«Einsamkeit ist sehr inspirierend»

Als Kopfmensch geboren: Die Oscarpreisträgerin Jodie Foster über ihre Kontrollsucht und ihren kuriosen neuen Film «The Beaver».

«Ich beherrsche mich immer, lasse mich nie gehen»: Jodie Foster.

«Ich beherrsche mich immer, lasse mich nie gehen»: Jodie Foster. Bild: Keystone

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In allen Ihren Filmen geht es um Menschen, die sich in seelischen Krisen befinden. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Es zieht mich einfach magisch an. Dagegen kann ich nichts machen. Es zieht sich wie ein roter Faden durch meine gesamte Arbeit. Sie finden Menschen in seelischen Krisen in all meinen Filmen. Schon in «Little Man Tate» geht es um einen siebenjährigen Jungen, der sich nicht zwischen seinem Herzen und seinem Kopf entscheiden kann. Er weiss nur, dass er sich entscheiden muss, aber er hat keine Ahnung, wie das geht. Eine Balance zu finden zwischen Herz und Kopf, darum geht es schon mein ganzes Leben lang.

In Ihnen kämpft auch der Verstand ständig gegen das Herz?
Ich kann mich sehr gut auf ein Ziel konzentrieren. Aber das hat auch eine Schattenseite. Meine Freunde sagen immer, ich mache sie wahnsinnig, weil ich immer zuerst denke und erst dann fühle.

Haben Ihre Freunde denn recht?
Ich fürchte schon. Ich denke mich immer erst einmal durch eine neue Erfahrung, bevor ich sie auch emotional an mich heranlasse. Ich beherrsche mich immer, ich lasse mich nie gehen.

Warum haben Sie Angst vor Gefühlen?
Ich bin nun einmal als Kopfmensch geboren. Und ich bin auch nicht besonders glücklich darüber. Es ist schon ein bisschen seltsam, weil ich gut im Analysieren von Gefühlen bin. Aber wenn es um meine eigenen geht, bin ich sehr kontrolliert.

Und welche Ihrer Seiten wollten Sie uns mit «The Beaver» zeigen?
Es geht um die Einsamkeit eines Menschen, der anderen nicht mitteilen kann, wie es ihm wirklich geht. Er fühlt sich isoliert von seiner Umwelt. Das kann jeden von uns treffen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir doch alle allein. Wir alle versuchen unser ganzes Leben lang, mit dieser Einsamkeit irgendwie klarzukommen. Wenn wir das alle zugeben würden, wären wir schon nicht mehr so allein. Einsamkeit hat aber auch etwas Schönes, und gleichzeitig ist sie ein Fluch.

Einsamkeit scheint auch eines Ihrer grossen Themen zu sein.
Ich war ein Filmkind und deswegen als einziges Kind in dieser Erwachsenenwelt häufig sehr einsam. Dazu kommt: Die Schauspielerei ist ein seltsamer Job. Wenn ich einen Film drehe, lebe ich vier Monate in dieser eigenartigen Welt, die ich niemandem erklären kann. Das heisst nicht, dass ich kein Sozialleben hätte. Ich sitze nicht vor dem Spiegel, starre mich an und denke, ich werde verrückt. Ich gehe auch aus mit anderen Menschen. Aber es bleibt doch alles sehr an der Oberfläche. Letztlich habe ich das Gefühl, niemand verstehe mich. Und wie soll ich jemandem erklären, wie es ist, um vier Uhr morgens in einem See aus Kunstblut zu liegen? Und wissen Sie was? Irgendwie mag ich es auch, etwas zu besitzen, was nur mir gehört und was ich mit niemandem teilen muss. Seltsam, oder? Es hat schon etwas sehr Autistisches, als ob ich in einem Vakuum lebe. Ich leide an der Einsamkeit, aber ich sehne mich auch danach.

Weil aus Einsamkeit Kreativität entsteht?
Genau! Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne dieses Gefühl von Einsamkeit etwas von Bedeutung schaffen sollte. Einsamkeit ist unglaublich inspirierend.

Hatten Sie jemals das Bedürfnis, eine Handpuppe für sich sprechen zu lassen wie Mel Gibson im Film als depressiver Familienvater?
Nein. Ich kann Sie beruhigen, diesen Wunsch hatte ich noch nie. Ich habe die Tatsache, dass Mel durch diese Handpuppe mit seiner Aussenwelt kommuniziert, eher als eine Art Fabel gesehen. Mel Gibson spielt einen Mann, den man als «nicht normal» bezeichnen würde. Aber normal zu sein, ist nichts Erstrebenswertes. Ich würde niemandem einen Orden geben, nur weil er nicht von der Norm abweicht.

