Einer, der nicht tut, was man ihm sagt

In «Three Faces» fährt der widerborstige iranische Regisseur Jafar Panahi ins karge Aserbeidschan und erzählt von den Frauen seines Landes. 

«Three Faces» erzählt die Geschichte einer Reise. Das Auto dient als ideale Bühne. Foto: Jafar Panahi Film Production

«Three Faces» erzählt die Geschichte einer Reise. Das Auto dient als ideale Bühne. Foto: Jafar Panahi Film Production

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jemand hat mal geschrieben, der iranische Regisseur Jafar Panahi habe doch eine ganz ansehnliche Karriere gemacht, einfach weil er nicht tue, was man ihm sage. Es klang ein wenig missgünstig, nach Masche. Hoffentlich wars nicht so gemeint. Denn die Kühnheit, sich Freiheiten zu nehmen in der Unfreiheit, ist unter iranischen Umständen bemerkenswert. Dass Panahi arbeitet, ist der Ausdruck von trotzigem Überlebenswillen, und ein neuer Spielfilm wie «Three Faces» ist eigentlich ein Wunder aus List und gelebtem Jetzt-erst-recht.

Auf dem Mann lastet ja in der Heimat, die er sich nicht nehmen lässt, ein Berufsverbot seit acht Jahren. An Auslandsreisen ist nicht zu denken, und immer noch gilt scheinbar die nie praktisch umgesetzte Verurteilung zu sechs Jahren Haft. Aber Panahi hat nie aufgehört Filme zu drehen. Sie erreichen die Öffentlichkeit als Konterbande, und sie gewinnen Preise, 2015 den Goldenen Bären in Berlin für «Taxi Teheran». Für «Three Faces» gabs dieses Jahr den Drehbuchpreis in Cannes.

Origineller und subversiver als Jafar Panahi dringt keiner vor zum Herzen iranischer Skurrilitäten und Finsternisse.

Der aktuelle Film erzählt die Geschichte einer Reise, einer ­Suche und vielleicht einer Rettung. Und wenns nicht zu zynisch klänge, möchte man behaupten, all die Schikanen zu Hause hätten Panahi erst recht kreativ gemacht: Origineller und subversiver als er dringt keiner vor zum Herzen iranischer Skurrilitäten und Finsternisse.

Wahrheit oder Montage?

Er hat dafür wieder das Auto genommen. Eine wunderbar filmische Erfindung, so ein Wagen. Er erlaubt den Blick auf das und, wenn nötig, die Flucht vor dem Theater der Realitäten. Man kann Wirklichkeiten zu- und wieder aussteigen lassen oder durchs Fenster mit ihnen konversieren. Das Auto ist dann Bühne psychologischer Dramolette, liebenswürdiger und lebensgefährlicher, sie summieren sich zur Tragikomödie einer Zivilisation. Der Begriff «Erfahrung» gewinnt an Buchstäblichkeit, und manchmal weiss man nicht, wo Welt endet und Kino beginnt. Ohne Auto wär es ausserdem in «Three Faces» gar nicht gegangen, denn ins aserbeidschanische Bergland, wo das spielt, ist es weit.

Zu Beginn erreicht eine Videobotschaft den Regisseur Panahi: Sie ist bestimmt für Behnaz ­Jafari, einen (realen) Star unter den Schauspielerinnen des Iran. Wies aussieht – Wahrheit oder Montage? –, erhängt sich in dem kurzen Film eine junge Frau, weil sie auch Schauspielerin werden wollte und es nicht durfte. Erschüttert und zweifelnd machen sich Schauspielerin Behnaz Ja­fari und Regisseur Jafar Panahi nun auf die Suche nach einer mutmasslich Toten und fahren in den nordöstlichen Karst.

Mit beharrlicher Präzision

Eine höfliche Welt ist das dort, die aber tobsüchtig werden kann bei der Verteidigung ihrer archaischen Verstocktheiten. Eine Welt, in der junge Frauen Virtuosinnen des Scheins werden müssen, um in die Moderne zu gelangen. Eine Welt, in der alte Frauen ein paar Stunden in ihren selbst gegrabenen Gräbern Probe liegen, um sicher zu sein, dass sies gemütlich haben, wenn einmal ihre letzte Stunde kommt. Man hat natürlich Fernsehen in dieser Welt und liebt die Schauspielerinnen, nur die Schauspielerei selber hält man für töchter­verderbendes Blendwerk.

Man spürt das Beste, was Kino zu bieten hat: Glaubwürdigkeit. Nicht alles, was da in «Three ­Faces» durch eine Gegenwart geistert, lebender Aberglaube, nostalgische Anspielung, wird einem vertraut. Es ist auch nicht nötig. Weil die Genauigkeit bei der Realitätsherstellung offensichtlich ist. Die logische, geduldige Simulation von kunstlos erfahrener Wirklichkeit.

Das ist ja, immer wieder, das Grossartige und Zärtlich-Menschliche; und es ist – wenn wir uns ins ordnungspolitische Denken eines iranischen Zensors versetzen – vielleicht auch das Gefährliche an den Filmen des Jafar Panahi, der nicht tut, was man ihm sagt: eine freundliche, beharrliche Präzision im Umgang mit seinem Land und seinen Landsleuten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 27.12.2018, 18:12 Uhr

Artikel zum Thema

Zurück in Teheran

Filmnation Iran Nach einem Paris-Abstecher inszenierte der Oscargewinner Asghar Farhadi das Sozialdrama «The Salesman» in der Heimat. Mehr...

Flucht nach Teheran

Ein junges Paar vom Land sucht in der Grossstadt nach ein bisschen Freiheit. Der Film «Malaria » erzählt ihre Geschichte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 Stylingideen für das Bad

Tingler Schöne Grüsse

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...