«Ein unerforschtes Leben ist nicht wert, gelebt zu werden»

Der US-amerikanische Psychotherapeut und Romancier Irvin D. Yalom hat Zürich besucht. Anlass war «Yalom’s Cure», der neue Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin Sabine Gisiger.

Wollte immer so viel über sich wissen wie möglich: Irvin D. Yalom. Foto: Urs Jaudas

Wollte immer so viel über sich wissen wie möglich: Irvin D. Yalom. Foto: Urs Jaudas

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«Würde» ist das erste Wort, das einem einfällt nach der Begegnung mit dem amerikanischen Psychiater und Schriftsteller Irvin D. Yalom, und mit dem Respekt vor einem würdigen Alter hat das nur am Rand zu tun (83 Jahre alt ist er jetzt, und trägt diese mit einer altersgemässen Eleganz). Es liegt an der freundlichen Gelassenheit eines Mannes, der viel herumgekommen ist «in the far and wide land», dem weiten Land der Seele – und der deshalb weiss, dass selbst er sich nie je ganz auskennen wird in den dunklen Winkeln der Psychen.

Es ist eine Art sokratische Würde, das ist das Feine an einem Gespräch mit Yalom. Er ist frei von professioneller Herablassung. Zu jedem Wissen kommt bei ihm ein Nichtwissen, für das er sich nicht schämt. Denn was er mit Sicherheit weiss, ist nur, dass auch er einmal sterben wird mit mehr unbeantworteten als beantworteten Fragen. Aber das Sterben, wie immer es sein wird, wird geschehen in der felsenfesten Überzeugung, an den Grundlagen des menschlichen Glücks mitgearbeitet zu haben. Selbst dort, wo in schweren Gruppensitzungen mit Todkranken auf ein glückliches Leben nicht mehr zu hoffen war, sondern nur noch auf ein bewältigtes und auf einen friedlicheren Tod. Dafür, sagt er, habe er «Albträume» von der eigenen Endlichkeit aushalten müssen – und in eigenen Therapien erkundet, als ein forschender Patient quasi. Weil er Sokratiker sei und bleibe: «Ein unerforschtes Leben ist die Mühe nicht wert, gelebt zu werden.»

Glasklare Gedanken

Nicht, dass Yalom einer wäre, der das Leben für eine Krankheit zum Tod hin hielte und die Psychotherapie sozusagen für Palliativmedizin (obwohl er in einem Roman, «Die Schopenhauer-Kur», einmal mit der therapeutischen Heilkraft des Philosophen experimentiert hat, und dieser einsame Pessimist hielt den Tod ja für das bessere Leben). Er will einfach das Sterbenmüssen nicht vom Lebenkönnen trennen, das ist sein Punkt. Und es ist ein Pfeiler seines Vertrauens in die Selbsterkenntnis, die nicht nur funktionstüchtig macht, sondern lebensglücklich, womöglich. Im Gespräch kommt er sehr schnell auf diesen Kern seines Denkens, und er umkreist ihn bedachtsam und seelenruhig auch im Dokumentarfilm der Schweizer Regisseurin Sabine Gisiger, welcher Anlass ist für seinen Besuch in Zürich: dass «die Erforschung der eigenen Tiefen immer zum Guten» führe.

