Solothurner Filmtage

Ein guter Mann

Schon jetzt umstritten: Der Eröffnungsfilm «Akte Grüninger» erzählt von einem, der Leben rettete, weil er tat, was er nicht durfte.

Unfeierlich: Stefan Kurt als Paul Grüninger in der «Akte Grüninger». Foto: Daniel Ammann

Unfeierlich: Stefan Kurt als Paul Grüninger in der «Akte Grüninger». Foto: Daniel Ammann

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Jetzt muss man es wieder sagen, dass auch ein historischer Spielfilm nur ein Spielfilm ist. Auch Alain Gsponers «Akte Grüninger», die «wahre» Geschichte des anständigen Mannes und Polizeioffiziers Paul Grüninger (Stefan Kurt) aus St. Gallen, der sein eigenes Gewissen über Schweizer Gesetz und Weisung stellt.

Sie handelt von Bekanntem, Verbürgtem und Akzeptiertem, diese Geschichte, denn das ist unbestritten: Der Hauptmann Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 1939 an der deutsch-schweizerischen Grenze mindestens 2000 jüdische Flüchtlinge durch qualifizierte Urkundenfälschung aus Lebensgefahr, womöglich waren es mehr, und der Retter bezahlte es mit seiner Entlassung aus Amt und Würde.

Aber der Film tut damit, was dem Drama immer zukommt: Er begradigt die Schlangenlinien der Wirklichkeit. Er stellt das Helle der Legitimität gegen das Dunkle der Legalität, und das Helle wird dabei vielleicht etwas heller und das Dunkle etwas düsterer, als es war. Er nimmt in diesem, Grüningers, Fall Partei für den individuellen Anstand und, wenns der Empathie nützt, gegen Details, die die unanständige Kälte der schweizerischen Flüchtlingspolitik in der Nazizeit ethisch relativieren. Seine dramatische Wahrheit ist durchaus moralisch, manchmal ist sie sentimental, und immer ist sie eindeutig.

Im Rahmen der künstlerischen Freiheit

Im Kern und im Rahmen der künstlerischen Verdichtungsfreiheit bleibt das Drehbuch von Bernd Lange («Requiem») aber doch bei der geschichtlichen Wahrheit. Es ist ja wahr und eindeutig, dass die Schweiz im August 1938 ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge de facto schloss. Ferner ist wahr, dass man schon vor dem Zweiten Weltkrieg wissen konnte, was denen mit dem J-Stempel in ihren Pässen blühte, spätestens seit den Novemberprogromen 1938 konnte man es wissen, als die ersten Konzentrationslager sich mit Juden füllten, deutschen und österreichischen, 30'000 mindestens, in den Lagern Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Hunderte starben dort, damals schon; wer nicht starb, wurde zur Ausreise gezwungen; wer nicht ausreisen konnte, war in Gefahr zu sterben, so schrecklich einfach war das dann an der Schweizer Grenze.

Der Polizeikommandant Grüninger jedenfalls wusste es seinerzeit; er soll vordatierte Einreisebewilligungen sogar nach Dachau geschickt haben. Der Chef der eidgenössischen Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund (im Film gespielt von Robert Hunger-Bühler), wusste es auch, sehr wahrscheinlich; er habe sich, hiess es in einem Bericht des Juristen Carl Ludwig zuhanden des Bundesrates (1957), beträchtliche Sorgen gemacht, es werde «in allen zivilisierten Ländern einen fürchterlichen Aufschrei» geben, sollte die Schweiz auch Juden, die es bereits illegal ins Land gebracht hatten, in ein «Reich» zurückschaffen, das sie gar nicht zurückwollte. Sie wurden nicht zurückgeschafft auf seinen Rat hin, und nein, den Judenstempel hat Rothmund nicht erfunden, wie lang behauptet wurde und wie Gsponers Film jetzt wieder suggeriert.