Sie haben mit den grössten Regisseuren der Welt gedreht. War das Ihre Filmschule, die Sie nie besucht haben?
Ich bin bei ihnen in die Schule des Lebens gegangen. Mittlerweile bin ich 45 Jahre im Geschäft, und meine grösste Freude an der Schauspielerei ist nicht das Spielen an sich, sondern mit diesen Regisseuren zu arbeiten und ihnen über die Schulter zu blicken und mich zu fragen: Warum hat er das jetzt so und nicht anders gemacht? Es ist ein Geschenk, von ihrer Erfahrung lernen zu dürfen. Was das Technische betrifft, habe ich am meisten von David Fincher gelernt. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, der in diesem Bereich so brillant ist. Ich liebe den Film «Panic Room», und ich würde alles für Fincher tun, um mit ihm zu arbeiten. Auf der zwischenmenschlichen Ebene habe ich am meisten von Neil Jordan gelernt. Er ist das genaue Gegenteil von David Fincher. Er lässt sich bei der Arbeit viel stärker von der Intuition leiten.

Warum verkörpern Sie in Ihren Filmen immer starke Frauen?
Mir laufen bei der Vorstellung, im Film eine schwache Frau zu verkörpern, kalte Schauer den Rücken herunter. Warum sollte ich das also machen? Das will mir nicht in den Kopf. Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich sehr wohl naive Blondinen gespielt habe genauso wie Frauen, die kapitale Fehler begehen. Es ist ja nicht so, dass ich unfehlbare Frauen spiele.

Halten Sie «The Beaver» für einen guten Titel für ein Familiendrama? Mir fällt da spontan eine Zeichentrickserie für Kleinkinder ein . . .
Ich finde den Titel grossartig. Die psychologische Bedeutung der Geschichte wird dadurch hervorgehoben. In den USA gab es in den 50er-Jahren eine TVSerie mit einem Hauptdarsteller namens «Der Biber», daran haben wir uns erinnert, als wir nach einem Filmtitel suchten. In Europa kennt man die Serie wahrscheinlich nicht. Und dann hat «Biber» auch eine schmutzige Bedeutung, aber das wissen Sie wahrscheinlich. Im Englischen bezeichnet man die weiblichen Genitalien auch als «Biber». Und einige haben mich schon ungläubig angeschaut, als sie den Filmtitel hörten.

Und das hat Sie nicht gestört?
Nein, warum auch? Ich finde den Titel lustig, und ich wollte ihn nicht ändern. Die meisten werden schon wissen, was gemeint ist, wenn sie den Trailer sehen. Dann werden alle Missverständnisse aus dem Weg geräumt, und sie wissen, dass sie sich keinen Porno ansehen werden.

Ihr Hauptdarsteller Mel Gibson ist in letzter Zeit wegen rassistischer Ausfälle und Prügelvorwürfen seiner Ex-Freundin in die Schlagzeilen geraten. Was haben Sie ihm geraten, um Leben und Karriere wieder in die richtigen Bahnen zu lenken?
Ich weiss nicht, ob ich qualifiziert bin, ihm irgendwelche Ratschläge zu geben. Und wenn ich ihm etwas geraten hätte, würde ich es Ihnen wahrscheinlich nicht erzählen. Er hat natürlich immense Probleme, mit denen er gerade ringen muss. Sicher, es ist die schlimmste Phase seines Lebens. Und wenn man sich so lange kennt wie Mel und ich und so eng befreundet ist, dann ist man in so einer Situation füreinander da. Egal, was er getan hat, ich stehle mich als Freundin gerade jetzt nicht aus der Verantwortung.

Warum haben Sie sich zuletzt als Regisseurin so rar gemacht?
Dafür gab es jede Menge Gründe. Ich war fast zehn Jahre mit einem Film über Leni Riefenstahl beschäftigt, aus dem dann doch nichts wurde. Zwischendurch hatte ich immer wieder Hoffnung, dass es gut kommt. Aber zu guter Letzt habe ich mich damit abgefunden, dass ich aufgeben muss. Dieses Projekt hat mich zeitlich stark beansprucht. Dann muss ich meiner Rolle als Mutter zweier Kinder gerecht werden. Und dann ist ja auch noch meine Karriere als Schauspielerin. Es war sehr schwierig, das alles unter einen Hut zu bringen.

Ihr Leni-Riefenstahl-Projekt ist also endgültig begraben?
Ich weiss nicht, es ist mir nie ein vernünftiges Drehbuch gelungen. Aber ich hoffe sehr, dass eine andere Schauspielerin sich dieses Projekts annehmen wird. Es ist eine spannende Geschichte, die unbedingt erzählt werden sollte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2011, 08:11 Uhr

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