Ein journalistischer Coup

An der Berlinale ist der Dokfilm «Khodorkovsky» uraufgeführt worden - ein erschreckendes Bild der politischen Wirklichkeit im Russland unter Putin.

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Wenige Tage vor der Berlinale-Uraufführung der Dokumentation «Khodorkovsky» wurde in die Arbeitsräume des Regisseurs Cyril Tuschi eingebrochen und die Computer samt Endfassung des Films gestohlen. Vor allem in russischen Medien wurden sofort der Geheimdienst FSB und Regierungschef Wladimir Putin als mögliche Drahtzieher ausgemacht. Ein Dokumentarfilm, der die politischen Machenschaften hinter der zweifachen Verurteilung des russischen Ex-Öl-Oligarchen Michail Chodorkowski thematisiert, müsse folgerichtig eine Bedrohung für die Mächtigen im Kreml darstellen, hiess es. Ob der Diebstahl nur Zufall, ein Einschüchterungsversuch höherer Stellen oder eine geniale PR-Aktion war, bleibt allerdings weiterhin offen.

Bei der Premiere am Montag wollte sich der deutsche Filmemacher Tuschi («SommerHundeSöhne») den Verschwörungstheorien allerdings nicht anschliessen. Noch glaube er daran, dass einfach irgendwelche Diebe Interesse an seinen Geräten gehabt hätten. «Mich hat allerdings erschreckt, dass so viele Menschen in Russland eine Mitwirkung des Geheimdienstes für naheliegend gehalten haben und sie offensichtlich so wenig Vertrauen in die Mächtigen haben», sagte er.

Fakten- und facettenreiches Porträt

Die Frage, ob Tuschis Dokumentation die politischen und wirtschaftlichen Kreise in Russland tatsächlich nervös machen muss, lässt sich nur schwer eindeutig beantworten. Tuschi versucht in seinem fakten- und facettenreichen Porträt, Chodorkowskis Aufstieg zum zeitweilig reichsten Mann Russlands nachzuzeichnen. Als mit dem Ende der Planwirtschaft in den 90er-Jahren wesentliche Teile der russischen Staatsbetriebe privatisiert wurden, gelang es dem einstigen Komsomol-Aktivisten Chodorkowski, mit dem Ölkonzern Yukos ein Milliardenvermögen anzuhäufen.

Zum Verhängnis wurde ihm jedoch, dass er die Opposition zu unterstützen begann und damit den ehemaligen russischen Präsidenten Putin gegen sich aufbrachte. Es sei politisch naiv gewesen, zu glauben, man könne die Korruption der Putin-Regierung anprangern, ohne dass dies Folgen haben werde, sagt Igor Yurgens, Wirtschaftsberater von Staatspräsident Dmitri Medwedew, in die Kamera. Chodorkowski wurde 2003 verhaftet und inzwischen zweifach wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen verurteilt.

Interview mit Chodorkowski ist Höhepunkt des Films

«Ich hatte sicherlich eine naive Vorstellung von Gerechtigkeit», sagt Chodorkowski in einem zehnminütigen Gespräch, das Tuschi am Rande der Gerichtsverhandlung mit ihm führen konnte. Das Interview ist ein journalistischer Coup und der Höhepunkt des Films. Der Angeklagte zeigt sich dabei überraschend entspannt und heiter. Die immer wieder gestellte Frage, warum er sich 2003, als die Verhaftung bereits drohte, nicht mit seinem Milliardenvermögen ins Ausland abgesetzt habe, vermögen allerdings weder Chodorkowski noch der Film zu beantworten.

Inwieweit Chodorkowski sich durch unsaubere Geschäftspraktiken tatsächlich schuldig gemacht hat und ob seine Wandlung zum kulturellen Wohltäter, Verfechter der Demokratie und Kämpfer gegen Korruption glaubwürdig ist, lässt Filmemacher Tuschi bewusst offen.

Doku liefert keine neuen Fakten

Wirklich neue Fakten liefert er in seinem Film nicht, aber er entwickelt ein irritierendes, bisweilen erschreckendes Bild der politischen Wirklichkeit im Russland unter Putin. Überraschend ist vor allem, wie viele hochrangige Politiker sowie Geschäftspartner und Familienangehörige aus dem engsten Umkreis Chodorkowskis Tuschi für Interviews gewinnen konnte. Viele von ihnen musste er im freiwilligen Exil in Tel Aviv, New York oder London aufsuchen.

Ebenso bemerkenswert ist das Interview mit Ex-Aussenminister Joschka Fischer, der von einem gemeinsamen Treffen mit Putin und dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder berichtet. Putin habe gut gelaunt von der bevorstehenden Zwangsversteigerung von Chodorkowskis Konzern erzählt, und wie man sich trickreich das Unternehmen einverleiben werde. Tatsächlich gingen wesentliche Teile von Yukos über Umwege in das Staatsunternehmen Rosneft über, das bald darauf mit Gasprom fusionierte. Schröder, der seit 2005 in Diensten des russischen Staatskonzerns Gasprom steht, stand Tuschi für ein Interview nicht zur Verfügung. (phz/dapd)

Erstellt: 15.02.2011, 16:27 Uhr

Putins Erzfeind: Michail Chodorkowski.

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