Die «Weltwoche» hat ihm unter anderem deswegen letzte Woche schon heftige Vorwürfe gemacht und ihn ein «Ärgernis» genannt, eine manipulative, tendenziöse Geschichtsklitterung quasi. Ein «zwanghafter Drang» zur schweizerischen Selbstgeisselung wurde festgestellt.Jedoch könnte man auch sagen: Der Stempel, den er nicht erfand, passte dem Rothmund (und dem Bundesrat) ins restriktive Konzept. Und: Eine so gewaltige Rolle spielt die Urheberschaft nicht, historisch gesehen, und übermässig ungerecht verfährt der Film nicht mit einem Mann, der im Juni 1938 beim deutschen Gesandten Köcher in Bern vorsprach und laut deutschem Gesprächsprotokoll «mit grossem Ernst darauf aufmerksam (machte), dass die Schweiz, die diese Juden ebensowenig gebrauchen könne wie Deutschland, gezwungen sei, sich vor der Überflutung mit Juden zu schützen». Darauf wenigstens, was die Basler «National-Zeitung» schon 1954 schrieb, wird man sich doch wohl einigen können: «Es ist kein Geheimnis, dass die Flüchtlingspolitik der Schweiz in jenen Glanzjahren des Dritten Reiches nicht das Rühmlichste ist, das die Schweizer Geschichte aufzuweisen hat.»

Die alte Sünde der Dramatik

So viel Vergangenheitskritik ist angebracht und noch nicht zwanghaft; und item, ein Spielfilm hat da seine filmischen Rechte. Es ist ihm zugunsten der wesentlichen Wahrheit sogar die kleine Manipulation an einer historischen Figur erlaubt. Und erlaubt ist ihm noch mehr. Die Parteilichkeit zum Beispiel. Er darf sich schämen, sozusagen, und sich offensiv und hochdramatisch wünschen, ein Land hätte auf das, was gewusst werden konnte, humaner reagiert. Deshalb darf er sich den Helden suchen, der mitfühlte, und den Feind gestalten, der es nicht tat. Selbst ein massvoller Kitsch der Musterhaftigkeit ist ihm gestattet, er wirkt in «Akte Grüninger» sehr stark aufs moralische Gefühl, und das schadet der Geschichte nicht und nicht dem Film. Es ist eine seiner Stärken.

Eine Schwäche liegt eher in der pädagogischen Form. Es scheint, als habe Alain Gsponer eben doch nicht nur einen Spielfilm machen wollen, sondern auch ein Schullehrmittel. Darin steckt eine gewisse künstlerische Weichlichkeit. Sie setzt, wo es ans Lebendige geht, zu oft auf den erklärenden Dialog, diese alte Sünde der Dramatik, und auf Archivmaterial, das ihn illustriert. (Und als lehrhafte Mischform, leider, wird so ein Film tatsächlich angreifbar, wenn er eine zu hohe Zahl von abgewiesenen Flüchtlingen nennt: 30'000 bis zum Jahr 1945 statt der 5000, von denen neuere Forschungen ausgehen. Es befördert die Verlagerung der moralischen Frage aufs Niveau der Statistik und macht den peinlichen Eindruck, als habe das Leid eine numerische Dramatisierung gebraucht.)

Stefan Kurt allerdings spielt den Paul Grüninger hervorragend: ein trockener Mann, der sein Herz nicht auf der Zunge trägt. Derart unfeierlich, dass er sich anhört, als kämen noch die papierensten Zeilen, die er manchmal zu sprechen hat, immer aus einem echten, verletzten Gefühl für menschlichen Anstand. Hier steht er und kann nicht anders, und im Wesentlichen geht es in «Akte Grüninger» ja doch darum: die Ehrung eines guten Mannes. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.01.2014, 09:13 Uhr

Der Film

Akte Grüninger (CH 2013). 90 Minuten. Regie: Alain Gsponer. Mit Stefan Kurt, Max Simonischek, Anatole Taubman, Robert Hunger-Bühler u.a. Ab 30. Januar in den Schweizer Kinos.

