«Ein wahnsinniges Spektakel»

Daniel Felix verfilmt die Schweizer Eisenbahnstrecken. Im Interview spricht er über Eisenbahnnostalgie, seinen Vater Kurt – und die schönste Strecke der Schweiz.

Bestandesaufnahme der Schweizer Landschaft: Führerstandfilm zwischen Kerzers und Murten.

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Herr Felix, Sie drehen Eisenbahndokumentarfilme. Gibt es dafür ein Publikum?
Ja, alle Menschen, die Freude an der Schweiz und an der Eisenbahn haben. Das sind viele.

Man könnte auch selber den Zug nehmen.
Wir zeigen in den Filmen vieles, das man entlang der Strecke antrifft. Kultur, Brauchtum oder Menschen, die dort arbeiten. Der Film könnte einige weiter dazu animieren, selber in den Zug steigen.

Ihr neuster Film behandelt die Lötschbergbahn. Was macht diese Strecke aus?
Es ist eine der ganz grossen Bahnstrecken der Schweiz. Zum einen, weil sie durch die gmögige Landschaft des Berner Oberlands führt. Weiter ist da natürlich die Lötschberg-Südrampe, die auf 500 Meter Höhe bei Hohtenn herauskommt und dann 25 Kilometer bis nach Brig den Südhängen entlang kurvt. Ein wahnsinniges Spektakel.

Macht die Landschaft so viele Schweizer zu Eisenbahnfans
In erster Linie ist das sicher so. Aber auch unsere Mentalität, diese Faszination für Technik und Organisation, spielt eine Rolle. Ausserdem ist das Zugfahren in der Schweiz unkomplizierter als im Ausland. Man braucht keine Platzreservationen, die Anschlüsse sind gut.

Ihr Vater war auch ein begeisterter Eisenbahnfan.
Ja, von ihm habe ich die Leidenschaft für die Eisenbahn und das Fernsehen geerbt. Er hat mir als Junge einmal eine Modelleisenbahn geschenkt. Aber es war wohl auch ein Geschenk an sich selbst. (lacht)

In einem Dokfilm über Ihren Vater sah man Aufnahmen aus Führerstandkabinen. Hat er die selber gedreht?
Als in den 80er-Jahren Videokameras erhältlich wurden, stellte er eine Kamera in den Führerstand des Zuges Zürich–Mailand. Den Film haben wir immer wieder zusammen angeschaut. Später schlug er mir vor, alle Schweizer Eisenbahnstrecken aus dem Führerstand heraus zu filmen. Ich bin momentan daran, diese Idee zu verwirklichen und auf DVD zu veröffentlichen.

Ist das nicht ein bisschen monoton?
Im Gegenteil, in unseren beschleunigten Zeiten kann man Leute mit einem Film begeistern, der stundenlang keinen Schnitt hat. Mir persönlich geht es vor allem um die Landschaft, aber ich habe auch schon Rückmeldungen von Menschen bekommen, die den meditativen Charakter dieser Filme schätzten. Es entsteht so zudem eine Bestandesaufnahme der Schweizer Landschaft. Auch spannend: Wir zeigen Fahrten auf heute stillgelegten Bahnstrecken. Zum Beispiel Beinwil nach Beromünster. Oder von Solothurn nach Büren an der Aare. Manchmal mieten wir eine Lokomotive und fahren bereits stillgelegte Strecken ab, wie etwa Urban-Melchnau.

Unterlegen Sie diese Filme mit Musik?
Nein. Die Stille und das Vorbeiziehen der Landschaft ermöglichen gerade die Kontemplation. Wenn ich an einem Drehbuch arbeite, fahre ich oft von Zürich nach Genf und wieder zurück. Ich schaue dann aus dem Fenster und schon fliessen die Ideen.

Sind Eisenbahnfans Nostalgiker?
Ja, das ist wohl richtig. Sie schwelgen in vergangenen Zeiten. Das zeigt sich auch in den Modelleisenbahnen, die oft aus alten Zugkompositionen bestehen. Ich persönlich bin kein Nostalgiker, ich interessiere mich für die Eisenbahn von heute. In 20 Jahren wird man diese ohnehin wieder nostalgisch anschauen. Die Eisenbahn bedeutet ja immer auch Wandel.

Wie sieht die schweizerische Eisenbahn der Zukunft aus? Verläuft sie unterirdisch?
Dass wir das noch erleben, ist nicht anzunehmen. Aber ich wäre der Erste, der mitfährt. Ein Trend, der sich bereits jetzt abzeichnet, sind die Lärmschutzwände. Das ist schade. Man sieht so nichts mehr von der Landschaft. Es ist auch unklar, wie viel diese Wände lärmtechnisch bringen.

Welches ist die schönste Eisenbahnstrecke der Schweiz?
Alle Strecken, die über die Berge oder an einem See entlang führen. Einem Ausländer, der zum ersten Mal in der Schweiz mit dem Zug unterwegs ist, würde ich die Strecke Chur–Tirano empfehlen, über die Albula- und Bernina-Bahn. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.06.2013, 14:28 Uhr

Daniel Felix ist Dokumentarfilmer und Sendeleiter bei SRF. Der 46-jährige Sohn von Kurt Felix ist ausserdem als Eisenbahn-Journalist tätig.

Film

Filmpremiere von «Die Lötschberg-Bahn» ist am Freitag, 28. Juni, 18:30 Uhr im Kino Movie World in Spiez.

Bildstrecke

Das verlorene Paradies

Das verlorene Paradies Stillgelegte Strecken des Schweizer Bahn-Regionalverkehrs.

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