilung von Einkommen und Vermögen seit dem 18. Jahrhundert untersucht, möglichst breit gefächert über die Welt, um nicht nur ein Bild der Regionen zu entwerfen, die gerade aufblühen – oder die auf dem absteigenden Ast sind. Seither wird mehr über die Ungleichheit diskutiert, ob sie notwendig ist oder demokratiezersetzend, ob sich Europa, wenn auch langsamer, in die Richtung der USA entwickelt. Das hat viel damit zu tun, was sich in der Welt ereignet, aber Pikettys Buch, dieser unwahrscheinliche Bestseller, hat auch ein wenig dazu beigetragen.

Die vom Besitz leben

Der neuseeländische Regisseur Justin Pemberton versucht, mit seinem Film «Das Kapital im 21. Jahrhundert» dem historischen Abriss von Piketty zu folgen – er zeigt die Bedingungen, die eine unüberwindbare Ungleichheit schaffen, Klassen, in die man hineingeboren wird. Er sieht eine Rückkehr zu Monopolen, eine Verschiebung des Besitzes nach oben – nachdem der Zweite Weltkrieg die Verteilung etwas eingeebnet hatte. Es gibt da eine Reihe von Missverständnissen: Nationalismus, der wie schon früher die Ursachen der Ungleichheit verschleiern soll, ein Generationenkonflikt, der laut Piketty keiner ist, sondern einer zwischen denen, die von ihrer Arbeit leben, und denen, die von ihrem Besitz leben.

Der Trailer zum Film. (Transmission Films/Youtube)

Justin Pemberton hat daraus eine Art Bilderrausch gemacht, in dem immer wieder Piketty und eine ganze Reihe von Wissenschaftlern auftauchen, die seine Thesen, oder zumindest Teile davon, belegen oder ergänzen – Psychologen, andere Wirtschaftswissenschaftler, gar Francis Fukuyama. Dazwischen ein Strom an Bildschnipseln. Sie gaukeln Geschwindigkeit vor, verbreiten ein wenig Leben zwischen all den sprechenden Intellektuellen, aber bestenfalls bebildern sie Pikettys Thesen – sie haben dem Gesagten nie etwas hinzuzufügen.

Alte Jane-Austen-Verfilmungen, Wall Street, Fabrikschlote, historische Fotos, der Mauerfall. Die Kamera zieht vorbei an Obdachlosen auf der Strasse und glitzernden Symbolen des Reichtums. Ob diese Illustrationen immer passen, darüber kann man mindestens streiten. «Stolz und Vorurteil»? Die Bennet-Schwestern bei Jane Austen werden zwar nicht erben, und das bestimmt ihr Leben, aber alles geht glimpflich aus, weil der Feudalherr Mr. Darcy gütig darüber wacht.

Piketty war Drehbuchautor

Es ging eben nicht um eine filmische Umsetzung, es ging um Thomas Piketty, um eine leichter verdauliche Variante, als es das 800-Seiten-Buch eines Wirtschaftswissenschaftlers ist. Piketty to go, mit dem Gütesiegel des Autors, sozusagen, der selber einer der Drehbuchautoren ist und garantiert, dass sich Pemberton gedanklich nicht allzu weit von der Vorlage entfernt. Die gilt übrigens als einer der am wenigsten gelesenen Bestseller der Welt.

Man muss sich da nichts vormachen: Gerade bei dicken Bestsellern gibt es sehr viele Menschen, die auf eine Fassung unter zwei Stunden hoffen – als Danny Boyle 2015 einen Film nach Walter Isaacsons Biografie «Steve Jobs» machte, hat er viele Zuschauer enttäuscht, die gehofft hatten, sich die Lektüre eines Wälzers zu ersparen; aber Boyle hatte aus der Vorlage ein neues Kunstwerk geschaffen.

Das hat Pemberton mit seinem Dokumentarfilm natürlich nicht getan. Als Vorbereitung für Pikettys neues, noch längeres Buch «Kapital und Ideologie», das demnächst bei uns erscheint, reicht die Filmfassung vielleicht. Wobei die Vereinfachung der Materie natürlich zulasten der statistischen Beweisführung geht – und um die wurde, als «Das Kapital im 21. Jahrhundert» vor sechs Jahren erschien, am meisten gestritten.

Neuerfindung des Kapitalismus

Was hat sich seither verändert? Die Frage der gefährdeten demokratischen Grundordnung ist dringlicher geworden – hier kann Piketty ja eine ganze Reihe von neuen Beispielen zitieren von Ländern, in denen ein nationalistischer oder gar rassistischer Ton eine Debatte der Unzufriedenheit bestimmt, die eigentlich nicht mit Migranten, sondern mit Chancenlosigkeit und Armut zu tun hat. Der Diskurs hat sich in den letzten Jahren an mehreren Stellen verschoben – es mag schon sein, dass es in den USA vor zehn Jahren unvorstellbar gewesen wäre, dass sich ein Präsidentschaftskandidat wie Bernie Sanders als Sozialist bezeichnet, aber rassistische Äusserungen hätte man ihm auch nicht durchgehen lassen.

Am Anfang von Justin Pembertons Film spricht Piketty darüber, dass er Angst hat, wie schnell sich die Welt auf den Stand des 19. Jahrhunderts zurückentwickeln kann – dass die Verteilung von Chancen und Besitz nur noch übers Erben geregelt wird, es keine Krankenversicherung mehr gibt und Bildung zum Privileg für wenige wird. Es geht eben nicht einfach um einen Angriff auf den Kapitalismus, sondern um seine Reformierbarkeit und die Frage, wie notwendig das ist. Seinen Blick auf Piketty macht Pemberton auf jeden Fall sehr deutlich: Er sieht einen Mann, der dem Kapitalismus gar nicht den Garaus machen mag, sondern ihn bloss neu erfinden will.

Erstellt: 20.10.2019, 16:12 Uhr

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