Einmal Softcore, bitte

Zwischenstand am Filmfestival Locarno: Trash ist ja lustig, aber richtig kitzeln liess man sich erst vom Erotikfilm «Wet Woman in the Wind» aus Japan.

Endlich Erlösung: Szene aus «Wet Woman in the Wind».

Endlich Erlösung: Szene aus «Wet Woman in the Wind». Bild: PD

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Locarno-Leiter Carlo Chatrian hat nicht zu viel versprochen, als er sagte, es gebe dieses Jahr auch etwas zu lachen: Die Sonne strahlt über das ganze Gesicht, der Tag lacht einen an, man lacht den Schrecklichkeiten, bis einem die Unbeschwertheit lacht, und können Sie bitte ein weniger leiser wiehern, wir sind hier im Kino? Was ist denn so lustig? Der Eröffnungsfilm «The Girl With All The Gifts» zum Beispiel war sehr komisch: Glenn Close stolperte hysterisch durch eine Zombieapokalypse; auf einem Mädchen, das Katzen frass, ruhte alle Hoffnung, und insgesamt war es auf jeden Fall eine gewagte Entscheidung, das Festival so beginnen zu lassen, dass die Leute glauben, ein Horrorfilm könne gut auf Schauspielführung und Einfallsreichtum verzichten.

Man hat in Locarno in der Ära Chatrian allerdings ein Flair für Trash, die Einladung an B- und C-Movie-Doyen Roger Corman zeugt davon. Auch so ein übernatürlicher Edelquatsch wie der Piazza-Film «Interchange» aus Malaysia legt nahe, dass man es mit der professionellen Schauspielerei nicht so eng sieht, solange dabei effektvolle Momente herausspringen. Jüngst hat eine Studie des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main ergeben, dass es eine Korrelation zwischen Intellekt und dem Genuss von Trash gibt: Man braucht ein Wissen um Produktionswerte, Plot und Dialog, um zu erkennen, wo das, was den Ansprüchen nicht genügt, wiederum einen eigensinnig anderen Anspruch hat – auf etwas Wilderes.

Die befreiende Perversion

Womit wir schon überleiten können zum hinreissenden Wettbewerbsbeitrag «Wet Woman in the Wind» aus Japan, ob dessen forschem Gevögel es dem Deutschschweizer Publikum fast ein wenig unangenehm wurde, auch wenn es tapfer alle Scham über die eigenen Routinen wegzulachen versuchte. Regisseur Akihiko Shiota führt darin die ritterliche Tradition der romantic pornography des japanischen Nikkatsu-Studios weiter, die in den 70er-Jahren ihre Blütezeit hatte: Softcore-Erotik mit komödiantischer Handlung, also Kino wie das Leben selbst. Ein intellektueller Einsiedler in einem Waldschuppen wird von einer jungen Frau belästigt, deren sexuelle Initiative man schlichtweg aggressiv nennen muss. Der Film ist im Grunde eine einzige, energievoll hinausgezögerte Klimax, am Schluss wackelt die halbe Welt ob dem Duracell-Gebumse, und war das alles reizend versaut und von befreiender Perversion!

Es braucht keine besonders freche Jury, damit «Wet Woman in the Wind» einen Preis bekommt: Die Inszenierung mit ihrer eigenen ökonomischen Eleganz wäre Grund genug. Ein weiterer wäre die stilsichere Darstellung der menschlichen Dürftigkeit und Unbeherrschtheit, wenn es um Sexualität geht, und ihre Ausweitung zur sexy Groteske. Aber vielleicht hat man es ja einfach nur gespürt und gemerkt, dass es funktioniert.

Im Zirkus der Tristesse

Dagegen waren andere Raubtiernummern einfach nur trist, wie jene in «Mister Universo» von Tizza Covi und Rainer Frimmel, einer Dokufiktion aus Italien, nach «La pivellina» (2009) erneut eine Erkundung der Zirkuswelt. Man sieht den jungen Löwendompteur Tairo ein, zweimal, wie er in der Manege die Bestien herumscheucht, als wärs ein Ausschnitt seidlscher Abgründigkeit. Als ihm jemand seinen Glücksbringer verschwinden lässt, macht sich Tairo auf, den grossen Gewichtheber Arthur Robin zu treffen, auf dass dieser ihm noch einmal ein Stück Eisen zu einem Talisman biege.

Das Regieduo legt damit eine Art MacGuffin in ihre sorgfältig gearbeitete, hybride Form des Beobachtungskinos: Es dient vor allem dazu, Tairo in der Begegnung mit anderen Zirkusleuten zu filmen, um warme, witzige Momente einzufangen. Ein Film wie eine poetische Injektion ins Wirkliche, und in der Schlusseinstellung weicht der ungeschönte Stil ganz der Inszenierung des Zirkusspektakels: die arrangierte Künstlichkeit bekommt ihren angestammten Platz im menschlichen Leben zurück. Da gehört sie hin, als Zauber. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.08.2016, 08:05 Uhr

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