Einer der rätselhaftesten Filme des Kinojahres

In «The Lighthouse» hüten Robert Pattinson und Willem Dafoe einen Leuchtturm und reden über Fürze und Möwen.

Pfeife und Phallus: Der Leuchtturmwärter (Willem Dafoe, links) und sein Lehrling (Robert Pattinson). Foto: PD

Pfeife und Phallus: Der Leuchtturmwärter (Willem Dafoe, links) und sein Lehrling (Robert Pattinson). Foto: PD

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Das schlimmste am Leuchtturmwärter, findet der Leuchtturmwärtergehilfe, sind seine Blähungen. Eine unheilige Kombination aus Zwiebeln und Plumpsklo, wenn man den Geruch des Flatulenzdramas in Worte fassen müsste.

Aber auch sonst kann der Gehilfe (Robert Pattinson) nicht viel Gutes über seinen Meister sagen. Der Alte (Willem Dafoe) lässt ihn das kleine Wärterhäuschen und die Stufen des Leuchtturms schrubben bis ihm die Hände bluten. Beim Essen, wenn der Leuchtturmwärter mal wieder zu viel billigen Schnaps getrunken hat, um den salzigen Trockenfisch hinunterzuwürgen, den er Abend für Abend zu einer ungeniessbaren Pampe aufkocht, beschimpft er ihn wüst und erzählt das irrste Seemannsgarn. Zum Beispiel über die Seelen der toten Seeleute, die angeblich in den aggressiven Möwen weiterleben, die kreischend um den Leuchtturm kreisen.

Egal, ob der Gehilfe gerade die Vorräte im Schuppen überprüft, mit der Schubkarre den Unrat beseitigt oder sich raus zum Plumpsklo schleicht: Immer steht der Wärter wie ein zerknautschter Kobold hoch oben auf der Brüstung seines Turms und starrt ihm argwöhnisch hinterher. Und nie, wirklich nie, lässt er den Jüngeren mit hinauf ins Heiligste des Leuchtturms, wo er Nacht für Nacht allein über das Licht wacht. So hat es ihm der Alte mit seinem fauligen Atem schon bei ihrer Ankunft entgegengekrächzt: «Das Licht gehört mir».

Quadratisches Bildformat hält Publikum gefangen

Die Horrorgroteske «The Lighthouse» von Robert Eggers ist einer der merkwürdigsten und rätselhaftesten Filme dieses Kinojahres. Der Regisseur erzählt darin von einem jungen und einem alten Mann, die um das Jahr 1890 irgendwo vor der nebligen Küste Neuenglands Dienst auf einer kleinen Insel schieben müssen. Wobei die Beschreibung Insel eigentlich ein Euphemismus ist, es handelt sich mehr um einen besonders grossen und hässlichen Felsen. Die Männer haben sich zuvor noch nie gesehen, wurden nur für diese Aufgabe zusammengewürfelt, für vier Wochen den Turm zu hüten und, noch wichtiger, wie der Alte sagt, dabei nicht verrückt zu werden.

Denn es ist grau und kalt auf der Insel, das Wetter rau. Der Soundtrack dieses Eremitenlebens besteht aus den Wellen, die sich hart am Felsen brechen, dem Kreischen der Möwen und dem dumpfen Heulen der Nebelhörner irgendwo draussen im Nebel. Nie scheint die Sonne durch die dichte Wolkendecke, die eng über dem Felsen hängt. Das ganze Szenario sieht aus wie die Albtraumversion von Edward Hoppers «Lighthouse», ein Bild, das in der gleichen Gegend entstand, in der dieser Film spielt, hoch oben im Nordosten der USA.

Basis für die Filmausstattung boten etwa historische Logbücher. Foto: Keystone

Aus allegorischer Perspektive ist die Geschichte natürlich eine recht unterkomplexe Angelegenheit, für die es keiner professionellen Psychoanalyse bedarf. Zwei Männer werden abgeschieden von der Welt zusammengesperrt, der Ältere beansprucht das Vorrecht über den Leuchtturm-Phallus, der dort gross in den Himmel ragt, der Jüngere will seine Potenz beweisen und es ihm streitig machen. Es ist natürlich nur eine Frage der Zeit, bis die beiden sich an die Gurgel gehen. Aber gute Märchen beruhen ja meist auf einer simplen Geschichte und erlangen erst durch die Erzählform ihre eigentliche Grösse.

Ein Film im Verhältnis 1.19:1

Der «The Lighthouse»-Regisseur Robert Eggers, der das Drehbuch gemeinsam mit seinem Bruder Max geschrieben hat, gilt seit seinem Experimentalhorrorfilm «The Witch» von 2015 als einer der spannendsten amerikanischen Jungregisseure. Sein Langfilmdebüt hatte er gut zweieinhalb Jahrhunderte vor dem «Lighthouse» angesiedelt, aber auch in der kühlen und stets etwas unheimlichen Herbstlandschaft Neuenglands. Eine Siedlerfamilie, die mit der «Mayflower» in die Neue Welt gekommen ist, wird darin von einer Waldhexe in den Wahnsinn getrieben.

