Einfälle wie kleine Ungeheuer

In «The Square» spiesst Ruben Östlund die liberale Gesellschaft auf. Der schwedische Regisseur hat damit zwar die Goldene Palme von Cannes gewonnen, sieht sich aber scharfer Kritik ausgesetzt.

Verweist gerne auf soziologische Studien, die ihn faszinieren: Regisseur Ruben Östlund. Foto: Sabina Bobst

Verweist gerne auf soziologische Studien, die ihn faszinieren: Regisseur Ruben Östlund. Foto: Sabina Bobst

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Einem Mann wird das Handy gestohlen. Das ist es eigentlich schon, worum es in «The Square» geht, dem neuen Film des Schweden Ruben Östlund. Man kann die Szene noch ein wenig ausschmücken. Der Mann heisst Christian, er ist Chefkurator in einem Kunstmuseum in Stockholm und einer jener gut aussehenden Typen, dem man die rote Brille und den unbekümmert umgeworfenen Schal ohne weiteres durchgehen lässt.

Die Art, wie der Diebstahl abläuft, ist ein bisschen unüblich. Christian überquert im Pendlergedränge einen Platz, als eine Frau von fern um Hilfe ruft. Irgendwann werden ihre Schreie lauter, rennt sie auf Christian und einen anderen Passanten zu und fleht um Schutz vor einem Angreifer, der sie angeblich umbringen will. Kurz darauf taucht auch dieser auf, und noch schneller, als sie erschienen sind, verschwinden die Trickdiebe wieder. Zurück bleibt ein Mann mit Herzrasen, aber es fehlen ihm ein Handy und ein Portemonnaie.

Offizieller Trailer zum Film «The Square». Video: Vimeo/xenixfilm

In «The Square» geht es um nicht viel mehr als das, weil Ruben Östlund alles in diese Szene packt, was er in der Folge auf zusehends beunruhigende Art immer wieder variieren wird: Verlust von Besitz und Privilegien, zerrüttetes soziales Vertrauen, irritierende Brüche im Alltag, äffische Adrenalinimpulse, Verschärfungen der Gruppendynamik. Dazu die Gewichte der Macht, die sich verschieben, die aufputschende Wirkung, die sich einstellt, wenn man jemandem helfen kann, und die Scham, die sich in einem breitmacht, wenn man merkt: Es gibt sehr viele Menschen, die nicht am Reichtum der Welt teilhaben.

Filmische Installationskunst

Ruben Östlund macht so gesehen filmische Installationskunst. Der Schwede baut ein Gerüst aus Konzepten über unser Zusammenleben und klopft daraus die komödiantischen Situationen, die sich wiederum auf unvorhergesehene Art entwickeln. Es passt dazu, dass «The Square» in der Kunstsphäre spielt. Am Festival in Cannes, wo der Film dieses Jahr die Goldene Palme gewann, galt er als Kunstbetriebssatire, aber seine satirischen Absichten sind gar nicht so ausgeprägt. Dass er die Museen Europas besuchen ging, habe zu seiner Recherche gehört, erzählt der redelustige 43-Jährige im Gespräch am Zurich Film Festival. «Die haben nun mal alle mehr oder weniger dieselbe Art von Sammlung. Sie haben alle einen Warhol, sie haben alle einen Giacometti, an der Wand hängt immer eine zu einem Satz geformte Leuchtschrift, und am Boden liegen garantiert ein paar Kieshaufen.»

Zusätzlicher Trailier zum Film «The Square». Video: Vimeo/xenixfilm

Östlund grinst, die Kieshaufen und die Neonröhre kommen nämlich auch in «The Square» vor. So wie der unverständliche Kunstkatalogsatz über die Nichtausstellung, den die Journalistin Anne zu Beginn Christian an den Kopf wirft. Östlund hat ihn von einem befreundeten Kunstprofessor an der Universität in Göteborg übernommen, wo er selbst als Filmdozent unterrichtet.Als Kurator hat Christian (smart gespielt vom Dänen Claes Bang) wohl den Job, der unsere Zeit des Überflusses am reinsten ausdrückt. Er schwimmt im Diskurs, verknüpft Talente, dirigiert den Geschmack. Aber was tut so einer jetzt ohne iPhone?

