«Ein schönes Bild – Ueli Maurer, wie er im Bett mein Buch liest»

Güzin Kar schrieb das Drehbuch zu «Achtung, fertig, WK!». Im Interview spricht sie über ihre Begegnung mit der Armee – und wo sie als Autorin versagt hat.

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Frau Kar, «Lieber trete ich auf eine Mine, als in der Küche zu versauern», sagt eine der Frauen im Film. Gibt es in Ihren Augen nur diese zwei Möglichkeiten, den Kampf oder die Selbstaufgabe?
Die Frage ist doch die: Wann können wir Frauen die Waffen wieder zurückfahren und aufhören zu kämpfen? Wann können wir anfangen zu geniessen? Aber die Herausforderung war ja auch, dass es im Film um die Ansprüche an den Mann geht, nicht um die Ansprüche an die Frau.

Die männliche Hauptfigur unterrichtet Yoga.
Schwangerschaftsyoga. Aber er ist kein Weichling oder Frauenversteher, sondern ein cooler Typ.

Dafür lassen Sie die Frauen im Film Türen und Nasen einschlagen.
Mir ging es um eine Analogie auf die moderne Frau: Es bleibt uns ja gar nichts anderes übrig, als zu kämpfen. Das zeigt sich jüngst am Beispiel der Diskussion um «Die Schweizer» auf SRF. Diese Diskussionen nerven zwar alle, mich nerven sie auch. Trotzdem ist es wichtig, dass wir sie führen.

«Achtung, fertig., Charlie!» war ein Blockbuster: extrem erfolgreich, aber von den Kritikern belächelt. Wie kamen Sie dazu, die Fortsetzung zu schreiben?
Ich wurde angefragt. Am Anfang war ich tatsächlich nicht begeistert. Dann hat mich genau das vermeintlich Negative am meisten interessiert: dass alle sagen, das könne sowieso nur ein Imageverlust sein.

Womit hängt das zusammen?
Es gehört sich hier nicht, Filme zu machen, die willentlich unterhalten. Die dazu stehen, dass sie ein Publikum erreichen möchten. Das ist sehr unschweizerisch, obwohl der Film ja sehr schweizerisch ist. Produzentenfilme haben hier einen schlechten Ruf. Ich hatte Lust auf ein Projekt, das in der Branche von Anfang an als moralisches Verlustgeschäft bezeichnet wird.

Ist es das nicht?
Es ist doch auch eine Autorenehre. Wenn jemand 30 Jahre lang nur kleine Arthouse-Filme macht, die sich niemand anschaut, kann er noch so von sich behaupten, er sei der grösste Autor aller Zeiten, es merke nur niemand. Ich finde es spannend, wenn es heisst «So, jetzt hast du zwei Jahre Zeit für dieses Drehbuch», wenn ein gewisser Druck da ist. Mich dem zu stellen und zu merken, ob ich das überhaupt noch kann, das reizt mich.

Und, können Sie es noch?
Der Film ist sehr lustig geworden. Marco Rima spielt wunderbar vielseitig. Die letzte Drehbuchfassung, also die Regiefassung, entstand ohne mich. Ich finde, da merkt man, dass am Schluss keine Frau mehr dabei war. Obwohl ich mich in meiner Arbeit nicht als Frau tituliere: Gewisse Dinge sehe ich trotzdem anders.

Zum Beispiel?
Der Film bietet wenige erotische Momente für ein weibliches Publikum. Frauen suchen nicht die Darstellung von Sex, sondern des Begehrens. Da sehe ich mich ein Stück weit als Autorin gescheitert, weil es mir nicht gelungen ist, dies durchzusetzen.

Dafür ist «Achtung, fertig, WK!» vielleicht auch das falsche Gefäss.
Gerade in Komödien kann man Erotik und Witz mischen, was sonst nirgends geht. Eine der lustigsten und sexiesten Filmszenen aller Zeiten ist für mich diejenige in «The Big Lebowski», in der John Turturro eine Bowlingkugel ableckt. Die spricht Männer und Frauen an.

Sie deuteten an, die Produktionsbedingungen des Films seien sehr schwierig gewesen. Warum?
Weil unsere Mittel sehr klein waren. Die Armee hat uns nicht unterstützt; nicht in finanzieller, sondern in materieller Hinsicht: Wir hätten Panzer, Locations und Material benutzen wollen. Wir mussten einen Tag nach Bern, um mit Armeeverantwortlichen das Drehbuch zu besprechen. Das war etwas vom Skurrilsten, das ich je erlebt habe. Am Schluss gabs ein Nein.

War es ihnen zu heikel?
Ja. Nach «Achtung, fertig, Charlie!» soll es im VBS zu internen Schwierigkeiten oder gar Entlassungen gekommen sein. Immerhin hat jetzt sogar Ueli Maurer mein Buch gelesen. Das finde ich ein schönes Bild, wie er im Bett liegt und mein Drehbuch liest.

Erstellt: 18.10.2013, 10:15 Uhr

Güzin Kar (*1971) ist Regisseurin, Autorin und Kolumnistin. Für die Weltwoche schrieb sie bis 2008 die Kolumne «Gender Studies» und veröffentlichte darauf basierend den Bestseller «Ich dich auch» (2006). Für ihren Spielfilm «Fliegende Fische» wurde sie 2011 am Filmfestival Max Ophüls ausgezeichnet.

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