Eggers liebt es, seine Fantasy-Storys mit viel Recherche und historischer Akkuratesse zu erzählen. Alle Dialoge für «The Witch» hatte er aus Zeitdokumenten zusammengetragen, die frühbäuerlichen Gewänder und landwirtschaftlichen Geräte genauestens rekonstruiert. Der Film sollte nicht aussehen, als sei er heute entstanden, sondern als stamme er direkt aus dem Jahr 1630.

Diesen Ansatz verfolgt er auch in «The Lighthouse» weiter, diesmal mit noch mehr formaler und ästhetischer Strenge. Die Kostüme und die Ausstattung wurden bis zum dunkelgrauen Fischpampf, den die beiden Wärter abends in sich hineinlöffeln, auf der Basis historischer Logbücher und Leuchtturmwärterleitfäden der Jahrhundertwende entworfen.

Haben im Film ein eher belastetes Verhältnis: Willem Dafoe (Wärter) und Robert Pattinson (Gehilfe). Foto: Keystone

Um die klaustrophobische Enge, in der die beiden Leuchtturmwärter in körperlicher Askese zusammengesperrt sind, auf die Zuschauer zu übertragen, weicht der Regisseur zudem bei der Bildgestaltung von allen Kinokonventionen der Gegenwart ab. Eggers und sein Kameramann Jarin Blaschke, der auch schon «The Witch» fotografierte, haben sich gegen das gängige Breitbildformat entschieden, in dem heute die meisten Blockbuster ihre bunten Panoramawelten präsentieren. Stattdessen haben sie ihren Film im Verhältnis 1.19:1 gedreht, einem fast quadratischen Bildformat, wie es in der Zeit des Übergangs vom Stumm- zum Tonfilm in den späten Zwanziger- und frühen Dreissigerjahren verwendet wurde.

Diese Verengung des Ausschnitts stellte die Filmemacher vor diverse logistische Probleme, weil schon allein eine Aufnahme der beiden Leuchtturmwärter am Abendbrottisch gar nicht so leicht komplett ins Bild zu bekommen war – es musste ein extra kleiner Tisch angefertigt werden, damit beide Männer im Bild zu sehen sind. Die Technik sorgt aber dafür, dass man als Zuschauer die ganze Zeit das Gefühl hat, in einem Gefängnis zu sitzen – wie die beiden Protagonisten auch. Kameramann Blaschke hat sogar ein paar originale Kameralinsen aus den Dreissigerjahren aufgetrieben, die beim Dreh teilweise zum Einsatz kamen. Zudem ist der Film in Schwarzweiss gedreht, wobei Eggers und Blaschke nicht das edle, kontrastreiche Schwarzweiss der goldenen Hollywood-Ära verwenden, sondern mehr das grobkörnige Grau in Grau der B-Pictures und billigen Films noirs.

Töte niemals eine Möwe

Diese Elemente sorgen in ihrem Zusammenspiel für eine apokalyptische Grundstimmung, durch die man eigentlich schon ab der ersten Filmminute erkennen kann, dass diese beiden Männer nicht mehr von ihrer Insel herunterkommen werden und das Historiendrama bald ein Horrorfilm wird. Als nach den geplanten vier Wochen der Kutter mit der Ablöse kommen soll, tobt ein nicht enden wollender Sturm um die kleine Felseninsel, und die zwei sind endgültig von der Aussenwelt abgeschnitten – falls es überhaupt noch eine Aussenwelt gibt. Denn vielleicht ist diese Insel, über der die Möwen schwirren wie die Geier, auch eine Art Vorort zur Hölle.

Töte niemals eine Möwe, befiehlt der Leuchtturmwärter seinem Gehilfen zu Beginn, das bringt Unglück. Aber in einem Moment der Wut, über all die Fürze und Befehle und Weisheiten des Alten, schnappt der Junge sich ein besonders unheimliches, einäugiges Exemplar und schlägt es gegen einen Stein, bis nur noch ein Vogelmatsch aus Federn und Blut übrig ist.

Nach diesem Möwenmord, den der Alte wirsch an seiner Pfeife nuckelnd vom Leuchtturm aus beobachtet, zerbricht das ohnehin wackelige Hierarchiekonstrukt zwischen den beiden Männern. Und als dann auch noch eine recht attraktive Meerjungfrau barbusig an Land gespült wird, kommt die Axt hinterm Holzschuppen zu ihrem grossen Auftritt.

Aktuell in Schweizer Kinos.

Erstellt: 06.12.2019, 07:36 Uhr

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