Ein sehr schönes Bienchen

Die am heissesten erwarteten Wettbewerbsbeiträge der 70. Filmfestspiele von Venedig haben die Erwartungen grandios enttäuscht. Zum Glück überlebte Christoph Waltz. Und Scarlett Johansson war da.

Ausgerechnet diese Frau hat eine Existenzkrise, als sie in den Spiegel schaut? Scarlett Johannson spielt die Hauptrolle in «Under the Skin».

Ausgerechnet diese Frau hat eine Existenzkrise, als sie in den Spiegel schaut? Scarlett Johannson spielt die Hauptrolle in «Under the Skin». Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Harry Potter ist jetzt also schwul, und zwar so richtig ganz nackt mit einem andern Mann im Bett oder sogar mit andern Männern, und leider muss man sagen: So rein physisch kommen alle seine Bettgenossen besser weg als er.

Im richtigen Leben ist es natürlich ganz anders: Der Schauspieler Daniel Radcliffe schlug am Sonntagnachmittag locker den Clooney-Kreischrekord hier am Lido. Es gab hysterische Teenie-Zusammenrottungen, und die Presse-Events anderer Filme wurden schnell aus dem Hotel Excelsior evakuiert, weil zu viele Journalisten zu Daniel Radcliffe stürmten. Ein 24-jähriger, einigermassen scheuer Mann also, der wahrscheinlich wirklich keinen Funken von Eitelkeit besitzt und wirkt, als wäre er bloss 1,40 m gross, ist das grösste Phänomen von Venedig.

In «Kill Your Darlings» von John Krokidas, der in Venedig in der Sektion «Giornate degli autori» läuft, spielt Radcliffe den Dichter und Guru der Beat-Generation Allen Ginsberg während seiner sehr jungen Zeit an der Columbia University; und ach, er ist so aufrichtig eifrig bei der Sache und bleibt doch einfach im Körper von Harry Potter stecken.

Er ist halt einfach der Musterschüler. Die Anstrengung, sich locker zu machen, ist ihm stets anzumerken. Und dabei wäre der Film mit Jack Huston (als Jack Kerouac), Michael C. Hall und Elizabeth Olsen sonst ein so schön leichtes und mitreissendes Stück über die Gründungsjahre einer literarischen Alternativbewegung, die sich obsessiv gegen Mass und Versmass auflehnte. Ein bisschen «Dead Poets Society» auf Drogen. Kurz: ein Kinovergnügen.

Was hier in Venedig ja leider das allerwenigste ist, das muss man jetzt mal ganz ehrlich sagen. Nach Stephen Frears’ «Philomena» gings im grossen Wettbewerb rapide den steinigsten aller denkbaren Berghänge runter. Und zwar bis ins tiefste Tal. Leute, von denen man alles erwartet hatte, lieferten irgendwas; andere, von denen man sowieso schon nicht so viel erwartet hatte, lieferten genau dies. Niemand übertraf die Erwartungen. Und die am bittersten enttäuschte Liebe gilt hier zweien, die man von ihrer Bildsprache her mindestens als Visionäre, vielleicht sogar als Genies bezeichnen kann, Terry Gilliam und Jonathan Glazer nämlich.

Ein Müesli von einem Film

Mit Terry Gilliam sind Generationen gross geworden, er hat Monty-Python-Filme gemacht, «12 Monkeys», «The Brothers Grimm», ein Fantastiker mit den allerschönsten Kulissen und mit Schauspielern, die es nie durchgeknallter gab als bei ihm, ausser vielleicht bei Quentin Tarantino. Jetzt hat Gilliam sich Tarantinos Muse, also Christoph Waltz, geliehen und versucht mit ihm in «The Zero Theorem» – das irgendwann in einer bunten, durchgeknallten Zukunft spielt – zu beweisen, dass hundert Prozent null ergibt und dass wir dereinst von einem schwarzen Loch verschlungen werden. Und dass der Zutritt zu diesem Loch im Internet zu finden ist. Und wir alle in diesem Netz gefangen sind: sprich, dass unsere Arbeit entfremdet ist und sexuelles Empfinden nur noch im Cyberspace möglich. Also eine tiefgründige Kritik unserer Welt, die an sich richtig ist. Wenn der Film nur nicht so ein Müesli wäre!

