«Einige Szenen waren so traurig, dass wir selbst weinen mussten»

Ferdinand Melgar hat acht Monate in einem Ausschaffungsgefängnis gefilmt. Entstanden ist «Vol spécial»: ein feinfühliger Dokumentarfilm über die Unmenschlichkeit von Zwangsabschiebungen.

«Heute ist der Tag ihres Abflugs»: Trailer zu Fernand Melgars Dokumentarfilm «Vol spécial».


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Fernand Melgar, in Ihrem Film gibt es herzzerreissend traurige Szenen. Waren die Dreharbeiten auch für Sie als Filmemacher aufwühlend?
Ja. Wir haben grosses Mitgefühl für die Menschen in Abschiebehaft empfunden. Einige Momente waren so traurig, dass wir selbst weinen mussten. Gleichzeitig war da diese grosse Empörung über die Ungerechtigkeit, die den Ausschaffungshäftlingen widerfährt.

Welche Beziehung hatten Sie zu den Gefängnisinsassen?
Die Filmequipe war während acht Monaten beinahe täglich im Ausschaffungsgefängnis Frambois präsent. Da entwickelt man eine grosse Nähe – obwohl klar war, dass wir jederzeit aus dem Gefängnis heraus konnten, im Gegensatz zu den Häftlingen. Viele von ihnen betrachteten uns zudem als Draht zur Aussenwelt: Die Menschen hatten nichts mehr zu verlieren und waren froh, uns als Zeugen dabei zu haben und von uns gefilmt zu werden, damit ihre Geschichte gehört wird.

Haben die Ausschaffungshäftlinge Ihnen vertraut?
Ja, absolut. Denn wir gehörten mit der Zeit quasi zum Inventar des Gefängnisses. Wir kamen jeden Morgen, und gingen jeden Abend. Einige der Menschen kannten das Gefängnis gar nicht ohne uns. Und ausserdem: Als Dokumentarfilmer mache ich keine Filme gegen die Menschen, die ich filme, sondern mit ihnen. So konnten die Häftlinge die gefilmten Sequenzen auch ansehen, und es gab einen schriftlichen Vertrag, gemäss dem sie jederzeit das Recht hatten, dass ihre Bilder im Film nicht verwendet werden.

Wer sind denn die Menschen, die sie im Ausschaffungsgefängnis gefilmt haben?
Das ist ein zentraler Punkt, den man nicht oft genug betonen kann. Es sind keine Kriminellen, sondern Asylsuchende oder schlicht und einfach Leute, die keine Papiere besitzen. Durch das Bundesgesetz über Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht ist es möglich, diese Menschen bis zu zwei Jahre lang festzuhalten – ohne dass die betroffenen Personen wirklich verstehen, wie ihnen geschieht. Erinnern Sie sich an Monsieur Pitchou, den Nigerianer, der im Film freigelassen wird? Niemand hat bis heute verstanden, warum die Behörden ihm am Vorabend seiner vorgesehenen Ausschaffung plötzlich das Aufenthaltsrecht gewähren.

Ist «Vol spécial» ein kritischer Film?
Wir sind nicht mit der Intention, Gesetze oder Behörden zu kritisieren, ans Filmen gegangen. Wenn die Zuschauer durch den Film schockiert sind, so liegt das in diesem Sinn weniger an uns, sondern an den Tatsachen selbst. Unser Ansatz ist, diese Tatsachen zu dokumentieren und zu zeigen, was sich im Innern von Ausschaffungsgefängnissen abspielt. Das Schicksal der Menschen in diesen Gefängnissen hängt von einer administrativen Maschinerie ab – doch den Entscheidungsträgern in dieser Maschinerie ist die Situation in der Praxis, sind die menschlichen Dramen im Ausschaffungsgefängnis gänzlich unbekannt.

War es einfach, von dieser «Maschinerie» eine Drehgenehmigung zu erhalten?
Unser letzter Film, «La forteresse», handelt vom Asyldurchgangszentrum Vallorbe. Er wurde von vielen als objektive und unparteiische Auseinandersetzung mit dem Thema gesehen, und wird heute sogar auch als Schulungsfilm verwendet. Nachdem das das Bundesamt für Migration den Film gesehen hatte, hat es uns bald grünes Licht gegeben. Später hat man uns allerdings Steine in den Weg gelegt, als es darum ging, auch Ausschaffungsflüge zu filmen. Das BFM sagte, dass es gesetzlich verboten sei, Personen in entwürdigenden Situationen zu filmen. Eine haarsträubende Begründung: Eigentlich wäre es gerade umso wichtiger, solche Situationen zu dokumentieren. Auch «10 vor 10» hat auf Ausschaffungsflügen übrigens mit versteckter Kamera gefilmt.