Der Film heisst «Yalom’s Cure», es sei ihm deshalb ein wenig «unbehaglich» zumute gewesen, als er ihn das erste Mal gesehen habe. Man ahnt: Es klang ihm wohl zu heilkundlich und kurärztlich, und überhaupt, sagt Yalom: «Ich fühlte mich überidealisiert.» Wobei der Zweifel natürlich ein Teil des Berufs und der Berufung ist. Nämlich: Der Film hat gar nichts Eitles. Und er, Yalom, mag ihn in seiner Ruhe und in der visuellen Poesie, die zum Beispiel der sportlichen Wirklichkeit entnommen ist: «Nie vorher hätte ich gedacht, dass die Tatsache, dass ich ein Taucher bin, eine so schöne Metapher für meinen Beruf werden könnte.» Er habe ja, als Universitätslehrer wie als Autor, die bildhafte Erzählung immer hoch geschätzt. Und die Regisseurin sei reizend und gebildet und geduldig gewesen, und nur mehr Redezeit hätte er gern gehabt. Denn nein, so sei er nicht dazu gekommen, sich selber zu überraschen durch noch nie gegebene Antworten. Da erinnerte man sich dann an die Premiere von «Yalom’s Cure» in Locarno dieses Jahr, als Sabine Gisiger erzählte, wie sie ihre Hauptfigur, wenn die ihr aus dem Ruder habe laufen wollen, daran erinnern musste, dass ein Unterschied bestehe zwischen einem Film und einer Therapiesitzung.

Glasklare Gedanken

Die Filmzeit reichte allerdings aus für glasklare Gedanken, und im Gespräch formuliert sie Yalom sogar noch unbedingter: Wie die Psychotherapie weit übers Medizinische hinausgehe. Wie er sie sich denke als «spezielle Freundschaft zum Patienten, in Offenheit und Zuwendung von meiner Seite, aber mit der kontrollierten Vorsicht, die diese Intimität beschränkt auf Raum und Zeit der Sitzungen». Wie sie in der Geschichte der Philosophie gründen sollte als Grundlagendisziplin der Aufklärung, die alte Erfahrungen bewahrt und durch neue ergänzt – im Geist dieses «Erkenne dich selbst», der sagenhaften therapeutischen Aufforderung überm Eingang des Orakeltempels von Delphi.

Kurzum: Die Erkenntnis, die Menschen dazu bringt, besser auszukommen mit sich und anderen, war Yalom das Risiko immer wert, in Dunkelräume zu leuchten. Er sehe das, sagt er, als «Vertrag» zwischen Therapeut und Patient. Sein Beruf war es dann auch, durchgeschüttelte Patientenseelen neu zu stabilisieren. Aber nein, wenn man ihn schon so frage (man hatte gefragt), er habe die Fähigkeit zur Verdrängung nie für einen «Segen» gehalten. Höchstens für eine Entspannungsmöglichkeit von Zeit zu Zeit. «Ich jedenfalls wollte immer so viel erfahren von mir wie möglich.»

Sabine Gisigers Film zeigt Yalom übrigens auch im Whirlpool mit seiner Frau, ein leiser Hauch von Ironie schwebt über der Szene; man möchte nicht gleich von einer Verdrängungspause reden, aber man getraut sich zu fragen, ob er das therapeutische Auge auch einmal zudrücke. Wahrscheinlich könne er das nicht so gut, sagt er, womöglich habe er den Therapeuten zu oft mit nach Hause gebracht. Vielleicht praktiziere seine Frau (die Literaturhistorikerin und Gender-Theoretikerin Marilyn Yalom) deshalb seit 25 Jahren Yoga und habe nie eine Therapie gemacht.

Inzwischen geht es aber leichter mit dem Augenzudrücken. Er hat seinen Teil geleistet für den psychotherapeutischen Fortschritt; und jetzt ist er nicht mehr der Jüngste, und übers Alter sagt er in «Yalom’s Cure» seinen schönsten, gelassensten Satz. Er hat ihn von Schopenhauer, dem alten Pessimisten, der auch seine Momente von Seelenfrieden hatte. Habe der nicht geschrieben, in diesem Jammertal Leben brennten die menschlichen Triebe wie die Sonne, aber wenn die Sonne untergehe, entdecke man die Wunder des Nachthimmels? Also: «Ich geniesse jetzt den Nachthimmel.»

Yalom’s Cure (CH 2014). Dokumentation, 77 Minuten. Regie: Sabine Gisiger. In Zürich im Kino Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2014, 07:17 Uhr

Trailer zu «Yalom's Cure»

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