Einer, der bleibt

Regelmässig wird das Werk von Christian Schocher wiederentdeckt. Jetzt bringt das Zürcher Filmpodium eine Retrospektive.

Bei ihm wird Flucht immer zur Kreisbewegung: Christian Schocher macht ein Kino, in dem sich das Leben aus sich selbst erzählt. Foto: Nicola Pitaro

Bei ihm wird Flucht immer zur Kreisbewegung: Christian Schocher macht ein Kino, in dem sich das Leben aus sich selbst erzählt. Foto: Nicola Pitaro

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Ein bisschen weiter noch, dann sind wir da. Ein Stück den Wald hinauf, zwischen den Bäumen blitzen die Farbflecken der Funktionsjacken. Die Wanderer, sagt Christian Schocher, seien immer sehr erstaunt, dass es da hinten noch ein Restaurant hat. Man übersieht das Sanssouci fast, so tief hat es sich zurückgezogen auf dem Hügelchen bei Pontresina. Es thront da nicht, sondern hockt einfach, und Christian Schocher hockt auch oft dort. Ringsum hat es wenig, man könnte noch mit der Bahn ins Puschlav hinunterfahren. Aber man kann auch bleiben, wo will man schon hin? Christian Schocher ist in Pontresina geboren und in Pontresina geblieben, und wenn er ausgezogen ist, ist er wieder umgekehrt, um im Kino von Abenteuern zu erzählen, die im Sand verlaufen sind.

Monument aus Miniaturen

Es wäre ihm fast selbst passiert, als 1978 «Das Blut an den Lippen des Liebenden», sein Western im Bündner ­Alpengeröll, in Solothurn ausgepfiffen wurde. Damals hätte er die Filmrolle am liebsten in die Aare geschmissen, sagt er mit gurgelndem Lachen, dann kippt er seine Stange und bläst eine Wolke aus. Das ganze Reden mache ihn noch zum Kettenraucher, sagt er. Und was wollte er jetzt erzählen? Von Solothurn und vom ZDF, das ihn später anrief, um ihm Geld anzubieten für den nächsten Film. Er schickte ein Exposé, darin ging es um einen Kosmetikvertreter, der durch die Unorte der Schweiz tingelt. Ein Irrlauf im Mief, frei nach Motiven aus Homers «Odyssee». Daraus wurde «Reisender Krieger» (1981), und dann, sagt Schocher, habe der Boom eingesetzt.

Boom? «Dr Chrieger» löste damals Staunen aus, aber er blieb lang ein Phantom des Schweizer Films: viel erwähnt, kaum gesehen. Heute gilt er als einzigartiges Dokument der 80er-Jahre, die ETH führt es den Architekturstudenten vor. Es sei schon mühsam, immer darauf fixiert zu werden, sagt Schocher. Aber es bleibt ein Film, bei dem stimmt, was alle sagen: Es gibt kein besseres Bild der ­betonierten Schweiz.

«Reisender Krieger» ist ein Monument aus Miniaturen. Der Vertreter Krieger, gespielt vom Laiendarsteller Willy Ziegler, quatscht in improvisierten Szenen mit Säufern und Coiffeusen zwischen Luzern und Niederdorf. Kameramann Clemens Klopfenstein hielt es fest als Protokoll der Nacht, und das Gute war, so Schocher, dass niemand erwartet habe, dass auf den Bildern etwas drauf sei. Alle hätten frei von der Leber weg geredet, und als Klopfenstein im ­Labor gesehen habe, wie scharf die Aufnahmen geworden waren, sei er selber «fast aufs Füdli» gefallen.

Die Legende des Eremiten

Es sind Bilder von Existenzen in Auflösung. Ein Ausbruch ins neblige Nichts, wie so oft bei Schocher, bei dem die Flucht immer zur Kreisbewegung wird. Der Krieger kehrt am Schluss in seine Wohnsiedlung im Mittelland zurück. Er hatte als Samurai den Urwald gesucht, aber was er fand, waren Raststätten und Gelaber. So unheimlich vertraut kommt einem die Schweiz in «Reisender Krieger» vor: als hässliche Traumwalze, die die Möglichkeiten plattmacht.

Und war es nicht ähnlich in Scho­chers zartem Porträt «Die Kinder von Furna» (1975) über die Lebenswünsche von Bündner Schülern, die er in «Jahre später» (1997) wieder traf und merken musste, dass die Sehnsüchte beissenden Enttäuschungen gewichen waren? Und nicht auch in «Lüzzas Walkman» (1989), Schochers bunt-fantastischer Ode an die Zürcher Gegenkultur der 80er? Darin fuhr ein Junge aus der Surselva in die Stadt und dann wieder heim; mit offenerem Herzen diesmal, aber wieder als Umkehrer auf halber Strecke.

