Ein hinterlassenes Herz

Der Regisseur Franz Schnyder bleibt bekannt für seine Gotthelf-Verfilmungen. Doch eine alte Videokassette in seinem Nachlass führt nun auf eine neue Spur.

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Dieser Mann ist wach. Nicht, weil er zum Kaffee eine Cola trinkt. Sondern weil er beim Gespräch, das sich um den Film «Das kalte Herz» drehen soll, auch gleich eines der T-Shirts angezogen hat, das er eigens dafür hat machen lassen: «Hier ist ein kaltes Herz» steht darauf, ein Pfeil zielt auf die Stelle. Raff Fluri ist studierter Betriebswirt aus Burgdorf, aber sein Herz, egal, ob kalt oder nicht, gehört dem Kino: Er ist Filmvorführer, dreht hin und wieder selber Auftragsfilme, begleitet Stummfilme auf dem Klavier und interessiert sich für alles, was nach Zelluloid riecht. Und dieser Spürsinn hat ihm einen Fund beschert, mit dem niemand gerechnet hat.


Das Video zur Crowdfunding-Kampagne. Quelle: Vimeo

Es war im Jahr 2009, als Fluri im Nachlass des Burgdorfer Filmemachers Franz Schnyder (1910–1993) recherchierte. Das Jubiläum zum 100.?Geburtstag des Regisseurs von Gotthelf-Adaptionen wie «Uli der Knecht» (1954) stand an, und Fluri arbeitete an einer Schnyder-Ausstellung. Da stiess er auf eine Videokassette. Darauf waren scheinbar unzusammenhängende Szenen, die man bisher für ­Probeaufnahmen oder Ausschnitte aus Theaterarbeiten Schnyders gehalten hatte. Ein Bekannter des 1993 verstorbenen Regisseurs machte Fluri darauf aufmerksam, dass Schnyder in jungen Jahren selber auf der Theaterbühne stand – man ­erkannte ihn auch auf den Videofragmenten.

Nicht mal Bekannte wussten es

Schnyder, geboren 1910 in Burgdorf, war – lange bevor er 1941 in der Schweiz seinen Debütfilm «Gilberte de Courgenay» drehte – als Regisseur tätig, im Theater allerdings. Er hatte in Düsseldorf Dramaturgie, in Berlin Regie studiert. Über seine Arbeiten am ­Deutschen Theater in Berlin oder an den Münchner Kammerspielen ist jedoch wenig bekannt. «Das Interesse an Schnyder ist, abgesehen von seinen Gotthelf-Verfilmungen, nicht besonders gross», sagt Fluri. Er vermutet, dass dies auch mit den späten Jahren Schnyders zusammenhängt, der darob verbittert war, dass seine künstlerisch ambitionierteren Projekte entweder beim Publikum durchfielen oder von der Filmförderung abgelehnt wurden.

Und nun tauchte auf der ­Videokassette aus dem Nachlass dieser junge, attraktive Mann auf. Waren die stummen Szenen wirklich Fragmente? Zwischen einzelnen Sequenzen gab es als Zwischen­titel Texte, die Fluri probehalber der Suchmaschine Google fütterte. Resultat: Es musste doch einen Zusammenhang geben. Die Worte stammten aus dem Wilhelm-Hauff-Märchen «Das kalte Herz». Zudem konnte Fluri, der gerade einen Film aus den frühen Dreissigerjahren restauriert hatte, auf der Videokassette dasselbe Agfa-16-Millimeter-Filmmaterial identifizieren, das man zu jener Zeit verwendete – und war daher in der Lage, die Szenen zu datieren. Von einer Hauff-Verfilmung zu Beginn der Dreissigerjahre war jedoch nichts bekannt, und auch bei den Schweizer Filmarchiven – der Cinémathèque Suisse oder dem Berner Lichtspiel – wusste niemand etwas. Sogar Bekannte Schnyders hatten keine Ahnung davon, dass dieser als Filmschauspieler gewirkt hatte. So liess Fluri die Sache ruhen. Vorerst.

Denn «Das kalte Herz» liess ihn nicht kalt. Die Szenen auf der Videokassette hatten ihn, der sich bei Stummfilmen auskennt, mit ihrer künstlerischen Kühnheit überrascht. Das Märchen vom Kohlenmunk-Peter aus dem Schwarzwald, der für Ansehen und Geld sein Herz dem Holländer-Michel verkauft, wird durchaus unkonventionell bebildert. Fluri zeigt auf seinem Laptop ein paar Szenen. Teilweise muten sie volkstümlich an, teilweise äusserst experimentell – vor allem die Traumsequenzen mit den gewollten Unschärfen, den flackernden Schatten und den Zwischentiteln, die wie Botschaften aus einer anderen Welt über die Filmbilder huschen.