Trailer: «Akte Grüninger»

49. Solothurner Filmtage
Die wichtigsten Premieren

Viktoria – A Tale of Grace and Greed
Eine junge Ungarin verlässt ihre Heimat, um auf dem Strassenstrich in Zürich Geld zu verdienen – und gerät in die Fänge von Zuhältern. Zürcher Milieudrama von Men Lareida («Jo Siffert»). Premiere: Freitag, 24. 1., 14 Uhr, Konzertsaal.


Millions Can Walk
Dokumentarfilm von Christoph Schaub und Kamal Musale über gewaltlosen Widerstand in Indien: Mit einem Marsch durchs Land fordern die Ärmsten der indischen Gesellschaft ihre Grundrechte ein. Premiere: Freitag, 24. 1., 17.30 Uhr, Landhaus.


Sitting Next to Zoe
Das Ende der Jugend: Zwei beste Freundinnen verbringen ihren letzten Sommer zusammen, bevor sie mit der Ausbildung beginnen. Erster Langfilm der Zürcherin Ivana Lalovic. Premiere: Freitag, 24. 1., 17.45 Uhr, Reithalle.


Der Goalie bin ig
Tragikomödie über einen lieben Siech. Nach dem gleichnamigen Roman von Pedro Lenz, unter der Regie von Sabine Boss («Ernstfall in Havanna») und mit Marcus Signer («Mary & Johnny») in der Titelrolle. Premiere: Freitag, 24. 1., 21 Uhr, Reithalle.


Dawn
Palästina 1947: Ein KZ-Überlebender erhält im jüdischen Untergrund den Befehl, eine britische Geisel zu töten. Politisches Kammerspiel von Romed Wyder («Absolut»). Premiere: Freitag, 24. 1., 21 Uhr, Konzertsaal.


Oro verde
Nach einer wahren Begebenheit: Mario und seine Bande wollen von der Polizei beschlagnahmtes Cannabis durch Heu ersetzen. Tessiner Komödie von Mohammed Soudani, mit Carlos Leal und Leonardo Nigro. Premiere: Samstag, 25. 1., 14 Uhr, Konzertsaal.


Shana – The Wolf’s Music
Jugendmärchen über das musikalisch begabte Indianermädchen Shana und einen geheimnisvollen weissen Wolf. Nach dem gleichnamigen Roman von Federica de Cesco, von Nino Jacusso («Escape to Paradise»). Premiere: Samstag, 25. 1., 17 Uhr, Reithalle.


Alfonsina
Geboren im Tessin, führte Alfonsina Storni in Argentinien ein unkonventionelles Leben als Feministin und Skandaldichterin. Dokumentarfilm von Christoph Kühn. Premiere: Sonntag, 26. 1., 14.15 Uhr, Landhaus.


Die innere Zone
Wegen unerklärlicher Vorfälle wird ein Bergtal evakuiert. Drei Ingenieure bleiben in der Gefahrenzone zurück und zeigen bald Anzeichen von Paranoia. Spielfilm von Fosco Dubini («Reise nach Kafiristan»). Premiere: Sonntag, 26. 1., 21 Uhr, Konzertsaal.


Weitere Spielzeiten und Informationen: www.solothurnerfilmtage.ch

Martin «Tino» Schippert (1946–1981) war Gründer der Schweizer Hells Angels. Dokumentarfilm von Adrian Winkler über einen Sohn aus gutbürgerlichem Haus, der zum Anführer der Rocker wurde. Premiere: Sonntag, 26. 1., 20.30 Uhr, Landhaus.
Foto: PD

Joel Basman im Rollstuhl: Als Valentin landet er nach einem Unfall in der Reha – und heckt bald abenteuerliche Pläne aus. Komödie von Stefan Hillebrand und Oliver Paulus. Premiere: Samstag, 25. 1., 21 Uhr, Reithalle.
Foto: PD

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