«Eines Nachts war klar: Es wird ein Schweizer Gangsterfilm»

Ein Mord und eine grosse Schiesserei: Die Geschichte des ersten Schweizer Gangsterduos wird verfilmt. Das Zürich der 50er-Jahre fordert Jungregisseur Dennis Ledergerber heraus.

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«Schiess!», ruft Ernst Deubelbeiss seinem Gangsterkollegen zu. Kurt Schürmann steht mit gezückter Waffe da. Vor ihm Bankier Armin Bannwart, zitternd im Auto sitzend. Mehrere Stunden haben die beiden vor seinem Haus in Zollikon auf ihn gewartet, um ihm die Tresorschlüssel abzunehmen. Auf diesen Moment haben sie sich wochenlang vorbereitet. Ihr Plan: die Bank Winterstein in Zürich überfallen und so an das ganz grosse Geld kommen.

«Ich mache, was ihr wollt», sagt Bannwart. Die Schwerverbrecher steigen zu ihm ins Auto und fahren Richtung Talacker 24. Erst wenige Stunden zuvor hatte der 50-Jährige hier in der Bank Winterstein die Lichter gelöscht. Die Schlüssel zum Tresor übergab er seinem Arbeitskollegen. Diesen soll Bannwart nun anrufen, um sie zu besorgen. Der Banker wundert sich über den Anruf und schlägt Alarm. Als das Polizeiauto um die Ecke biegt, machen sich Deubelbeiss und Schürmann mit ihrem Opfer aus dem Staub. Mit einem Schuss ins Genick besiegeln sie den misslungenen Bankraubversuch – und beenden das Leben von Armin Bannwart.

Was wie eine Szene aus der Krimiserie «Tatort» klingt, ist wirklich passiert – am 4. Dezember 1951 mitten in Zürich. Der Abend stand am Anfang der Ära Deubelbeiss/Schürmann, an die wohl viele alte Menschen mit Angst und Schrecken zurückdenken. Wenige Wochen nach dem Mord am Bankprokuristen versuchten die Gangster erneut ihr Glück: Am 25. Januar 1952 kam es vor der Post im aargauischen Reinach zur grössten Schiesserei der Schweizer Kriminalgeschichte. (Lesen Sie hier die ganze Story)

Die Geschichte über das Zürcher Gangsterduo wird nun verfilmt. Regisseur Dennis Ledergerber und Autor Stefan Millius arbeiten am Drehbuch. Am Talacker 24 – wo heute eine andere Bank ihren Sitz hat – spricht der St. Galler Jungregisseur über das Zürich in den 50ern, zwei Gangster und seinen Film.

Seit Wochen befassen Sie sich mit einer Geschichte, die sich vor über 60 Jahren hier zugetragen hat. Wie ist es, am Talacker 24 zu sein?
Spannend, es ist quasi der erste Ort des Geschehens, den ich besuche. Damals sah es hier laut meinen Recherchen noch ganz anders aus.

Ein Ostschweizer verfilmt ein Stück Zürcher Geschichte. Wie kommt es dazu?
Das hat wohl eher mit der Geschichte als mit Zürich zu tun. Krimis haben mich schon immer fasziniert. Schweizer Autoren beherrschen das Genre sehr gut, wie Friedrich Glauser oder Friedrich Dürrenmatt zeigen. Seit meinem Film «Himmelfahrtskommando» (lief im März 2013 in den Schweizer Kinos) war ich lange auf der Suche nach neuem Stoff. Eines Nachts war für mich klar: Ich möchte einen Gangsterfilm in der Schweiz machen. Im Netz bin ich schliesslich auf den Fall Deubelbeiss/Schürmann sowie das Buch von Willi Wottreng gestossen. Da hatte ich meinen Film gefunden. Was gibt es Besseres? Ich will einen Gangsterfilm machen. Und da treffe ich auf zwei Typen, die unbedingt Gangster sein wollen.

Die beiden wollten Gangster sein?
Vieles aus den Akten deutet darauf hin, ja. Ihre grossen Vorbilder waren offenbar die Gangster aus Chicago. Die beiden haben zum Beispiel mit VW fahren geübt, sie hatten ja keinen Führerschein. Für den Überfall auf die Post in Reinach legten sie sich aber einen Cadillac zu. Und sie klauten schwarze lange Mäntel und sägten ihre Maschinengewehre ab, damit sie darunter Platz hatten.

Woher kennen Sie all diese Details?
Der Journalist Willi Wottreng hat mit seiner Dokumentation «Deubelbeiss & Co.» einiges an Vorarbeit geleistet. Viele Informationen habe ich aber auch aus verschiedenen Archiven und Bibliotheken in St. Gallen, Zürich und Bern.

Sie haben sich mit Wottreng getroffen. Wie arbeiten Sie zusammen?
Er hat sich bereits beim ersten Treffen für eine klare Arbeitstrennung ausgesprochen. Er Wissenschaftler, wir Künstler. Er kennt die Fakten zum Fall, wir interpretieren sie. Hätte Wottreng das Buch nicht geschrieben, könnten wir den Film nicht so wahrheitsgetreu umsetzen. Er ist der letzte Journalist, der noch mit beiden Ganoven sprechen konnte.