Nur eine einzige Vorführung

Drei Jahre nachdem Fluri die Videokassette entdeckt hatte, googelte er, aus einer Laune heraus, wieder einmal nach «Das kalte Herz» und «Schnyder». Und stiess auf ein Foto, bei dem stand: «Karl Ulrich Schnabel, filming ‹Das kalte Herz›, with F. Schnyder in background, 1932». Treffer! Damit war nicht nur der Regisseur gefunden – der Berliner Pianist Karl Ulrich Schnabel, der sich offensichtlich fürs Filmemachen interessierte und später in die USA auswanderte –, sondern auch die Spur zu den originalen Filmrollen. Wie Fluri aufdeckte, lagern diese heute in Schnabels Nachlass in der Berliner Akademie der Künste. Dort stiess er auf weitere wichtige Dokumente, die nach und nach die Zusammenhänge dieser Filmproduktion enthüllten: offensichtlich ein Herzens­projekt, entstanden unabhängig von einem Studio, aber durchaus mit professionellem Anspruch.

Im Nachlass fand sich auch ein Briefwechsel zwischen Schnabels Eltern, der nahelegt, dass «Das kalte Herz» nur ein einziges Mal vorgeführt wurde – im Mai 1933. Vermutlich in einer Fassung, die aus Zensurgründen stark gekürzt worden war. Als der Halbjude Schnabel 1934 aus Berlin emigrierte, wurde diese Kurzfassung bei einem befreundeten Pianisten versteckt. Teile davon scheinen später auf Video kopiert und auf der Kassette gelandet zu sein, die Fluri in Schnyders Nachlass fand.

Neben dieser Kurzfassung gibt es aber noch ein zweites, umfangreicheres Konvolut von ungeschnittenem Filmmaterial; dieses hat Schnabel bei seiner Emigration mitgenommen. Nach seinem Tod 2001 ist es in seinen Nachlass gewandert, wo es Fluri aufspürte. Es brauchte mehrere Reisen nach Berlin, viel Hartnäckigkeit und Glück, bis Fluri die verschiedenen Versionen von «Das kalte Herz» beisammenhatte. Aber: «Das Detektivische fasziniert mich.»

Die Filmrollen hat Fluri in der Schweiz digitalisieren lassen. Nun möchte er aus den verschiedenen Fassungen eine erstellen, die dem, was Schnabel und sein Team im Sinn hatten, am nächsten kommt. Es gibt nämlich ein Drehbuch, das Schnabel erst nach den Dreharbeiten erstellt hat und an das sich Fluri halten kann. Mittels einer Crowdfunding-Kampagne – der Grund für Fluris T-Shirt – wird nun dafür Geld gesammelt. Und für die Komposition der Musikbegleitung. Eine Partitur ist nämlich nicht überliefert. «Schnabels Tochter vermutet, dass ihr Vater die Musik im Kopf hatte, aber nicht aufgeschrieben hat», sagt Fluri.

Mit der Kamera auf dem Velo

Überliefert ist dafür eine Liste der Dreh­orte (darunter nicht nur Berlin-Dahlem, sondern auch der Schwarzwald und, für eine halsbrecherische Kletterszene, die Dolomiten) sowie eine Besetzungsliste, die zeigt, dass Schnabel Bekannte, Familie, Freunde und gar den Ortspfarrer als Akteure rekrutiert hatte. Dass hinter diesem Film mehr künstlerische Waghalsigkeit als kommerzielle Absichten steckten, zeigt auch ein Foto der Dreharbeiten: Regisseur Schnabel balanciert mit der Kamera auf einem Velo, um Franz Schnyder von schräg oben zu ­filmen. Das Gefährt wird von zwei Assistentinnen festgehalten, damit es nicht kippt. «Wie schon zu jener Zeit junge Filmemacher ihr Ding durchzogen, ohne viel Geld, aber mit viel Herzblut, finde ich schon sehr erstaunlich. Eigentlich nicht viel anders als heute», sagt Fluri.

Und mittendrin in diesem doch ziemlich wilden Unternehmen: Franz Schnyder, ein Monument des klassischen Schweizer Films, verstaubt und zuweilen belächelt. «Ich denke, mein Fund könnte dazu beitragen, Schnyder ganz neu zu entdecken.»

Erstellt: 25.07.2015, 04:38 Uhr

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