Die meisten Regisseure hier wollen ja karg sein und nur ja nicht zu viel zeigen, Terry Gilliam aber will das Gegenteil. Seine Visionen sind 107 Minuten lang auf LSD, und Christoph Waltz gibt dabei den hysterisch-kuriosen Master of Ceremony. Wenigstens ist der Film nicht in 3 D. Und zum Glück hats Christoph Waltz gut überstanden. Der schaltet sich nämlich am Dienstagmorgen noch schnell für eine Interviewsitzung per Skype zu. Aus Hawaii, wo er gerade «Big Eyes» mit Tim Burton dreht. In Venedig ist es 9, auf Hawaii 21 Uhr. Weiter weg von uns könnte Christoph Waltz gerade gar nicht sein. Je schlechter das Skype-Bild wird, desto mehr sieht er zuerst aus wie Woody Allen und dann wie Quentin Tarantino. Vielleicht ist er in Wirklichkeit Tarantino? Bei der Frage nach der Metaphysik in «The Zero Theorem» wird die Skype-Verbindung suizidal. Ciao, ciao, Hawaii.

Menschensammelnde Aliens

Scarlett Johannson war dann am Dienstagnachmittag auch schon der letzte Superstar-Gast des Festivals. Sie sah aus wie ein Bienchen in ihrem schwarz-weiss geringelten Oberteil – ein sehr schönes Bienchen selbstverständlich –, und es ist völlig richtig, dass der Brite Jonathan Glazer («Birth») ihr die Hauptrolle in «Under the Skin» gegeben hat. «Under the Skin» ist die Verfilmung des gleichnamigen Debütromans des niederländisch-australischen Autors Michael Faber aus dem Jahr 2000: ein eigenartiges, packendes Buch über bösartige Aliens, die Menschen einsammeln und enorm schlimme Dinge mit ihnen anstellen. Eins der Einsammler-Aliens ist so gebaut, dass es fast nur aus weiblichen Geschlechtsmerkmalen besteht, der Rest des Körpers ist verkümmert. Logisch, dass es wahnsinnig erfolgreich darin ist, einsame Schotten aufzureissen, denn in Schottland spielt das Ganze. Man sollte das Buch also unbedingt lesen.

Wo bleibt all der Schrecken?

Und der Film? Ach herrjeh. Also, wer die legendären Videoclips von Jonathan Glazer (für Radiohead, Massive Attack, Blur und viele andere) so abgöttisch liebt, dass er sich einen von ihnen quasi auf fast zwei Stunden zerdehnt vorstellen könnte, aber mit gleich wenig Handlung wie ein Vierminutenclip und meistens ohne Worte, der soll sich den Film um Himmels willen anschauen! Ästhetisch ist das auf einer hochgekünstelten Ebene oft recht «pleasing», aber all die schön schrecklichen Dinge aus dem Buch, die kommen im Film einfach nicht vor. So wie überhaupt fast nichts im Film vorkommt. Dafür viel Scarlett Johansson. Und weshalb ausgerechnet die eine Existenzkrise kriegt, als sie einmal länger in den Spiegel schaut, das versteht nun wirklich kein Mensch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2013, 19:37 Uhr

«Kill Your Darlings» Trailer

Terry Gilliam spricht
über «The Zero Theorem»

«The Zero Theorem» Trailer

«Under The Skin» Trailer

Artikel zum Thema

«Und jetzt... Miss Scarlett»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet bloggt vom Filmfestival Venedig – heute fand dort die Pressekonferenz mit Scarlett Johansson statt. Lesen Sie hier das Protokoll. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Immer wieder schön: Das Matterhorn spiegelt sich im Morgengrauen im Riffelsee bei Zermatt (22. Juni 2018).
(Bild: Vaelntin Flauraud) Mehr...