Ein Bürokollege bringt ihn auf die Idee, das Telefon zu tracken. Sie machen es in einem Sozialbau im verrufenen Teil von Stockholm ausfindig. Nur: Welche Wohnung? Sein Kollege stachelt Christian an, einen Drohbrief zu schreiben und ihn in die Briefkästen zu stopfen. Wir wissen, wo du wohnst, gib mir meine Sachen zurück, so in die Richtung. Die beiden fahren hin und hören dazu die Band Justice, Östlund scheut sich da nicht vor plakativen Motiven. Christian fährt auch einen benzinlosen Tesla, woran man schon sieht: Da kann es sich einer leisten, die Probleme des moralischen Verhaltens in seinen Konsum auszulagern. Andere können sich das weniger gut leisten, und sie beissen Christian jetzt alle in den Hintern.

Sein Kollege stachelt Christian an, einen Drohbrief zu schreiben und diesen in die Briefkästen zu stopfen.

Denn jetzt beginnt das Installationskunstwerk «The Square», sich um die eigenen Ideenachsen zu drehen, bis die Welt des Kurators stark zu schwanken beginnt. Ein Junge aus dem Sozialbau klagt ihn an, er habe ihn bei seinen Eltern ohne Grund zum Räuber gestempelt, weshalb er eine Entschuldigung verlangt. In einem 7-Eleven, jenem Ort, den Christian als Übergabeort für sein Handy bestimmt hat, sitzt in der Ecke eine Bettlerin, die nicht irgendetwas essen möchte, sondern eine Chicken-Ciabatta, ein Wunsch, der Christians Solidarität deutlich überfordert. Gleichzeitig eröffnet er im Museum bald eine Ausstellung, die sich um einen tatsächlichen «square» dreht: ein in den Boden eingelassenes Quadrat, innerhalb dessen Grenzen ein sozialer Vertrag eingehalten werden soll mit gleichen Rechten und Pflichten für alle. Es ist eine symbolische Erinnerung ans Gemeinwesen und den Auftrag, den Schwachen zu helfen. Aber wie bewirbt man das jetzt auf sexy Art? Das Museum heuert zwei Werbeschaumschläger an, deren Video geht dann auch viral. Mit Uneigennützigkeit hat es nicht mehr viel zu schaffen.

Falltüren der Heuchelei

Einiges, was in «The Square» geschieht, hat Östlund aus Gesprächen mit Freunden oder der Ex-Frau geklaut. Das Kunstwerk «The Square» gibt es wirklich, er hat es mit einem Produzentenfreund auf einen Platz in Värnamo gebaut. Aber viele Einfälle sind typisch Östlund, sie scheinen sich wie kleine Ungeheuer aus sich selbst heraus zu verformen. Etwa der Strang mit der Journalistin Anne (Elisabeth Moss, die ist wie immer grossartig eigensinnig), mit der Christian irgendwann ins Bett steigt. Aus deren Vorwürfen muss er sich dann auch wieder herausmanövrieren; sie drehen sich um die Frage, ob man einer Person trauen kann, mit der man gerade geschlafen hat. Östlund stellt den konfusen Mann von heute und seine Machtpositionen auf die Probe, denn Christian schleicht andauernd um die Falltüren seiner hoch entwickelten Heuchelei. Einige Male fällt er runter, und gegen Ende wühlt er im Müll.

Ruben Östlund stellt den konfusen Mann von heute und seine Machtpositionen auf die Probe.

Da hat Östlund dann das Bild für seine Hauptfigur, auf das er als Wohlstandszertrümmerer zugesteuert ist. Dass es genauso zugespitzt wirkt, genau gleich bemüht um Schockeffekte wie der Clip der Museumswerber: geschenkt! Denn wieso sollte Ruben Östlund nicht exakt dieselben Methoden verwenden, die er über die fast zweieinhalb Stunden seiner Komödie zerpflückt? Das ist vielleicht der irrwitzigste Gag von «The Square». An Christian blättert die Zivilisationsschicht ab, und Ruben Östlund treibt es so weit, dass es uns schaudert.