Gegen das Verschwinden

Man kann da noch die Spuren festhalten, die der schweizerische Wunsch vom Auszug hinterlässt, aber auch die hat es meist schon verweht. Selbst Schochers eigenes filmisches Werk neigt zur Verflüchtigung, von «Reisender Krieger» gibt es erst jetzt eine DVD. Und wenn er plant, einen alten Lieblingsfilm in der Region vorzuführen, ist man nicht sicher, ob er nicht wartet, bis es ein anderer macht. Im Kopf hängt Schocher an den alten Anekdoten, aber wenn es darum geht, seine Filme zu restaurieren, nerven ihn entweder die ahnungslosen Beamten in Bern – oder er nimmt die Anstösse von aussen lachend entgegen und «lupfe selber keinen Finger».

Er trägt da auch zur eigenen Legendenbildung bei, zum Bild des Eremiten hinter den Bergen, der ab vom Schuss seine komischen Filme dreht, die man in kaum einer Videothek findet. Jetzt aber wurden seine Filme neu abgetastet, und ohnehin wird das Werk des fast 70-Jährigen regelmässig wiederentdeckt, oft von jüngeren Fans aus der Stadt.

Wenn etwa der Mueller anrufe, sagt Schocher, dauere es in der Regel eine Stunde, weil der so viele Pläne habe. Er meint Andreas Mueller, der zusammen mit Marcel Bächtiger den Dokumentarfilm «Christian Schocher, Filmemacher» gedreht hat. Das junge Duo befragte ihn im Sanssouci, und es muss Schocher seltsam vorgekommen sein, selber vor der Kamera zu sitzen, dazu noch richtig ausgeleuchtet. Aber dann kam er doch ins Erzählen: über seinen Vater, den Fotografen, der die Fremde suchte; über das Kino Rex in Pontresina, das er von ihm übernommen und bis vor kurzem geführt hatte; über die Tausenden von Filmen, die er dort gesehen hatte; Leone, Corbucci, Fellini, sein privates Kinostudium. Er wollte dann auch den «Krieger» wie ein klassisches Epos ­drehen. Aber es funktionierte nicht, es war besser, draufzuhalten.

Und womöglich ist es auch das, was zwei junge Regisseure dazu bewegt hat, dem stationären Krieger Schocher ein eigenes, sympathisch handgestricktes Porträt zu widmen. Weil da einer seit Jahren ein Kino macht, in dem sich das Leben aus sich selbst erzählt. In dem das Land eine Weite bekommt und die Bilder die helvetische Seele treffen, diese herz-warme innere Verbundenheit mit den baumelnden Skiliftbügeln, den Geröllhalden im Dunst, dem «Was isch was?» in der Stadt.

Auf den Spuren des Erlebten

Ein Kino des stetigen Weitergehens, das zum Anfang zurückführt. In «Egliadas Augenblicke», seinem letzten Dokumentarfilm, stöberte Schocher die Menschen in der Surselva auf, die der Fotograf Emil Brunner während der Kriegsjahre porträtiert hatte. Wieder so ein Film auf den Spuren des Erlebten. Unterdessen, sagt Schocher, sei er wohl «ohne sein Zutun» zum Bündner Dokumentaristen geworden. Und wenn er vom Aufbruch redet, fällt ihm noch Don Quijote ein. Er hatte einmal einen Satz ins Exposé von «Reisender Krieger» ­geschrieben, der lautete: «Don Quijote erschiesst am Wegrand Rosinante.»

Das Pferd, das den Ritter in die Welt tragen sollte, brachte ihn nirgendwohin. Aber vielleicht muss man sich das als einen fröhlichen Satz vorstellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2015, 20:20 Uhr

Retrospektive und DVDs

Schocher, geballt

«Reisender Krieger» läuft als Director’s Cut erstmals am 23. 8. im Filmpodium Zürich (20.45 Uhr). Bis Mitte September sind im Rahmen einer Retrospektive zudem frisch digitalisierte Kopien von «Das Blut an den Lippen des Liebenden», «Lüzzas Walkman» und «Die Kinder von Furna» zu sehen. «Christian Schocher, Filmemacher» läuft derzeit im Kino Riffraff; die DVD von «Reisender Krieger» ist bei Andromeda erschienen (ca. 36 Fr.), jene von «Egliadas Augenblicke» beim Limmat-Verlag (ca. 30 Fr.). (blu)

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