Gibt es noch weitere Zeitzeugen, die Ihnen bei der Recherche helfen?
Christian Winterstein, der Neffe des Besitzers der Bank Winterstein. Er lebt im Baselbiet, ist etwa 75-jährig und war auch Banker. Vor einigen Jahren wollte er eine Familienchronik schreiben. Dabei hat er viele Informationen über den Fall Deubelbeiss/Schürmann gesammelt und ist sogar an die Tatorte gefahren. Das Treffen mit ihm war sehr hilfreich.

Welche Informationen konnte er Ihnen geben?
Wenige Tage nach dem Mord an Bannwart hat die Bank Winterstein übers Radio ein Kopfgeld von 10'000 Franken ausgeschrieben. So etwas gab es in der Schweiz zuvor noch nie. Tausende Menschen haben sich gemeldet, weil sie was gesehen haben wollten. Die Polizei hat darauf ein Büro Bannwart eingerichtet.

Sie planen einen Spielfilm. Wie viel Fiktion und wie viel Wahrheit wird er enthalten?
Ich respektiere die Geschichte der beiden Ganoven. Deshalb möchte ich den wahren Ereignissen, so gut es geht, treu bleiben. Aber eine künstlerische Interpretation lässt sich nicht umgehen. Einige Details lasse ich weg, andere gewichte ich stärker. Ich bin überzeugt, am Ende sind die Szenen, über die man am meisten den Kopf schüttelt, diejenigen, die stimmen. Der Fall Deubelbeiss und Schürmann birgt viel Humor.

Der Film spielt im Zürich der 50er-Jahre. Wie wollen Sie das umsetzen?
Ich plane keinen Schwarzweissfilm mit flackernden Bildern, wenn Sie das meinen. Aber inhaltlich gehen wir sicher darauf ein. Ein Punkt ist die Sprache. Welche Wörter benutzte man früher? Auch die Gesellschaftsnormen waren andere. Haben sich die Leute damals zum Beispiel den Stinkefinger gezeigt? Solche Fragen muss ich mir stellen. Zudem wichtig: die Kleidung. Das nehme ich sehr ernst. Ich bin bereit, den Fehlerlisten, die es nach manchen Filmen gibt, so gut es geht, die Stirn zu bieten.

Im nächsten Winter soll gedreht werden. In Zürich?
Das steht noch nicht fest. Wenn ich mich hier umsehe, ist der Talacker 24 als Drehort eher ungeeignet. Der Aufwand wäre immens. Die Strasse müsste gesperrt werden, wir müssten Autos umparkieren und viele Schilder abschrauben. Die Post in Reinach, wo es zur grossen Schiesserei kommt, eignet sich da schon eher. Im Vordergrund steht jetzt für mich aber die Arbeit am Drehbuch.

Sie sind 27 Jahre alt. Wie wollen Sie wissen, wie es in den 50ern war?
Das ist eine grosse Herausforderung. Seit zwei Monaten schaue ich jeden Tag einen Film, der in dieser Zeit spielt oder in dieser Zeit gemacht wurde. Ich versuche, die 50er-Jahre einzusaugen. Zudem lese ich viel darüber.

Andrea Zogg, Beat Schlatter, Walter Andreas Müller: Sie alle spielten im Film «Himmelfahrtskommando» mit. Sind sie bei diesem Projekt wieder dabei?
Das weiss ich noch nicht. Aber ich freue mich sehr darauf, die Rollen zu besetzen. Im Vordergrund stehen für mich die beiden Hauptdarsteller. Sie waren damals 27 und 30 Jahre alt, daran möchte ich mich halten. Die zwei müssen perfekt harmonieren. Es spielt keine Rolle, ob man die Gesichter kennt oder nicht. Ich denke, wir werden ein grosses Casting machen. Einen Entwurf des Projekts habe ich übrigens an Andrea Zogg geschickt. Er meinte, er wolle den Kommissar spielen.

Der Kinostart ist 2016 geplant. Wie sieht Ihre Traumpremiere aus?
An diesem Tag steht die Crew im Vordergrund. Einen Film zu machen, schweisst extrem zusammen. Ich freue mich auf eine gute Party. Bei der Premiere von «Himmelfahrtskommando» haben wir den Fehler gemacht, kurz vor Filmbeginn Bier zu verteilen. Da mussten alle während der Vorstellung auf die Toilette.

Und was kommt nach «Deubelbeiss und Schürmann»?
Der nächste Film. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2014, 07:04 Uhr

Dennis Ledergerber

Filmemacher, Krimifan, Ausnahmetalent

«Deubelbeiss und Schürmann» ist der dritte Film von Dennis Ledergerber. Nach «ZuFallBringen» (2008) lief die schwarze Komödie «Himmelfahrtskommando» im März 2013 in den Schweizer Kinos. Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Buch des Appenzeller Autors Stefan Millius. Seine Projekte realisiert Ledergerber über seine Firma Visual Arts GmbH. Finanziert wurden sie bisher über Fundraising. Der 27-Jährige ist in Rorschacherberg SG aufgewachsen und wohnt seit kurzem mit seiner Freundin in St. Gallen. (wid)

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ZuFallBringen (2008)

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