Welche Rolle hat der Todesfall bei einem Ausschaffungsflug in Zürich Kloten im Film gespielt?
Der Todesfall ereignete sich am letzten Tag, an dem wir drehen wollten. Wir waren eigentlich schon am Aufbrechen, die Hälfte der Equipe war gar nicht da. Dann kam die Nachricht – und es folgten die bewegendsten Szenen, die wir in den acht Monaten erlebt hatten. Alle, auch Wärter und Gefängnisleitung, konnten nicht fassen, was sich da ereignet hatte.

Warum nicht?
Im Ausschaffungsgefängnis Frambois wird ein freundschaftliches Verhältnis zu gepflegt. Die Gefängnisleitung spricht viel mit den Häftlingen und zeigt Verständnis für ihr persönliches Schicksal. Zwar spricht man immer Klartext – doch den Häftlingen, die auf einen Ausschaffungsflug geschickt werden, sagt man: Alles wird gut laufen, wenn Du mitmachst. Dass die Zürcher Polizei die Menschen auf den Ausschaffungsflügen an einem Stuhl ankettet, so dass sie völlig bewegungsunfähig sind, und ihnen zudem Säcke über den Kopf zieht, hat Insassen wie auch Gefängnisleitung schockiert.

Nach „La forteresse“ und „Vol spécial“ müssen Sie sich in Fragen rund ums Thema Migration ziemlich gut auskennen. Haben Sie politische Forderungen?
Ich bin Filmemacher, kein Politiker. Wenn Simonetta Sommaruga oder Micheline Calmy-Rey den Film sehen werden, ist es an ihnen, etwas zu tun. A propos: Gemäss einem Gesetzesvorschlag von Frau Sommaruga soll es für Lehrer künftig Pflicht werden, Eltern ohne Papiere zu denunzieren. Wissen Sie, wann es solche Forderungen von Lehrern zum letzten Mal gab?

Sie wollen sagen, die Schweiz will Methoden des Dritten Reichs einführen?
Es läuft zunehmend in die falsche Richtung. Der politische Diskurs setzt heute Immigranten schwarzen Schafen, Ratten oder Krähen gleich. Was ich mit meinen Filmen zeigen will, ist, dass Asylsuchende oder Sans-Papiers auch Menschen sind: Sie sind in die Schweiz gekommen, um Schutz zu suchen, sie haben eine Familie, die ihnen am Herzen liegt. Und übrigens sind auch die Gefängniswärter in Frambois Menschen, die traurig sind, wenn einer der Insassen die Gruppe verlassen muss.

Wie geht es nun weiter mit Ihrem Filmschaffen?
Nach der Ferstigstellung von «Vol spécial» sind wir einigen der Personen, denen wir im Gefängnis begegnet sind, in die Länder gefolgt, wohin sie ausgeschafft wurden. Zu erzählen, was ihnen dort wiederfahren ist, ist unser nächstes Filmprojekt. Wir stellen es am Montag dem Schweizer Fernsehen vor. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2011, 09:05 Uhr

Fernand Melgar

(Bild: PD)

Fernand Melgar lebt und arbeitet in Lausanne. Bekannt wurde er mit Dokfilmen wie «Classe d’accueil» (1998) über die Integration von Migrantenkindern in der Schweiz, «Sturm im Wasserglas» (2002) über einen Familienvater, der Frauenkleider anzieht, sowie «J» (2003) über den Antisemitismus im 2. Weltkrieg in der Schweiz. 2005 realisierte Melgar «Exit, le droit de mourir» über Sterbehilfe in der Schweiz, der 2006 in Solothurn prämiert wurde. 2008 erhielt sein Dokfilm «Die Festung» (2008) den Pardo d'oro Cineasti del presente in Locarno – nebst vielen internationalen Auszeichnungen. «Vol spécial» wird heute am Filmfestival in Locarno uraufgeführt.

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