Eine Frau ohne Zuhause

Nervös trommelnde Finger, gedruckte Sätze und kindliches Lachen: Ein Treffen mit Natascha Kampusch in Wien.

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Im Vorfeld unterscheidet sich nichts von einem Interview mit einem Popstar: Ein Presseagent versucht, möglichen Abnehmern Bedingungen zu diktieren, es wird um die Länge des Gesprächs und um die Deckung der Spesen gefeilscht, er setzt Druck auf, wo er nur kann. Möglichst viele Medien sollen möglichst ausführlich berichten. «Der Schwamm gehört ausgepresst», schreibt er wörtlich. Dabei geht es nicht um eine berühmte Sängerin oder einen Sänger, sondern um das Opfer eines unvorstellbaren Verbrechens. Die Österreicherin Natascha Kampusch, heute 25 Jahre alt, wurde während 3096 Tagen von einem Mann namens Wolfgang Priklopil in Gefangenschaft gehalten, von ihrem 10. bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Achteinhalb Jahre mit nur einer Bezugsperson.

Aber das weiss ja inzwischen jeder. Sie wurde in Interviews dazu befragt. Es steht auch in einem Buch mit dem Titel «3096 Tage», das sich millionenfach verkauft hat und in Dutzende Sprachen übersetzt wurde. Auch in China, in Japan oder in Korea kann jeder genau nachlesen, was sie Schreckliches erlebt hat. Doch sie erzählt weiter, gibt bereitwillig Auskunft. Jüngst war sie zu Gast bei Günther Jauch, wo sie auch ihren 25. Geburtstag medial beging. Es geht um Werbung für einen Spielfilm, der diesen Donnerstag in die Kinos kommt.

Als ich ihr schliesslich am Sitzungstisch ihres Managers – die offizielle Bezeichnung ist Literary Agent und Media Advisor – gegenübersitze, bin ich erst mal nicht Teil des Gesprächs. Manager, Visagistin und Medienstar diskutieren über Make-up und Aufmachung für den Abend. Die Premiere des Films «3096 Tage» steht an. Es solle nicht zu glamourös daherkommen, schliesslich gehe es ja um ein ernstes Thema, meint der Manager. Kampusch selbst kann sich noch nicht entscheiden, wie sie die Haare haben will. Zu mir sagt sie schmunzelnd: «Sie trinken Fanta? Das passt. Man muss sich manchmal auch irgendwie selbst zerstören.»

Meine erste Frage irritiert sie

Wir befinden uns im verwinkelten Dachstock eines Altbaus im 1. Stadtbezirk von Wien. In Büroräumlichkeiten, die immer wieder von Stalkern belagert werden, wie Kampusch erzählt. Dies sei ihre «mediale Wirkungsstätte», sagt sie. Und sie ist hier, um zu wirken: Die deutsche und österreichische Presse ist schon mehrheitlich abgehandelt, seit fast zwei Wochen erscheint täglich ein wohlwollender Artikel in der «Bild»-Zeitung. Auch das Interview mit «10 vor 10» ist schon im Kasten.

Meine erste Frage irritiert sie. «Was machen wir eigentlich hier?», frage ich sie, während sie erst ganz kurz mich und dann wieder die Tischplatte fixiert. Zwischendurch blinzelt sie heftig. «Na ja, Sie wollten mich interviewen, und ich hab mir gedacht, okay, mach ich.» Immer wieder trommelt sie nervös mit den Fingern oder spielt mit einer Pastillendose. Dass sich im Vorfeld nichts von einem Starinterview unterscheidet, findet sie keineswegs seltsam: «Ich gebe ja nicht irgendwelchen Leuten Interviews, weil ich mich so über die Aufmerksamkeit freue. Die Menschen, die mit mir sprechen, haben sich mit der Materie befasst, haben ein echtes Interesse – und ich hab auch ein echtes Interesse an der Auseinandersetzung mit diesen Menschen», sagt sie und ergänzt lächelnd: «Geniessen Sie es doch, dass Sie die Prüfungen überstanden haben und nun mit mir reden können!»