Was da zusammenfindet, ist der Blick fürs Ganze der Ungleichheit und ein Witz, der ätzend wird, weil der Spass irgendwann doch aufhört. Es ist, als würde Östlund Karl Marx und den US-Komiker Larry David verzwirbeln. Er legt eine Gesellschaft bloss, in der Verantwortung nicht mehr kollektiv organisiert wird, sondern reduziert ist auf individuelle Sorgen. In der Männer, wenn sie Kraft und Erregung spüren, sich sogleich davor fürchten, und sehr träge werden, wenn es darum geht, etwas zuzugeben – so wie beim Familienvater in Östlunds Spielfilm «Turist», der in den Skiferien vor einer drohenden Lawine davonrannte.

Er zielt in aller formaler Präzision auf die wunden Punkte einer westlichen Ordnung, wo man, wenn es um benachteiligte Menschen geht, sofort Analysen über die Sozialstruktur zur Hand hat, die eigenen Ideale aber längst hat verkümmern lassen zum schönen Kunstwerk für Vernissagengäste. Humanismus ist sicher eine hübsche Idee, aber vor allem muss man sie mit aller Aggressivität bewerben. «Marx wäre ja niemals dafür gewesen, Bettler oder Diebe auf sentimentale Art darzustellen», sagt Östlund, der immer wieder auf soziologische Studien verweist, die ihn faszinieren. «Ihr Verhalten gründet darauf, dass ihnen Bildung und materielle Mittel fehlen, sie haben also keine Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzunehmen. Die typische Sicht der oberen Mittelschicht darauf ist aber: Arme sind solidarischer als wir, weil wir selber in einer materialistischen Welt leben, in der wir nie glücklich werden können. Nur ist das Bullshit.»

Vorwurf des Reaktionären

In Realität ist es eher so, wie Östlund es in seinem Film «Play» (2011) darstellte, der ihm international den Durchbruch brachte und noch viel mehr Missverständnisse eintrug. Er stützt sich auf Polizeiprotokolle um Vorfälle zwischen Kindern in Göteborg: Schwarze Migrantenkids hatten blonde Schwedenjungen schikaniert, ohne dass diese je zurückgebissen hätten. Östlund liess die Cla­shes in statischen Einstellungen nachspielen, am Ende klebte an ihm der Vorwurf, er schaue mit rassistischem Blick auf die Taten. «Der Film sollte ja auch polarisieren. Und es freut mich heute fast, wenn ich höre, dass ein Film von mir als rechts eingestuft wird», sagt er etwas kokett. «Gut, es gab ein paar Rechte, denen ‹Play› gefallen hat.»

Der Vorwurf des Reaktionären wurde auch anlässlich von «The Square» wieder laut. Östlund weiss wenig damit anzufangen. Weil er spottet über die Kunst und die Eskalationsstufen der sozialen Medien? Oder weil er, indem er uns mit Fragen konfrontiert, genug offenlässt, dass es manchen dann doch nicht klar genug ist? «In Göteborg entstand 2008 die erste Gated Community. Das ist eine sehr aggressive Art zu sagen: Innerhalb dieser Grenzen tragen wir die Verantwortung, jenseits davon lauert Gefahr. In anderen Teilen der Stadt bildete sich eine Gruppe, die sich als die ‹Mafia› bezeichnete. Auch das sind Leute, die finden, sie könnten nach eigenen Codes leben.» Beide Entwicklungen deuteten darauf hin, dass wir unser Vertrauen in ein gemeinsames Projekt verloren haben.

Es ist die unsatirische Idee vom Platz des politischen Verbunds, in dessen Grenzen wir uns stellen, um zusammen über uns hinauszuwachsen. Stattdessen gehen wir auf Plätzen aneinander vorbei, auf dem Weg ins Büro, und hören fast nicht, wenn jemand um Hilfe ruft.

In Zürich ab heute im Lunchkino; ab 26. 10. in den Kinos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2017, 18:50 Uhr

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