Ein zärtlicher Erzähler

Am Donnerstag starb der Filmregisseur Yves Yersin in seiner Waadtländer Heimat. Er wurde 76 Jahre alt.

Mit «Les petites fugues» hat sich Yersin ein Denkmal in der Schweizer Filmgeschichte geschaffen. Quelle: Youtube


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Es ist einer gegangen, zu früh, der uns oft vom Entschwinden erzählt hat in seinen Filmen. In Bildern und Tönen und Geschichten voll liebenswürdiger Melancholie und in der Hoffnung, es bleibe doch noch etwas von einer Zeit, als alte Kenntnisse und eine freundliche, widerspenstige Gemächlichkeit noch in Harmonie standen mit der Gegenwart. Man könnte die Filme von Yves Yersin, der jetzt gestorben ist, sehnsüchtig nennen. Und doch sind sie ungemein wirklichkeitshaltig, denn die konservative, bewahrende Unvernunft, die in ihnen steckte, weiss sehr gut, dass sie keine Chance hat gegen die Realität.

Mit «Die letzten Heimposamenter» (1974) begann Yersins unverwechselbare, zärtliche Erzählarbeit so richtig, das ist: mit einem Dokumentarfilm, der vom Sterben einer Lebensart handelte, von der Seidenbandweberei im oberen Baselbiet, von Erinnerungen an Schlafkammern, in denen es im Winter durch die Decke schneite, und an Kinderbetten in Kommodenschubladen, weil in den guten Stuben Platz sein musste für die Webstühle. Mit «Tableau noir» (2013) endete sie, diese Arbeit des dokumentierenden Erinnerns. Das war die Geschichte des Lehrers Hirschi aus Derrière-Pertuis im Jura, der einer letzten Klasse an seiner kleinen Gesamtschule noch einmal, die Rechtschreibung, das Rechnen und den menschlichen Anstand beibrachte, bevor die Behörden ihm seine Schule zusperrten. Weil die bildungspolitischen Budgets keine Ausnahmen vorsehen für individuelle Idylle. Der Lehrer Hirschi hatte aber zuvor einen guten Kampf gekämpft und hat im Weiler Derrière-Pertuis Spuren hinterlassen. Sodass seine Träume und die Versuche, sie zu verwirklichen, nicht vergeblich waren.

Darin glich der Hirschi ganz dem Knecht Pipe aus Yves Yersins grossartigem, einzigartigem Spielfilm «Les petites fugues» (1979). Der steht wie ein Denkmal aus realistischem, verträumtem Möglichkeitssinn zwischen den Posamentern und dem Pädagogen. Ewig lebensfrisch, sozusagen: wie er am Bahnhof auf sein blitzblankblaues Töffli der Marke Batavus Go Go wartete und damit dann gleich fadengrad in einen Strassengraben fuhr; wie aber so ein Mofa Freiheits- und Alkoholräusche beförderte und die Freude am Verspritzen von Senf. Der Pipe in seinem Altersübermut ist ja dann wieder ziemlich hart auf dem Miststock gelandet. Aber zuvor hat auch er träumend die Welt etwas wärmer gemacht.

Er überlebt nun seinen Schöpfer. Yves Yersin, sein Regisseur, geboren in Lausanne, ein Meister des Bewahrens, starb am Donnerstag in Baulmes in seiner Waadtländer Heimat. Er wurde 76 Jahre alt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.11.2018, 17:35 Uhr

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Online-Filmarchiv

Die beiden Filme «Die letzten Heimposamenter», «Les cloches de vaches» sowie weitere Filme von Yves Yersin können Sie online schauen. Sie wurden im Rahmen des Projekts «Altes und sterbendes Handwerk» gedreht. Kurz vor seinem Tod hat sie das Fotoarchiv der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde(SGV) in Zusammenarbeit mit Pierrine Saini und Thomas Schärer online zugänglich gemacht.

Ebenfalls online finden Sie ein Interview mit Yves Yersin, enstanden 2009, im Rahmen der Dissertation «Das Wissen der Hände, die Filme der SGV 1960–1990» von Pierrine Saini und Thomas Schärer. Die Dissertation erscheint 2019.

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