Der Genuss hält sich in Grenzen. Zu irritierend ist das ganze Spiel. Man fragt sich: Wie tickt dieser Mensch? Wieso bewegt sie sich immer wieder selber ins Rampenlicht? Sie habe ein Trauma davongetragen, weil sie direkt nach ihrer Befreiung von den Paparazzi belagert worden sei, sagt sie. Und nun versuche sie, den medialen Rummel ein bisschen über die Medien wieder zu verarbeiten. Tut das einem Menschen gut, der ihr Schicksal erlitten hat? Kümmert sich überhaupt jemand darum, was ihr guttut? Der Manager ist hauptsächlich darüber entzückt, dass sie nun endlich auch mit den Schweizer Medien sprechen könne. In Deutschland sei dem Grosserfolg des Buches damals die Sarrazin-Debatte in die Quere gekommen. In der Schweiz sei man von September bis Weihnachten auf Platz eins gewesen.

Ihre Therapie hatte sie nach ihrer Befreiung irgendwann abgebrochen. Sie hielt das nicht für nötig. Erst später, als sie von immer mehr Menschen bedrängt worden sei, die ihr Leid bei ihr hätten abladen wollen, habe sie diese wieder aufgenommen. Irgendwann gibt sie zu: «Ich wollte immer schon was mit Medien machen.» Als Kind spielte sie Radio- und Fernsehsendungen nach. Sie erzählt, dass sie jeweils eine ihrer beiden Katzen in den Arm genommen, sich auf einen Lehnstuhl gesetzt und die Sendung «Wer will mich?» imitiert habe. In Wirklichkeit ging es wohl um sie. «Wer will mich?» – diese Frage scheint sie sich immer noch verzweifelt zu stellen.

Sie wechselt zwischen hocherwachsenen und wie gedruckt wirkenden Sätzen wie «Letztendlich ist meine Conclusio aus dem Ganzen: Man bleibt auf sich alleine gestellt», kindlichem Lachen und ziemlich verstellten Satzgebilden. Das Kind, das im Alter von 10 Jahren gefangen genommen und in seiner Entwicklung gebremst wurde, es steckt noch immer in Kampusch.

Als stummer Gast der Premierenvorführung

Nach 45 Minuten greift sie zu ihrem iPhone: Sie habe einen Termin und müsse jetzt wirklich los. Sie erhebt sich, packt die Pastillendose und das Telefon ein. Ich bitte um eine letzte Frage: «Hat der Film einen kulturellen Wert?» «Ja, auf jeden Fall. Der Film zeigt einem, dass man die Abgründe der Menschheit und der Gesellschaft nicht vergessen soll. So, und jetzt stellen Sie bitte das Ding ab.» Dann ist sie aus der Tür, postiert sich vor dem Spiegel im Gang und fährt sich hektisch durch die Haare. Drei Minuten später ist sie weg.

Ihr Auftritt am Abend ist denkbar kurz: Zwei Minuten für die Fotografen auf dem roten Teppich, dann noch ein paar als stummer Gast der Premierenvorführung. Vorne sagt der Produzent von Constantin Film, aussergewöhnliche Geschichten müssten erzählt werden. Und dies sei eine solche. Und Regisseurin Sherry Hormann sagt, es handle sich um eine Heldengeschichte. «Natascha Kampusch war stärker als ihr Entführer.» Die beiden Hauptdarsteller stehen wortlos daneben.

Ansonsten tut sich vor und nachher kaum etwas: Ein Kinocenter mit Letzipark-Flair, Häppchen wie an jeder Filmpremiere, ein roter Teppich, den ausser Miss Austria und den Hauptdarstellern kaum jemand beschreitet. Der Applaus nach dem Film ist flau und dauert nur wenige Sekunden. Der rundliche Herr, der hinter mir während zwei Stunden geräuschvoll Chips in sich hineingestopft hat, wankt mit teilnahmslosem Blick hinaus. Zeit, das Thema endlich ruhen zu lassen.

Erstellt: 28.02.2013, 20:05 Uhr

Film über Kampusch-Entführung feiert in Wien Premiere. (Video: Reuters )

Der Trailer


«3096 Tage» kommt am 28. Februar in die Kinos: Der Trailer.

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